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	<title>Tierethik - Animal Ethics</title>
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	<description>Bilingual Blog about the Moral Status of Nonhuman Animals and Related Fields of Study</description>
	<lastBuildDate>Sun, 27 Jun 2010 23:23:44 +0000</lastBuildDate>
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		<title>Blog nicht mehr aktiv &#8211; Blog inactive</title>
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		<pubDate>Sun, 27 Jun 2010 17:52:06 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rainer Ebert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miscellaneous]]></category>

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		<description><![CDATA[Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider nicht aktiv. Entsprechend wird auch dieser Blog nicht fortgeführt. Die bisherigen Beiträge sind jedoch weiterhin online verfügbar. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte www.ag-tierethik.de Unfortunately, the Interdisciplinary Study Group on Animal Ethics at Heidelberg University is currently not active. Therefore, this blog is not [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong><span style="color: #ff0000;">Die Interdisziplinäre Arbeitsgemeinschaft Tierethik (IAT) der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg ist derzeit leider nicht aktiv. Entsprechend wird auch dieser Blog nicht fortgeführt. Die bisherigen Beiträge sind jedoch weiterhin online verfügbar. Für weitere Informationen besuchen Sie bitte </span><a href="http://www.ag-tierethik.de" target="_blank"><span style="color: #ff0000;">www.ag-tierethik.de</span></a></strong></p>
<p><strong><span style="color: #ff0000;">Unfortunately, the Interdisciplinary Study Group on Animal Ethics at Heidelberg University is currently not active. Therefore, this blog is not continued. However, the articles published so far will continue to be available online. For more information, please see </span><a href="http://www.ag-tierethik.de" target="_blank"><span style="color: #ff0000;">www.ag-tierethik.de</span></a></strong></p>
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		<title>&#8220;Der Staat hat seine freundliche Maske abgenommen&#8230;&#8221; &#8211; Ein Interview mit Dr. Dr. Martin Balluch</title>
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		<pubDate>Thu, 30 Oct 2008 22:46:56 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rainer Ebert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Interviews]]></category>

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		<description><![CDATA[Der Philosoph und Physiker Dr. Dr. Martin Balluch ist Obmann und Kampagnenleiter des österreichischen Vereins Gegen Tierfabriken Martin Balluch studierte Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie an den Universitäten Wien und Heidelberg und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der Universität Cambridge tätig. Heute widmet er sich ganz dem Tierschutz und wurde in diesem Zusammenhang am 21. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img title="Martin Balluch" src="http://tierethikblog.de/wp-content/martinballuch.jpg" alt="Martin Balluch" align="right" /></p>
<p>Der Philosoph und Physiker Dr. Dr. <a title="Wikipedia-Artikel über Martin Balluch" href="http://de.wikipedia.org/wiki/Martin_Balluch" target="_blank">Martin Balluch</a> ist Obmann und Kampagnenleiter des österreichischen <a title="VGT" href="http://www.vgt.at/" target="_blank">Vereins Gegen Tierfabriken</a></p>
<p>Martin Balluch studierte Mathematik, Physik, Astronomie und Philosophie an den Universitäten Wien und Heidelberg und war als wissenschaftlicher Mitarbeiter an der <a title="Martin Balluchs Internetseite an der Universität Cambridge" href="http://www.atm.damtp.cam.ac.uk/people/mgb/" target="_blank">Universität Cambridge</a> tätig. Heute widmet er sich ganz dem Tierschutz und wurde in diesem Zusammenhang am 21. Mai 2008 zusammen mit neun anderen Aktivisten unterschiedlicher Tierschutzorganisationen im Zuge einer österreichweiten Razzia durch die Polizei <a title="Operation Pelztier" href="http://www.zeit.de/online/2008/22/tierschutz-pelze-wien" target="_blank">festgenommen</a>. Den festgenommenen Tierschutzaktivisten wird von der Staatsanwaltschaft Wiener Neustadt die Bildung einer kriminellen Organisation vorgeworfen. Am 2. September 2008 wurde Martin Balluch gemeinsam mit den bis dahin noch acht übrigen Inhaftierten auf Weisung der Oberstaatsanwaltschaft Wien aus der Untersuchungshaft entlassen. Die Verhaftung von Martin Balluch und den anderen Tierschützern wurde international kritisiert und führte insbesondere zu einer öffentlichen Diskussion über den zugrunde liegenden so genannten „Mafiaparagraphen“ (§278a StGB, „Kriminelle Organisation“).<span id="more-117"></span></p>
<p><strong>Persönliches</strong></p>
<p><em><strong>Florian: </strong>Wie kamen Sie zum Thema Veganismus/Tierrechte? Gab es ein Schlüsselerlebnis?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Ich hab schon seit meiner Kindheit ein erhöhtes Tierinteresse. Meine Mutter hat mir auch <em>„direct actions“</em> vorgelebt, wie sie einmal – ich war vielleicht 4 Jahre alt – 2 Buben, die Krebse gefangen und ihnen die Scheren ausgerissen haben, das Fangnetz wegnahm und zerriss. Ich wurde erstmals 1979 für Umweltschutz aktiv und erreichte in der Anti-AKW Bewegung, dass in Österreich bis heute keine Atomkraftwerke betrieben werden dürfen. Anfang der 1980er Jahre traf ich erstmals eine vegetarisch lebende Person und wurde umgehend zu dieser Lebensweise konvertiert. 1984 gab es die in Österreich bereits legendäre Besetzung der Hainburger Au, die heute ein Nationalpark ist, in deren Verlauf ich aber endgültig zum Tierrechtler wurde. Ich organisierte dann verschiedene Seminare in Wien und Heidelberg an den Unis zu Tierrechten, in Heidelberg diskutierten wir 1 Semester lang das Buch <em>„Praktische Ethik“</em> von Peter Singer und hielten auf der Sommeruni einige Veranstaltungen zu Tom Regan und Tierrechtsphilosophie ab. Seit 1989 lebe ich vegan.</p>
<p><em><strong>Rainer: </strong>Sie leben also seit nunmehr fast 20 Jahren vegan, d.h. Sie verzichten neben Fleisch auch auf Eier und Milch, sowie den Konsum anderer tierischer Produkte. Empfinden Sie als belastend, diesen Lebensstil in einer Gesellschaft, in der die Norm der Konsum von Fleisch ist, konsequent durchzuhalten? Woher beziehen Sie die nötige Energie? Empfinden Sie sich häufig als „Außenseiter“ oder Teil einer sozio-intellektuellen Minderheit bzw. werden von anderen entsprechend behandelt? Wie unterscheiden sich Ihre Alltagserfahrungen als Veganer in Deutschland, Großbritannien und Österreich?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p><em><strong></strong></em>Vegan zu leben ist eigentlich nur dann anstrengend, wenn man in Umstände gerät, die nicht dem täglichen Tagesablauf entsprechen, wie z.B. in einer fremden Stadt oder beim Bergwandern auf einer Hütte. Unter derartigen Umständen muss man sich dann oft zurückhalten oder einschränken. Aber wenn man Zeit hat, seine Umgebung kennen zu lernen und sich ein veganes Leben einzurichten, dann ist es meiner Erfahrung nach bisher überall sehr einfach und nicht energieaufwendig gewesen. In Außenseitersituationen vermeide ich die Konfrontation und rede mich zur Not sogar auf Laktoseintoleranz heraus. Die nötige Energie, den generellen Aufwand zu überwinden, ziehe ich aus dem Rückhalt in der Tierrechtsbewegung. Als Einzelkämpfer würde ich das wahrscheinlich nicht durchhalten.</p>
<p><em><strong>Rainer: </strong>Was hat Sie dazu bewogen, Ihre vielversprechende Karriere an der Universität aufzugeben und sich ganz dem Tierschutz zu widmen? Wie hat Ihr persönliches Umfeld auf diese Entscheidung reagiert? Gibt es Momente, in denen Sie diese Entscheidung bereuen?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p><em><strong></strong></em>Mathematische Physik und eine akademische Karriere als Wissenschaftler und Lehrer waren anfänglich mein Lebensinhalt. Langsam und fast unmerklich bin ich dann aber immer mehr in den praktischen Aktivismus für Umwelt und Tiere gerutscht. Dann gab es auch bald Konflikte. So startete ich an der Uni Cambridge eine Kampagne gegen die Tierversuche am Institut für Experimentelle Physik meines eigenen Arbeitgebers. Es gab ein Disziplinarverfahren gegen mich und die Auflage, derartiges nicht mehr zu tun. 1994 wollte mich England sogar wegen meines Einsatzes für Tierrechte deportieren. Das konnte erst nach vielen Interventionen von WissenschaftskollegInnen wie z.B. Prof. Steven Hawking im Jahr 1995 verhindert werden. Irgendwann wurde mir klar, ich müsste mich entscheiden, entweder politische Verantwortung zu übernehmen oder mich in den akademischen Elfenbeinturm zurückzuziehen. Aber zum Zeitpunkt, als mir diese Frage bewusst wurde, hatte ich bereits keine andere Möglichkeit, als mich für Ersteres zu entscheiden. 1997 schließlich gab ich meine akademische Karriere auf.</p>
<p>Ja, immer wieder tut mir das sehr leid, und ich versuche zu mehr Veranstaltungen an der Uni zu gehen. Im Grunde meiner Seele bin ich ein intellektueller Mensch und kein Aktivist.</p>
<p><em><strong>Florian:</strong> Was war Ihre Motivation, nach Ihrer ersten Doktorarbeit in Physik noch eine zweite in Philosophie zu schreiben?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p><em><strong></strong></em>Einerseits war das für mich eine Chance, wieder akademisch arbeiten zu können. Andererseits hatte ich neue Ideen zu Tierrechten, die, wie mir schien, noch niemand so ausformuliert hatte, die aber meinem Empfinden nach den einzig richtigen Weg vorzeigen, um Tierrechte zu begründen. Ja, und für Philosophie habe ich mich schon sehr lange interessiert. Ich habe aber das Studium der Philosophie konkret hauptsächlich deswegen begonnen, um Tierrechte und meine Ideen dazu in den universitären Diskurs einzubringen.</p>
<p><em><strong>Diana: </strong>Welche Pläne haben Sie für die Zukunft?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Erschreckender Weise gibt es für mich im Moment an der Universität Wien und an der Technischen Universität Wien das Verbot, Veranstaltungen abzuhalten und Vorträge zu halten. Das erschüttert mich tief und widerspricht vollständig meiner Vorstellung einer Universität als Hort des offenen Meinungsaustauschs und der kritischen Diskussion. Selbst UniversitätsprofessorInnen, die mich in ihren Lehrveranstaltungen reden lassen, bekommen Schwierigkeiten. Das ist von oben gesteuert und ein Teil der politischen Vendetta gegen mich.</p>
<p>Mein Plan für die Zukunft ist angesichts derartiger Vorkommnisse und der gesamten Repression gegen mich eigentlich nur zu überleben. Ich kann es mir im Moment nicht mehr leisten – in einer angeblichen Demokratie – auf Demonstrationen zu gehen und an Aktionen des zivilen Ungehorsams teilzunehmen. Ich möchte daher meine Zeit hauptsächlich dafür nutzen, Bücher und Aufsätze zu schreiben, Filme zu machen, Vorträge und Konferenzen zu organisieren und Verhandlungen mit der Politik über Fortschritte im Tierschutz durchzuführen. Erst wenn die unmittelbare Bedrohung durch diesen Prozess und einer potentiellen Gefängnisstrafe beendet ist, sehe ich wieder die Möglichkeit, konkrete Tierschutzarbeit zu leisten.</p>
<p><strong>Inhaftierung und das Danach</strong></p>
<p><em><strong>Rainer:</strong> Wie haben die Menschen in Ihrem persönlichen Umfeld auf Ihre Verhaftung reagiert? Welche Reaktionen kamen dann nach der Enthaftung nach 104 Tagen Untersuchungshaft?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Alle Menschen in meinem persönlichen Umfeld waren zutiefst bestürzt. Wir alle hatten beim besten Willen nicht geglaubt, dass der Staat zu derartig massiven Gewaltübergriffen ohne jeden guten Grund willens und fähig ist, und dass derartiges auch noch durch richterliche Anordnungen gedeckt wird. Aber das positive Erlebnis dabei war das Zusammenrücken praktisch aller Menschen in der Tierrechtsbewegung, nicht nur in Österreich sondern auch international. Ich hatte unheimlich viel Unterstützung während der Haft, 600 Briefe in 100 Tagen, 300 Demonstrationen für meine Freilassung in Österreich, und etwa ebensoviele international.</p>
<p>Die Enthaftung hat uns insoferne überrascht, als dass wir zwar die Haft an sich für unfassbar gehalten haben, aber mit einer Enthaftung nach all den Erfahrungen mit UntersuchungsrichterInnen nicht unmittelbar zu rechnen war. Die Reaktion war dann eine unglaubliche Erleichterung und Freude, eigentlich überall.</p>
<p>Die mediale Reaktion war interessant. Die meisten JournalistInnen haben verhalten sympathisiert, ganz wenige auch offen. Aber eine ganze Reihe von JournalistInnen war unglaublich bösartig und hat sehr hetzerisch gegen mich geschrieben. Offenbar hatten diese Leute schon lange einen Groll auf den Tierschutz und/oder den VGT bzw. mich. Was mir diese ganze Causa gezeigt hat, war daher auch, wieviele Feinde ich mir im Laufe der vielen Jahre geschaffen habe. Feinde nämlich, die ich zwar nicht persönlich kenne, die mich aber wirklich abgrundtief zu hassen scheinen. Auch das ist ziemlich beunruhigend.</p>
<p>Das Trauma der letzten Monate ist aber noch lange nicht überwunden. Ich bin in psychotherapeutischer Behandlung und habe laufend Panikattacken und Angstzustände. Ich wache schreiend in der Nacht auf und habe seit dem Überfall am 21. Mai 2008 keine einzige Nacht mehr ruhig durchgeschlafen. Und die Wohnung, in der ich überfallen wurde, kann ich bis heute nicht ohne innere Panik betreten. Ich werde dort nie wieder eine Nacht verbringen, obwohl ich dort seit über 40 Jahren wohne, dort geboren wurde und meine Kindheit und Jugend verbracht habe. Das ist schon sehr traurig. Oft frage ich mich, ob diese Menschen, die mir derartiges antun, eigentlich wissen, was für Auswirkungen ihre Handlungen haben.</p>
<p><em><strong>Kazimir: </strong>Wie, glauben Sie, kam es zu einer solch unglückseligen Reaktion des österreichischen Staates? Was müsste hier getan werden?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>In den 1980er und frühen 1990er Jahren waren wir ein bunter Haufen von AktivistInnen mit Narrenfreiheit. Wir haben viele Aktionen gemacht, viele Kundgebungen, und wurden dafür mehr oder weniger nur verlacht und nicht ernst genommen. Die Polizei war überhaupt nicht an uns interessiert. Wir rechneten nicht einmal mit einem konkreten Erfolg unserer Aktivitäten, wir haben eigentlich nur auf Tierschutz und Tierrechte aufmerksam machen wollen.</p>
<p>1997 hatten wir dann genügend Selbstvertrauen, um eine konzertierte Kampagne mit klarem politischem Ziel zu beginnen. Wir wollten ein Pelzfarmverbot in Österreich. Wir entwickelten die Strategie der Dauerdemos, also der regelmäßigen Kundgebungen gegen den politischen Gegner, um auf seine ethisch problematische Verhaltensweise aufmerksam zu machen. Zusätzlich gab es Besetzungen und Aktionen des zivilen Ungehorsams, die bewusst immer stärker eskalierend eingesetzt wurden, um den Konflikt zu verschärfen. Am 30. November 1998 schloss die letzte österreichische Pelzfarm und wir hatten das welterste grundsätzliche Pelzfarmverbot.</p>
<p>Wir haben diese Strategie dann immer weiter ausgeweitet und eine erstaunliche Reihe weiterer Erfolge eingefahren. Spätestens beim echten Legebatterieverbot, das auch ausgestaltete Käfige und Kleinvolieren umfasst, hatten die Mächtigen genug. Bei 3 Wahlen im Jahr 2004 gingen wir der Regierungspartei derartig auf die Nerven, dass sie zwar nachgeben musste, aber uns offenbar Rache schwor. Von nun an wurden wir ernstgenommen – und bespitzelt, überwacht und abgehört. Das Klima wurde zunehmend schwieriger, wir hatten grundsätzliche Demonstrationsverbote (z.B. innerhalb von 50 m von pelzführenden Geschäften in Wien, und überhaupt überall in Graz), die wir in altbewährter Weise mit passivem, gewaltfreiem Widerstand und Besetzungen bekämpften (so besetzten wir das Rathaus in Graz aus Protest). Wir waren wieder erfolgreich, aber unsere GegnerInnen hassten uns noch mehr.</p>
<p>Es gab dann 2005 einen offiziellen Brief des Unterrichtsministeriums, in dem alle Schulen vor unserer radikalen Meinung gewarnt wurden. Das Amt für Terrorismusbekämpfung schickte uns die Finanzprüfung ins Haus, und man versuchte, dem VGT die Gemeinnützigkeit abzuerkennen, was einer Vereinsauflösung gleichkäme. Zusätzlich stiegen die Verwaltungsstrafen für Lächerlichkeiten ins Unermessliche – z.B. wurde eine behinderte unbescholtene Frau mit 4000 Euro Strafe belegt, weil sie angeblich ein Feld betreten hatte, in dem gerade eine Treibjagd stattfand und ich wurde mit 550 Euro wegen Tierquälerei bestraft, weil ich das gesetzwidrige Abschießen von gerade ausgelassenen Zuchtfasanen unterbunden hatte. Zusätzlich gab es, wie wir heute wissen, eine Reihe von Treffen des Amtes für Terrorismusbekämpfung mit unseren politischen GegnerInnen, um gegen uns zusammen zu arbeiten. Die Polizei übernahm die Medienarbeit, beriet in Maßnahmen gegen unsere Aktionen und veranlasste die Abhaltung von Pseudokundgebungen mit dem einzigen Zweck, unsere Kundgebungen untersagen zu können.</p>
<p>Anfang 2007 gründete der Innenminister, den wir öffentlich kritisiert und als Lügner bezeichnet hatten, eine Sonderkommission gegen uns. Es kam zum Großen Lauschangriff, fast 40 Personen wurden observiert, abgehört und verfolgt. Spitzel wurden in den VGT eingeschleust, das VGT-Büro wurde verwanzt, unsere Vereinsfahrzeuge wurden mit Peilsendern versehen. Die Kontobewegungen aller MitarbeiterInnen wurden überwacht. In Sitzungsprotokollen bei den ersten Treffen der Sonderkommission steht eindeutig, dass man uns „leider“ keine kriminelle Tätigkeit nachweisen könne, weshalb §278a „kriminelle Organisation“ gegen uns verwendet werden müsse. Als auch nach dem Großen Lauschangriff kein Hinweis auf eine kriminelle Aktivität vorlag, griff man zu härteren Maßnahmen. Am 21. Mai 2008 wurden 7 Büros von 6 Tierschutzvereinen überfallsartig von der Polizei durchsucht und leergeräumt. Gleichzeit drangen bewaffnete und maskierte Einheiten in 23 Privatwohnungen ein. Bei mir schlugen 30 Maskierte in der Nacht die Tür ein, bestrahlten mich im Bett mit Scheinwerfern und hielten mir die Pistolen an den Kopf. Danach wurde meine Wohnung 6 Stunden lang durchsucht und fast alles mitgenommen. Zuletzt wurde ich für 104 Tage in eine Zelle gesperrt. 38 Personen wurden festgenommen und verhört.</p>
<p>Fakten sind: Der Große Lauschangriff brachte keinen Hinweis darauf, dass wir kriminelle Handlungen setzen, planen oder organisieren. Bei den Hausdurchsuchungen fand sich kein Material, mit dem kriminelle Handlungen durchgeführt wurden. Die zwangsweise abgenommenen DNA-Proben lieferten keine Übereinstimmung mit DNA-Spuren an Tatorten krimineller Handlungen mit Tierschutzbezug. Und im Jahr 2007 nahmen die kriminellen Handlungen mit Tierschutzbezug gegenüber 2006 laut Staatsschutzbericht auf die Hälfte ab, während die legalen Aktivitäten dramatisch zulegten. In einem Sitzungsprotokoll der Sonderkommission von Ende Juni 2008 ist die Frage der einzige Tagesordnungspunkt, mit welchen weiteren Schritten der VGT zerstört werden könnte. Bis heute hat keiner der 6 überfallenen Vereine seine Infrastruktur wie die Mitgliederdatenbank, die Buchhaltung oder die Foto- Film- und Datenarchive zurückerhalten – ein Todesurteil für einen Verein. Wir sind handlungsunfähig. Es bleibt keine andere Schlussfolgerung, als dass die Behörde diese Aktivitäten nicht deswegen setzt, weil eine bedrohliche Kriminalität bekämpft werden muss, sondern deshalb, weil die Tierschutzbewegung in Österreich zu erfolgreich und zu unbequem geworden ist.</p>
<p>Was lässt sich tun? Diese unglaubliche, DDR-artige Repression gegen legalen politischen Aktivismus und gegen kritische Meinungen muss der Öffentlichkeit bewusst werden. Man muss auf breiter Front erkennen, dass Demokratie und Menschenrechte in Gefahr sind, nicht nur die TierschützerInnen. §278a muss geändert oder abgeschafft werden, weil er eine ständige Bedrohung für die Gesellschaft ist.</p>
<p><em><strong>Florian: </strong>Wie gestaltete sich die vegane Ernährung in der Haft? Was stand auf Ihrem Speiseplan und war es schwierig, vegane Ernährung durchzusetzen?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Die ersten 39 Tage meiner Haft war ich aus Protest im Hungerstreik. Ich hatte über 30 kg verloren und wurde letztendlich in die Krankenabteilung des Gefängnisses überstellt und künstlich ernährt. Nach 39 Tagen war ich dem Tod so nahe, dass ich etwas unternehmen musste. Zusätzlich stand eine Haftprüfung vor der Tür, und so beschloss ich, mich langsam wieder ans Essen zu gewöhnen. Ich bekam dann zwar vegane Nahrung, aber völlig unzureichend und schlecht. Die vegane Ernährung durchzusetzen war nicht so schwierig, aber meine Weigerung, Seife und Zahnpasta zu verwenden, die an Tieren getestet worden waren, war wesentlich komplizierter. Letztendlich konnte ich aber derartige Artikel durch den Gefängnisseelsorger, der großes Verständnis für mich hatte, erhalten.</p>
<p><em><strong>Alexandra: </strong>Halten Sie in Deutschland ähnliche staatliche Repressionen gegen den Tierschutz bzw. gegen Tierechtsgruppierungen wie in Österreich für denkbar oder waren Sie mit einem spezifisch österreichischen Problem konfrontiert?</em></p>
<p><strong><em>Martin Balluch:</em></strong></p>
<p>Bisher kannte man ein so drastisches Vorgehen gegen politische Bewegungen in Österreich nicht. Es gab auch keine RAF in Österreich. Man sprach immer von der Insel der Seligen. Aber jetzt hat der Staat seine freundliche Maske abgenommen und seine hässliche Fratze gezeigt. Wir stehen vor der erschütternden Erkenntnis, dass Demokratie, Meinungs- und Versammlungsfreiheit nur Feigenblätter sind. Sie werden solange gepriesen und zugelassen, solange sie nicht dazu verwendet werden, die Gesellschaft ernsthaft zu verändern. Geschieht eine gesellschaftliche Veränderung durch politischen Druck auf Basis dieser Freiheiten und Rechte, dann werden sie sofort entzogen. Das Amt für Terrorismusbekämpfung betrachtet einen derartigen politischen Druck grundsätzlich als terroristisch, auch wenn er nur mit gewaltfreien Mitteln des zivilen Ungehorsams umgesetzt wird. Im Prinzip, denke ich, wird sowas in allen Staaten des „demokratischen“ Westens zu erwarten sein, die durch eine soziale Bewegung derartig verändert bzw. unter Druck gesetzt werden, wie das der Tierschutzbewegung in Österreich gelungen ist. Erstaunlich in unserem Fall ist aber, dass die große Mehrheit der Bevölkerung vollständig auf unserer Seite steht. Wäre das nicht so, würden wir schon längst im Gefängnis verrotten und vergessen sein. Aber die Solidaritätsbekundungen mir völlig fremder Personen in derartig großer Zahl waren sehr überraschend und erfreulich für mich. Kaum hatte ich das Gefängnis verlassen, fanden sich Personen, die mich mit allem versorgten, wie einer neuen Wohnung, einem Fahrrad, einem Laptop, einem Handy, ja selbst Armbanduhren und Geld. Bis heute sprechen mich auf der Straße Menschen an und gratulieren mir und bedanken sich. Manche stecken mir auch Geld zu. Umgekehrt bekomme ich überhaupt keine negativen Reaktionen zu spüren, weder in Person noch per Email.</p>
<p><em><strong>Florian: </strong>Welche Auswirkungen hatte die Inhaftierung auf die österreichische Tierrechts- und Tierschutzbewegung? Wie sieht es in anderen Ländern, insbesondere Deutschland, aus? Ist zu erwarten, dass die nun herrschende größere Einigkeit innerhalb des Tierschutzes länger anhält? Erwarten Sie, dass die Inhaftierung eine nachhaltige, positive Wirkung entfalten wird?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Viele Menschen haben gemeint, dass diese ganze Geschichte zwar für die Betroffenen persönlich ein Trauma sein mag, aber im Großen gesehen nur positiv wäre. Die doch oft so zerstrittene Tierrechtsbewegung wurde einiger, die Repression durch die Behörde für alle offensichtlich.</p>
<p>Aber ich möchte schon davor warnen, die noch immer bestehende Bedrohung nicht genügend ernst zu nehmen. Die Staatsanwaltschaft versucht noch immer, mindestens 27 Beschuldigte mit §278a zu verfolgen und zu inhaftieren. Vielen Menschen drohen also noch immer bis zu 5 Jahre Gefängnis und der persönliche Ruin sollten Schadensersatzklagen nach einer Verurteilung erfolgreich sein. Und das dafür, absolut nichts Kriminelles getan, sondern nur legitime und legale wenn auch konfrontative politische Kampagnen gefahren zu haben!</p>
<p>Abgesehen davon liegt der Tierschutzaktionismus in Österreich im Moment danieder. Es sind zwar gerade durch diese Ereignisse mehr Personen denn je motiviert worden, aktiv zu werden, aber der Druck und die Bedrohung fordern Tribut, und es gibt keine gezielten Kampagnen. Selbst wenn wir diese Prozessdrohung überleben, stehen wir vor einem Scherbenhaufen, auf dem wir erst wieder etwas aufbauen müssen. Ende November 2008 halten wir einen großen Tierrechtskongress in Wien ab, in dem wir uns diesem Thema – der Verarbeitung der Ereignisse und dem Neuaufbau – widmen werden (siehe <a title="Tierrechtskongress Wien 2008" href="http://www.tierrechtskongress.at" target="_blank">www.tierrechtskongress.at</a>).</p>
<p><em><strong>Rainer: </strong>Was können Sie uns über den aktuellen Stand der Ermittlungen gegen Ihre Person bzw. gegen die mutmaßliche terroristische Vereinigung (im Sinne von § 278a) sagen? Rechnen Sie mit einem baldigen gerichtlichen Verfahren gegen Sie und/oder andere Tierschützer?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Kürzlich erließ der Oberste Gerichtshof ein Urteil zur Berufung gegen die erste Verhängung von Untersuchungshaft unmittelbar nach den Verhaftungen. Und zu unser aller Entsetzen befand der Richtersenat, dass die Untersuchungshaft zurecht verhängt worden war. Der Oberste Gerichtshof sieht tatsächlich die Existenz einer großen kriminellen Organisation für gegeben an und betrachtet moderierte Internetforen, verschlüsselte Computer, anonyme Handys, die Einsetzung von VGT-KampagnenkoordinatorInnen in verschiedenen Bundesländern und den Ausdruck von Sympathie für ALF-Aktivitäten in jahrealten Einträgen auf Internetforen als ausreichend, einen dringenden Tatverdacht für einzelne Personen annehmen zu können. Der Sonderkommission andererseits ist offenbar völlig klar, dass sie keinerlei handfeste Indizien für kriminelle Handlungen hat, und deshalb sucht sie verzweifelt weiter. Die Ermittlungen laufen immer noch auf Hochtouren, mindestens 32 Personen arbeiten 40 Stunden die Woche daran, irgendwelche Gründe zu finden, mich ins Gefängnis bringen zu können. Das ist schon ein sehr seltsames Gefühl. Ich frage mich manchmal, was diese Personen eigentlich dazu motiviert. Ist es nur das Gehalt, oder sehen sie auch persönlich in der Tierrechtsbewegung eine Gefahr für die Gesellschaft?</p>
<p>Wie es konkret weitergeht ist ungewiss. Die AnwältInnen, die in diesem Verfahren als VerteidigerInnen beteiligt sind, haben verschiedene Meinungen dazu. Manche denken tatsächlich, eine Verurteilung sei wahrscheinlich. Andere rechnen nicht mit einer Anklage innerhalb der nächsten 12 Monate, wenn überhaupt. Wir haben mit einem Amoklauf einer Behörde in dieser Art noch zu wenig Erfahrung, um zu wissen, was jetzt passieren wird.</p>
<p><em><strong>Rainer: </strong>Sind Ihnen Verbindungen zwischen dem Verein Gegen Tierfabriken (VGT) und der Animal Liberation Front (ALF) bekannt? Wenn ja, welcher Art sind diese Verbindungen?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Nein, es gibt keinerlei derartige Verbindungen. Unser Hauptziel sind Kampagnen zur Verschärfung des Tierschutzgesetzes, und bei diesen Kampagnen hat es praktisch nie ALF-Aktionen gegeben. Der VGT hat bisher auf keine Weise ALF-Aktionen unterstützt oder überhaupt auf seiner Webseite erwähnt.</p>
<p><em><strong>Rainer: </strong>Laut österreichischer Polizei verursachten Tierschützer in den vergangenen zwölf Jahren einen strafrechtlich relevanten Schaden von ca. 3,5 Millionen Euro. Im Zusammenhang mit den Ermittlungen gegen Sie und Ihre neun ehemaligen Mitinhaftierten wird des Öfteren eine Schadenssumme von 600.000 Euro zitiert. Entsprechen diese Zahlen aus Ihrer Sicht bzw. derer des VGT der Wirklichkeit und wie sehen Sie die Tierschutzkriminalität in Österreich im internationalen Vergleich?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Diese Zahlen bedürfen einer starken Relativierung. Erstens sind bei den genannten 3,5 Millionen Euro eine Reihe von Bränden dabei, für die es weder Bekennungen gibt, noch überhaupt klar ist, ob es sich um Brandstiftungen gehandelt hat. In zumindest 2 Fällen von Brand, die dabei inkludiert sind, gab es laut Sachverständigengutachten keinen Hinweis auf Brandstiftung. Zusätzlich sind bei dieser Schadenshöhe die Angaben der Geschädigten unkritisch widergegeben. Diese halten aber bei näherer Betrachtung einer Kritik nicht stand. Und eines dürfen wir auch nicht vergessen: die letzte Brandstiftung mit Tierschutzbezug hat vor über 6 Jahren stattgefunden. Wieso wird das jetzt, so lange danach, wieder aufgewärmt?</p>
<p>Die Schadenssumme von 600.000 Euro im Zusammenhang mit den Inhaftierten ist bemerkenswert. Sie besteht nämlich im wesentlichen aus einer einzigen Aktion, bei der Buttersäure in einen Verkaufsraum gespritzt worden ist. Und alle relevanten Untersuchungen belegen, dass die angegebene Schadenssumme in diesem Fall etwa 50 Mal (!) höher ist, als der tatsächlich eingetretene Schaden. Jedenfalls sieht das die betroffene Versicherungsfirma so und weigert sich zu zahlen. Ein entsprechendes Verfahren ist anhängig. Wie wir vom VGT auf diesen Verdacht aufmerksam gemacht haben, wurden wir von der Firma mit einer Klage bedroht. Die Vermutung ist nicht von der Hand zu weisen, dass das Innenministerium selbst die Firma veranlasst hat, einen so großen Schaden anzugeben, damit sie einen Grund vorweisen konnte, eine Sonderkommission zu gründen. Aber natürlich gilt bis zur gerichtlichen Klärung der Lage die Unschuldsvermutung. Näheres findet sich hier: <a href="http://www.vgt.at/presse/news/2008/news20081018.php" target="_blank">www.vgt.at/presse/news/2008/news20081018.php</a>.</p>
<p><em><strong>Alexandra: </strong>Vor Kurzem gab es wieder eine Hausdurchsuchung. War der VGT betroffen? Stehen Aktivisten weiterhin unter Beobachtung?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Die Sonderkommission sucht mit immer größerer Besessenheit nach auch nur irgendeiner Evidenz für strafrechtliche Handlungen. Nach Freilassung der Gefangenen wurde das Haus eines der Gefangenen noch einmal durchsucht. Zusätzlich gab es noch eine zweite Hausdurchsuchung. Begründet wurde dieses Vorgehen damit, dass die betroffenen Personen mit den Beschuldigten nahe bekannt seien, und daher auch in ihren Wohnbereichen und Computern Daten oder Materialien der kriminellen Organisation versteckt sein könnten.</p>
<p>Als auch diese Maßnahmen zu nichts führten, beantragte die Sonderkommission die Ausforschung von Namen und Adressen aller tausenden Personen, die in den letzten 2 Jahren mit den Beschuldigten und insbesondere mit dem VGT telefoniert haben. Mit diesen Namen wurde dann offenbar eine Rasterfahndung eingeleitet. Jedenfalls hat man erst kürzlich wieder eine Hausdurchsuchung bei einer Frau durchgeführt, die nur zahlendes Mitglied beim VGT ist, aber selbst überhaupt nicht im Tierschutz aktiv. Ins Raster kam sie deswegen, weil sie telefonisch im VGT-Büro ein T-Shirt bestellt hatte.</p>
<p>Alle AktivistInnen stehen im Moment wahrscheinlich mehr unter Beobachtung als jemals zuvor.</p>
<p><strong>Aktivismus</strong></p>
<p><em><strong>Alexandra: </strong>Wie sehen Sie die Zukunft der Tierschutz-/Tierrechtsarbeit in Österreich und Deutschland? Welche Bedeutung kommt dabei Ihrer Forderung nach Personenrechten für Menschenaffen zu?</em></p>
<p><strong><em>Martin Balluch:</em></strong></p>
<p>Ich hoffe sehr, dass Vernunft und Demokratie gewinnen und auch in Zukunft wieder erfolgreiche Tierschutzarbeit möglich sein wird, auch wenn sie konfrontative politische Kampagnen umfasst. Auf diese Weise werden wir das Tierschutzgesetz sukzessive verschärfen. Gleichzeitig ist aber Bewusstseinsarbeit unumgänglich. Und dazu gehört das Thematisieren der Mensch-Tier Beziehung schlechthin. Dabei stellt sich die Frage, warum gerade ausschließlich biologische Menschen natürliche Personen nach dem Gesetz sein können, und wie dieser Begriff „Menschen“ eigentlich definiert ist. Anfang 2007 haben wir für einen Schimpansen einen <a title="Court to rule if chimp has human rights" href="http://www.guardian.co.uk/world/2007/apr/01/austria.animalwelfare" target="_blank">Prozess</a> begonnen, um genau diese Frage zu thematisieren. Wir haben einen Sachwalter für diesen Schimpansen gerichtlich beantragt und dafür mit Hilfe verschiedener Expertengutachten argumentiert. Es können aber nur Personen besachwaltert werden. Die Gerichte aller Instanzen haben sich um die Diskussion der Frage gedrückt, wer nach österreichischem Recht eigentlich eine Person ist und wer nicht. Interessanterweise gibt’s dazu nicht einmal akademisch-juristische Literatur oder Präzedenzfälle. Das Verfahren ist jetzt beim Europäischen Gerichtshof für Menschenrechte.</p>
<p><em><strong>Florian: </strong>Sie haben mit dem VGT in Österreich Verbote von Pelztierfarmen (2005), von Versuchen an Menschenaffen (2006), von Wildtieren in Zirkussen (2005) und der Käfighaltung in Österreich ab 2009 erreicht – desweiteren die Einrichtung von Tierombudsschaften (2005). Warum ist der österreichische Tierschutz so erfolgreich und wie könnte man dies auf Deutschland übertragen?</em></p>
<p><strong><em>Martin Balluch:</em></strong></p>
<p>Die Tierschutzbewegung in Österreich ist in der Tat unglaublich erfolgreich, und ich führe das auf die fruchtbare Zusammenarbeit zwischen pragmatischer und seriöser Forderung mit entsprechendem Auftreten in der Öffentlichkeit, gepaart mit einer konfrontativen Kampagne einer Massenbewegung (grassroots), die sich in selbstbestimmte Kleingruppen organisiert, zusammen. Üblicherweise streiten diese 2 Fraktionen, bzw. sind grassroots-Kampagnen sehr strikt abolitionistisch und nicht pragmatisch-reformistisch orientiert. Ich meine also, dass die Paarung von seriös auftretenden NGOs mit zahlreichen selbstorganisierten Kleingruppen in gewaltfreien und nicht-kriminell geführten, politisch konfrontativen Kampagnen, fokussiert auf pragmatisch ausgewählte, realistische Ziele und unter Beachtung der Sympathie und Unterstützung der Mehrheit der Bevölkerung, den Erfolg bringt. Leider bringt das aber auch, wie wir gesehen haben, die Repression. Wenn der Staat mit brutaler Gewalt diese fruchtbare Kooperation jetzt zerschlägt, dann kann das durchaus für den Tierschutz zukünftig eine Eiszeit bedeuten.</p>
<p><em><strong>Rainer: </strong>Sie haben sich in mehreren Ihrer Publikationen für reformistischen und gegen abolitionistischen Tierrechtsaktivismus ausgesprochen. Ist das nicht ebenso absurd, wie Menschenrechtsgruppen zu raten, sich an Kampagnen für „humanere“ menschenrechtsverletzende Praktiken zu beteiligen?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Ich war jetzt selbst lange Zeit in einer winzigen Zelle. Ich behaupte, meine Inhaftierung war menschenrechtswidrig. Wenn aber eine Enthaftung durch eine Kampagne von Menschenrechtsgruppen (z.B. durch Abschaffung des menschenrechtswidrigen §278a) nicht realistisch möglich erscheint, dann hätte ich mich als Gefangener auch über jede kleinste Verbesserung gefreut, wie z.B. einfach nur täglich duschen, öfter als 1 Stunde pro Woche Besuch und vielleicht nicht hinter Panzerglas empfangen, mehrmals die Woche einen Gymnastikraum betreten oder die tägliche Stunde Hofgang in einem grünen Hof mit Bäumen und Wiese abhalten zu dürfen. Darüberhinaus glaube ich nicht, dass die Verfolgung dieser Interimziele einer rascheren Durchsetzung der Menschenrechte (z.B. der Abschaffung von §278a) im Weg stünde, im Gegenteil, ich denke, dass eine Gesellschaft, die auch ihren Gefangenen derartige Mindeststandards von Haltungsbedingungen bietet, eher für drastischere Maßnahmen zu gewinnen wäre.</p>
<p>Ähnlich im Fall von Tierschutz. Abolitionistische Ziele beruhigen vielleicht das Gewissen und verhindern, dass man sich selbst mit Kompromissen beschmutzt. Aber sie bleiben undurchsetzbar. Man holt sich lediglich Kopfweh vom ewigen Versuch, mit dem Kopf durch die Wand zu rennen. Reformistische Ziele kann man nur im Morast der Realpolitik erstreiten. Das geht nicht, ohne schmutzig zu werden. Aber sie sind durchsetzbar. Und gut gewählte reformistische Ziele sind Meilensteine auf dem Weg zum Abolitionismus, meine ich. Schlecht gewählte reformistische Ziele können durchaus das Fortkommen Richtung Tierrechte verhindern, das sehe ich auch so. Die Reformen müssen also echte Quantensprünge Richtung Tierrechte sein, sie müssen wirklich etwas verändern, die Tierindustrie handfest einschränken. Dann bieten sie aber die Möglichkeit, das Bewusstsein für Tierausbeutung in der Bevölkerung generell zu heben. Und sie verändern die Lebensqualität der ausgebeuteten Individuen in der Zwischenzeit u.U. wesentlich zum Besseren. Ich sehe keinen Hinweis darauf, dass ein schlechter Tierschutzlevel ein Sprungbrett für eine Tierrechtsrevolution wäre, und gute Tierhaltungsbedingungen das Gewissen der Öffentlichkeit beruhigen. Im Gegenteil. Ein Pelzfarmverbot ändert das Bewusstsein der neuen Generation, die damit aufwachsen, dahingehend, dass Pelz Tierquälerei ist. Ein Verbot von Wildtieren im Zirkus ganz ähnlich. Eine Gesellschaft, die seit 20 Jahren ein Wildtierverbot im Zirkus hat, wird viel eher ein Totalverbot von Tieren im Zirkus erlassen, als eine Gesellschaft, die die Haltung von Tieren inklusive Wildtieren überhaupt nicht reguliert.</p>
<p><em><strong>Florian/Alexandra: </strong>Welche praktische Bedeutung messen Sie der universitären Beschäftigung mit Tierethik zu (im Vergleich zum Tierrechtsaktivismus wie er beispielsweise in Demonstrationen zum Ausdruck kommt)?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em> Es ist sicherlich richtig, dass der akademische Tierrechtsdiskurs die Masse der Menschen nicht wirklich erreichen wird. Aber die Masse der Menschen – und das meine ich nicht verächtlich, sondern ich zähle mich auch selbst dazu – schwimmt i.A. mit dem Strom, passt sich an ein gegebenes gesellschaftliches System an und sucht die Lebensweise innerhalb dieses Systems, die am wenigsten energieaufwendig ist, den Weg des geringsten Widerstands. Der akademische Tierrechtsdiskurs erreicht jetzt tendenziell jene Menschen, die das zukünftige Gesellschaftssystem führend mitgestalten. Kurz gesagt sehe ich darin seine größte Bedeutung. Auf der anderen Seite habe ich als alter Naturwissenschaftler und Rationalist noch immer den Anspruch, mich im rationalen Diskurs der Wahrheit nähern zu können. Und erst aus der tiefen Überzeugung einer wohlüberlegten Ethik ziehe ich die Kraft, mich auch zur Not zum eigenen Schaden für etwas Positives einzusetzen. Das ist auch eine zentrale Rolle der akademischen Tierethikdiskussion.</p>
<p><strong>Tierethik</strong></p>
<p><em><strong>Florian: </strong>Können Sie Ihre (philosophische) Dissertation kurz zusammenfassen und schildern, welche neuen Ideen sie beinhaltet? Woraus leiten Sie Tierrechte ab? Welche Rolle spielt das Bewusstsein in Ihrem naturwissenschaftlichen Argument für Tierrechte?</em></p>
<p><strong><em>Martin Balluch:</em></strong></p>
<p>Meine Dissertation besteht aus einer Reihe von Einzelschritten, die an und für sich als Ideen unabhängig voneinander bestehen könnten, die aber zusammen, wie ich meine, ein sehr starkes Argument für Tierrechte liefern.</p>
<p>Zunächst argumentiere ich, dass Bewusstsein zwar ein physikalisches Phänomen ist, dass es aber durch eine Physik zustande kommen muss, die nur mittels unberechenbarer Mathematik beschrieben werden kann. Das ist keine Absage an das naturwissenschaftliche Weltbild, sondern am ehesten noch ein Hinweis darauf, warum bisher noch kein einheitliches physikalisches Weltbild zustande gebracht wurde. Vermutlich fehlt dafür die unberechenbare Mathematik, wie sie sich z.B. in der Klassifizierung von topologischen Räumen zeigt. Man kann beweisen, dass sich die Topologien von Räumen nicht berechnen – sprich: durch einen Computeralgorithmus klassifizieren – lassen. Es gibt also unberechenbare Mathematik, die aber in der Physik bisher keine Rolle spielt. Und diese Rolle könnte z.B. die Beschreibung des physikalischen Phänomens von Bewusstsein sein.</p>
<p>Auf Basis dessen untersuche ich die Neurobiologie des Bewusstseins und erkenne, dass es soetwas wie unbewusste Gefühle und Wahrnehmungen gibt. Die bloße Schmerzreaktion an sich kann also als Hinweis auf Bewusstsein nicht ausreichen. Was wir brauchen ist ein Hinweis auf diesen nicht-algorithmisch, d.h. nicht durch Computersimulation beschreibbaren Effekt von Bewußtsein.</p>
<p>Genetische Dispositionen und Konditionierung sind durch Computer simulierbar. Erst dort, wo Phänomene in der Verhaltensforschung auftreten, die über diese beiden Effekte hinausgehen, gibt es daher einen Hinweis auf Bewusstsein. Manche nennen diesen Ansatz daher ratiozentrisch statt pathozentrisch. Es ist die Fähigkeit genetische Disposition und Konditionierung in einem gewissen Ausmaß zu transzendieren, die das Bewusstsein ausmacht.</p>
<p>In einem nächsten Schritt zeige ich aber, dass diese Fähigkeit bei nichtmenschlichen Tieren jedenfalls in rudimentärer Weise weit verbreitet ist. Nichtmenschliches Bewusstsein hat nichts mit Sprache zu tun, und lässt sich an allen Ecken und Enden im Tierreich nachweisen.</p>
<p>Mit diesem naturwissenschaftlichen Rüstzeug bewaffnet, leite ich nun Tierrechte her. Für eine allgemeingültige Ethik brauchen wir objektive Werte, die sich aber rational nicht gewinnen lassen. Aber jedes Lebewesen, das überhaupt Werte setzen kann, muss ein Bewusstsein haben, und muss die Möglichkeit zu handeln (Autonomie) kategorisch positiv bewerten. Praktisch ergeben sich so allgemeingültige kategorische Werte von Leben, Freiheit und Unversehrtheit. Mit dem Prinzip der Universalisierbarkeit rationaler Schlüsse können wir folgern, dass jedes Wesen, das selbst dieser Ethik bewusst folgen und damit ethisch handeln kann, aus dem Umstand, dass es aufgrund der eigenen Autonomie von anderen die Respektierung der kategorischen Werte fordert, selbst bereit sein muss, diesen Respekt all jenen, die auch Autonomie haben, zu bieten. Im üblichen Ethikjargon sind also moral agents all jene, die in einem ausreichenden Maß ethisch handeln können, und moral patients jene, die auch nur in irgendeiner Weise Autonomie haben. Dann sind zwar alle moral agents auch moral patients, aber nicht umgekehrt, und nicht die Eigenschaft moral agent zu sein, sondern die Eigenschaft moral patient zu sein, begründet die Grundrechte.</p>
<p><em><strong>Alexandra/Rainer:</strong> In Ihrem Aufsatz </em><a title="Tiere haben ein Recht auf Leben" href="http://www.altex.ch/de/index.html?id=49&amp;iid=81&amp;aid=6" target="_blank">„Tiere haben ein Recht auf Leben“</a> <em>(ALTEX 4/2006) schreiben Sie: </em>„Alle Wesen, die erstens ein Bewusstsein haben, zweitens rational sind und drittens verstehen, dass ihr Leben, ihre Freiheit und ihre Unversehrtheit in ihrem Interesse sind und deshalb Rechte haben, müssen also zwingend dieselben Rechte auf Leben, Freiheit und Unversehrtheit für alle Wesen mit Bewusstsein fordern.“ <em>Welche Tiere haben Ihres Erachtens im hier relevanten Sinne Bewusstsein und welche nicht? Oder anders gefragt: Welche Tiere zählen Sie zu den von Ihnen so genannten „autonomiefähigen Lebewesen“, die gemäß Ihrer naturwissenschaftlichen Ethik ein Recht auf Leben haben? Wie ist diese Frage empirisch zu entscheiden?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Würde man das physikalische Phänomen „Bewusstsein“ bereits heute theoretisch verstehen, ließen sich sicher leicht physikalische Experimente angeben, mit denen man die Frage entscheiden kann, wo Bewusstsein auftritt und wo nicht. So bleiben uns also momentan nur Rückschlüsse aus dem Verhalten von Wesen mit Bewusstsein. Und dieses Verhalten muss Hinweise auf Autonomie bieten, die über genetische Disposition, Konditionierung und Reizreaktion (wie Schmerz) hinausgeht. Das klingt zunächst nach einem sehr strengen Kriterium, das nicht viele tierliche Individuen erfüllen können. Tatsächlich finden sich aber auch bei Bienen Hinweise auf vernünftiges Handeln. Wo die Grenze konkret zu ziehen ist, könnte aber auch durch pragmatisch-praktische Überlegungen eingeschränkt sein. Wir sprechen hier ja von einem theoretischen ethischen Ideal. Das muss nicht in der Praxis durchführbar sein. Ich für meinen Teil versuche aufgrund dieser Überlegungen die Grundrechte aller Tiere zu respektieren, aber ich würde momentan nicht so weit gehen, das auch gesetzlich zu fordern. Kürzlich wurde ich in einem Artikel in der Wiener Zeitung verrissen, weil ich Personenrechte für Insekten fordern würde. Ich sage zwar, dass es gut möglich ist, dass auch Insekten Autonomie haben und ihnen deshalb Grundrechte zustehen, aber ich sage auch, dass das nur das ethische Ideal ist, das ich zwar persönlich zu leben versuche, das aber nicht eine praktische politische Forderung von mir ist.</p>
<p><em><strong>Florian/Rainer: </strong>Wie würden Sie sich bzw. Ihre philosophische Position in die Fülle der tierethischen Ansätze einordnen? Sehen Sie sich in einer bestimmten Tradition beispielsweise mit dem deontologischen Ansatz von Tom Regan oder dem utilitaristischen Ansatz von Peter Singer? Gibt es Strömungen innerhalb der Philosophie, die Sie besonders und nachhaltig beeinflusst haben?</em></p>
<p><strong>Martin Balluch:</strong></p>
<p>Ich sehe meine Position auf jeden Fall als deontologisch. Aber meine Position vermeidet, wie es übliche andere deontologische Positionen tun, einfach axiomatisch Werte einzuführen oder sie gar auf eine religiöse Überzeugung zu gründen. Meinem Verständnis nach argumentiert Peter Singer ja hauptsächlich deswegen utilitaristisch, weil er meint, dass sich deontologische Positionen nicht rational begründen lassen. Ich versuche mit meiner These diese Ansicht zu widerlegen. Am meisten beeinflusst hat mich sicher Immanuel Kant.</p>
<p><em><strong>Rainer:</strong> Eine Ratte besitzt demnach ein moralisches Recht auf Leben. Folgt daraus zwingend, dass es moralisch falsch wäre, eine einzige Ratte in einem Tierexperiment zu töten, auch dann, wenn von diesem Experiment mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit ein Heilmittel gegen AIDS zu erwarten wäre? Wenn ja, sind Sie bereit, diese Konsequenz zu akzeptieren oder führt sie die Idee von Tierrechten vielmehr ad absurdum?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>Inwiefern ist die Position absurder, auch nicht einen kleinen (vielleicht geistig behinderten?) Menschen für die gesamte Menschheit zu opfern? Oder einen kleinen Menschenaffen, wie einen Gibbon, für alle anderen Menschenaffen inklusive der Menschen? Immerhin besteht in Österreich seit 2006 das Gesetz, dass einem Gibbon auch nicht der kleinste Finger gekrümmt werden darf, selbst wenn damit die gesamte Menschheit gerettet werden könnte. Diese Positionen führen aber meines Wissens weder Menschenrechte noch das Menschenaffenversuchsverbot ad absurdum.</p>
<p>Persönlich mag mir das nicht gefallen. Persönlich würde ich lieber x-beliebige Menschen opfern, um z.B. meine Familie zu retten. Aber in unserer Gesellschaft gibt es – vernünftiger Weise – ein Gewaltmonopol. Die Grundidee ist, dass dieses Monopol durch seine unendliche Übermacht alle Fälle individueller Gewalt hintanhält. Aber mit einer derartigen Übermacht geht auch Verantwortung einher. Rechte sind nicht Naturrechte, die immer und überall gelten. Rechte sind Forderungen gegenüber diesem Gewaltmonopol. Sie regulieren, was dieses potentielle Monster anstellen darf und was nicht. Und wenn wir uns emotional darauf einlassen und realistisch vorstellen, was so ein Gewaltmonopol tun können soll und was nicht, dann, denke ich, haben wir auch emotional ein Verständnis dafür, dass grundsätzlich niemand für andere geopfert werden können soll. Dem Gewaltmonopol hilflos ausgeliefert für medizinische Versuche benutzt zu werden, ist eine furchtbare Vorstellung. Wenn ich in die Situation komme, unschuldige andere für meine Familie zu opfern, dann erwarte ich mir also, dass mich das Gewaltmonopol daran hindert, genauso, wie es andere daran hindern soll, mich für sie zu opfern.</p>
<p><em><strong>Rainer: </strong>Sie haben sich öffentlich mehrfach gegen die Methoden der ALF als effektive Mittel zur Etablierung von Tierrechten ausgesprochen. So schreiben Sie in einem Aufsatz in &#8220;</em>In Defense of Animals: The Second Wave&#8221; <em>(herausgegeben von Peter Singer, 2005) über Ihre Erfolge in Bezug auf Legebatterien: </em>&#8220;No realistic level of guerilla attacks of the kind carried out by the Animal Liberation Front could have hurt the battery farming industry as much as the new Austrian law does. [...]&#8221; <em>Hingegen nannten Sie in einem Interview mit dem Biteback Magazine die „Befreiung“ der Hündin Rosy aus einem Tierversuchslabor in Oxford im Jahr 1985 eine unglaublich schöne Geschichte (</em>&#8220;amazing story&#8221;<em>). Sind die Aktionen der ALF, insoweit sie kriminell sind, Ihres Erachtens auch moralisch falsch? Wenn ja, wie lässt sich dies mit Ihrer Auffassung, dass (manche) Tiere moralische Rechte haben, vereinbaren? Haben wir nicht vielmehr die Pflicht und das Recht, Lebewesen, deren Rechte kontinuierlich verletzt werden, Hilfe zu leisten (im deutschen Recht „Nothilfe“ genannt)? Räumen Sie dem Recht auf Eigentum des Menschen mehr Gewicht ein als dem Recht auf Leben der Tiere, wenn Sie im FM4 Interview vom 3. September 2008 ein „klares Nein“ gegenüber Aktivisten, die Sachbeschädigungen begehen, aussprechen?</em></p>
<p><em><strong>Martin Balluch:</strong></em></p>
<p>In Zeiten extremer Repression wie im Moment ist es leider traurige Realität, dass man über derartige Fragen nicht offen diskutieren kann. Faktum ist, dass die Polizei und die Staatsanwaltschaft aus dem Zusammenhang gerissene Zitate von mir verwenden, um eine radikale Gesinnung zu konstruieren, die nach ihrer Ansicht dafür ausreicht, Mitglied einer kriminellen Organisation zu sein und für Jahre ins Gefängnis zu gehen. §278a ist ein Gesinnungsstrafrecht. Mitglied einer kriminellen Organisation wird man durch eine Einstellung, und nicht durch Taten.</p>
<p>Dennoch scheint mir in diesem Zusammenhang wichtig zu betonen, dass zwischen ethischer Theorie und politischer Praxis zu unterscheiden ist. Aktionen können ethisch richtig sein, und trotzdem politisch untragbar und man muss sich von ihnen distanzieren. Der Unterschied ist fundamental, wie mir scheint. Während ich eine deontologische Ethik vertrete, scheint mir das politisch Richtige im Rahmen dieser Ethik rein utilitaristisch bestimmt. Eine gute Politik ist ausschließlich jene, die die Gesellschaft näher zum ethischen Ideal rückt. Daher kann eine Aktion ethisch richtig aber politisch falsch sein. In der deontologischen Ethik sind die Psychologie der Menschen und die Anschauungen der Gesellschaft irrelevant. In der utilitaristischen Politik sind genau dieselben Größen aber die bestimmenden Elemente, um über die Richtigkeit politischer Maßnahmen zu entscheiden.</p>
<p><em>Das Interview führten Alexandra Breunig, Diana Hofmann, Florian Fruth, Kazimir Menzel und Rainer Ebert.</em></p>
<p><strong>Verwandte Artikel im Tierethikblog:</strong></p>
<ul>
<li><a href="http://tierethikblog.de/2007/03/15/recht-auf-autonomie-kritik-konsequentialismus-pathozentrismus/" target="_self">Martin Balluch: Recht auf Autonomie statt Pflicht zur Leidensminimierung &#8211; Kritik an Konsequentialismus und Pathozentrismus</a></li>
<li><a href="http://tierethikblog.de/2008/05/31/fragwurdiges-vorgehen-gegen-tierschutzer-in-osterreich/" target="_self">Alexandra Breunig: Fragwürdiges Vorgehen gegen Tierschützer in Österreich</a></li>
</ul>
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		</item>
		<item>
		<title>Spain &#8220;gives&#8221; rights to Great Apes</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2008/07/16/spain-gives-rights-to-great-apes-tibor-r-machan/</link>
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		<pubDate>Wed, 16 Jul 2008 10:18:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Prof. Dr. Tibor R. Machan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miscellaneous]]></category>

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		<description><![CDATA[A committee of the Spanish government, concerned with environmental issues, has recommended that Spain &#8220;give&#8221; rights to these animals. The committee is being guided in its thinking about this issue by philosophers Peter Singer (USA) and Paola Cavalieri (Italy) who are directors of the Great Ape Project. The gist of the legislation is not quite [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>A committee of the Spanish government, concerned with environmental issues, has recommended that Spain &#8220;give&#8221; rights to these animals. The committee is being guided in its thinking about this issue by philosophers Peter Singer (USA) and Paola Cavalieri (Italy) who are directors of the Great Ape Project.<span id="more-76"></span></p>
<p>The gist of the legislation is not quite what it seems. Great Apes will not be understood to have the rights the American Founders, following the English philosopher John Locke, identified in the Declaration of Independence. There will not be protection of the right to freedom of speech, freedom of religion, or even the right to life and liberty, which are the central rights Locke and the American Founders set out to secure for human beings. Indeed, the very idea of giving apes rights is alien to the tradition of individual human rights—no one gives us rights; we have them because of our human nature (ergo, &#8220;natural&#8221; rights).</p>
<p>The basis of these rights is that human beings make choices in their lives, possess free will, and can act responsibly or not. It is to secure their sphere of sovereignty or self-governance that the concept or human rights has been identified. Within their sphere of personal authority they are free to decide what they will do and no one may force them to act against their will. This is necessary because in society fellow human beings can intrude on them, interfere and rob them of their freedom to make their own moral choices. Thus, for example, even though someone may write something obscene or say something offensive, no one may stop that person from doing so other than by peaceful means, such as convincing him or her to do otherwise. Without the acknowledgment of human rights some people, usually oppressive governments, take it upon themselves to make others their subjects, to deny them their sovereignty.</p>
<p>The bottom line is that human beings are, as a rule, moral agents, while no ape has that capacity. Which is why despite all the talk of the rights of great apes, no one seriously proposes that apes be judged morally, that they may be guilty of misdeed or gain credit for commendable actions. That would be to treat them like human beings but despite the fact that the DNA of these animals &#8220;is 95 percent to 98.7 percent the same as that of humans,&#8221; the difference is crucial. It means no great ape will be taken to court for devouring its young, whereas infanticide when committed by a person is severely punishable because human beings can choose to do the right or wrong thing and are held responsible for this.</p>
<p>Some speak of human beings &#8220;deserving&#8221; rights but that is wrongheaded. They have them or do not. It&#8217;s not as if they did something commendable and so they deserve to be given rights. (Who is to do this giving, anyway? That was something that monarchs might have done, grant a certain standing to some of their subjects. But the authority to make such grants was exposed as a fiction.)</p>
<p>Others rail against the supposed claim that human rights are absolute but that&#8217;s a fabrication. It is clear enough that human beings can be so badly damaged that their rights would need to be seriously qualified, as are the rights of children and senile persons. In nearly all realms of human affairs there are borderline cases and fuzzy delineations—for example, between an infant and a child, a child and an adolescent and the latter and an adult. No precise border exist here but intelligent people still know the difference and make ample use of it.</p>
<p>Ultimately the Spanish effort to treat apes as if they were people serves but one clear purpose: it empowers government officials who would eagerly regiment the rest of us who may be dealing with great apes. And the effort is rather ironic, to boot: isn&#8217;t it in Spain that there is widespread bull fighting? One might suppose that it is those bulls who need protection from abuse by Spain&#8217;s citizens, not great apes (of whom there are but a few in Spanish zoos).</p>
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		<title>Ideas Have Consequences</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2008/07/06/ideas-have-consequences/</link>
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		<pubDate>Sun, 06 Jul 2008 10:37:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Prof. Dr. Tibor R. Machan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miscellaneous]]></category>

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		<description><![CDATA[My discipline, philosophy, is often lambasted for being too abstract, for not dealing with concrete matters, for not being practical. Socrates took a lot of flack for devoting much of his time to searching for fundamental principles and definitions of prominent ideas, such as justice, truth, and virtue. I’d be very rich if I had [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>My discipline, philosophy, is often lambasted for being too abstract, for not dealing with concrete matters, for not being practical. Socrates took a lot of flack for devoting much of his time to searching for fundamental principles and definitions of prominent ideas, such as justice, truth, and virtue. I’d be very rich if I had a buck for each time someone has told me over the decades that philosophy is useless.<span id="more-75"></span></p>
<p>Perhaps this is simply the fallout of a common attitude. That is for people to favor the significance of their line of work over and above all others. A great many economists, I can personally testify, are good at this&#8211;nothing is as relevant and pertinent to our lives as economics! Some have even written for a book unabashedly titled “economic imperialism.” But many sociologists, psychologists, biologists, and the rest exhibit such chauvinism as well.</p>
<p>In recent weeks there has been evidence of the practical impact, mostly for the worse, of certain philosophical ideas and the prestigious position of those who propound them. I am talking about animal “rights” or liberation champions, like the now world famous Princeton University philosopher Peter Singer.</p>
<p>First, in Spain the government has declared that great apes have the rights to life and liberty, rights that had been understood to belong only to human beings. It isn’t immediately obvious how this legal declaration is going to be implemented&#8211;do they have a lot of great apes in Spain? But it probably will have an impact at zoos and circuses, as well as, and more importantly, at medical research centers. And that, in turn, will very likely pose impediments to certain activities, some vital to human well being, others less so.</p>
<p>On this side of the Atlantic the animal rights/liberation doctrine has had dire consequences and continues to be deadly for human beings. The New York Times recently editorialized against making DDT available for fighting malaria around the world, in part because some penguins in Antarctica were found to have a little of it in their bodies. No, they didn’t die of this, nor seem to have had any serious illness associated with it but merely because there is that possibility, based on Rachel Carson&#8217;s terribly influential 1964 book, Silent Spring! And admittedly there is evidence that DDT has done harm to the eggs of some birds.</p>
<p>So what? Why shouldn’t some birds suffer, even die, in the effort to improve the chances of human beings to survive certain deadly diseases? Well, because, as animal rights/liberation advocates like Singer (and another philosopher, Tom Regan), maintain, it would be to unjustly harm these animals to permit DDT to be used to help human beings.</p>
<p>This misanthropic doctrine is widely promulgated in various publications, including the most recent issue of Philosophy Now which has devoted most of its pages to making the case for animal rights/liberation. Sadly, no opponents to the doctrine were given space, although in fairness that&#8217;s partly due to the simple fact that very few philosophers are on record defending the use of animals for purposes of helping human beings even with fatal medical problems such as malaria. It is estimated that millions of Africans have died because of the influence of Rachel Carson and other opponents of the medical use of DDT.</p>
<p>In much of moral philosophy or ethics it is taken as an article of faith, though not much defended, that human beings ought to live lives of self-sacrifice. As Singer put it, several years ago, “Animal Liberation will require greater altruism on the part of mankind than any other liberation movement, since animals are incapable of demanding it for themselves, or of protesting against their exploitation by votes, demonstration, or bombs.” So even though animals routinely kill and maim fellow animals for their own benefit&#8211;albeit, as a matter of their hard wired instincts, not from free choice&#8211;there is something lowly about human beings making use of other animals for their own good. Why so?</p>
<p>Nothing much of an answer is given to that question&#8211;indeed, in Singer’s case, it rests, ultimately, on his intuitions or, as I would call them, sentiments. What is needed is a vigorous philosophical and related defense of human life and flourishing, including human rights, and rejection of a sadly widespread misanthropic outlook that goes nearly unopposed now in the community of moral philosophers.</p>
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		</item>
		<item>
		<title>Fragwürdiges Vorgehen gegen Tierschützer in Österreich</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2008/05/31/fragwurdiges-vorgehen-gegen-tierschutzer-in-osterreich/</link>
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		<pubDate>Sat, 31 May 2008 13:05:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexandra Breunig</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miscellaneous]]></category>

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		<description><![CDATA[Am frühen Morgen des 21. Mai durchsuchte die österreichische Polizei in einer groß angelegten Aktion 23 Wohnungen und Büroräume von Tierschutzorganisationen und nahm 10 Tierschützer fest. Anschuldigungen gegen konkrete Straftaten gegen die Verhafteten liegen bisher nicht vor, lediglich der Verdacht auf Mitgliedschaft in einer &#8220;kriminellen Vereinigung&#8221;. Etwa fünf Insassen sind seitdem in Hungerstreik, darunter DDr. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Am frühen Morgen des 21. Mai durchsuchte die österreichische Polizei in einer groß angelegten Aktion 23 Wohnungen und Büroräume von Tierschutzorganisationen und nahm 10 Tierschützer fest.</p>
<p><span id="more-74"></span>Anschuldigungen gegen konkrete Straftaten gegen die Verhafteten liegen bisher nicht vor, lediglich der Verdacht auf Mitgliedschaft in einer &#8220;kriminellen Vereinigung&#8221;. Etwa fünf Insassen sind seitdem in Hungerstreik, darunter <a href="http://www.vgt.at/presse/news/2008/news20080527_1.php" target="_blank">DDr. Martin Balluch</a>, Obmann des &#8220;Vereins gegen Tierfabriken&#8221;, den sie fortsetzen wollen bis die Untersuchungshaft beendet wird oder die Anschuldigungen konkretisiert werden. Die Hausdurchsuchungen mit teils gezogenen Waffen wurden mit Vorwürfen in Zusammenhang mit einem Buttersäurenanschlag, dem Verkleben eines Schlosses sowie der Bedrohung einer Pressesprecherin des Pelz-vertreibenden Unternehmens &#8220;Kleider Bauer&#8221; legitimisiert. Durch die Beschlagnahmung diverser Unterlagen und Einrichtungsgegenständen sind auch die nicht beschuldigten Tierschutzorganisationen wie der Verein gegen Tierfabriken, der Wiener Tierschutzverein und RespekTiere in Mitleidenschaft gezogen, wodurch die Tierschutzarbeit stark beeinträchtigt wurde. Unterdessen finden in Österreich, Deutschland und anderen Ländern Protestkundgebungen statt. Die österreichischen Grünen fordern die Freilassung der Tierschützer aus der Untersuchungshaft.</p>
<p>Quellen:</p>
<ul>
<li>Die Zeit, 28.05.2008: <a href="http://www.zeit.de/online/2008/22/tierschutz-pelze-wien" target="_blank">&#8220;Operation Pelztier&#8221;</a></li>
<li>DiePresse.com, 26.05.2008: <a href="http://diepresse.com/home/panorama/oesterreich/386099/index.do " target="_blank">&#8220;Tierschützer in Haft: Grüne orten Fehler bei Ermittlungen&#8221;</a></li>
</ul>
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		<title>Menschen und Tiere bei Tomasello</title>
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		<pubDate>Sun, 09 Dec 2007 14:08:46 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Harr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literature]]></category>

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		<description><![CDATA[Michael N. Forster: Menschen und andere Tiere; Über das Verhältnis von Mensch und Tier bei Tomasello; DZPhil 55 (2007) 5, S. 761-767. Forster setzt sich in seinem Aufsatz mit dem Verhältnis zwischen Menschen und anderen Tieren auseinander, das der Psychologe und Sprachtheoretiker Michael Tomasello in verschiedenen Publikationen (1) zur Sprache bringt. Nach Forsters Interpretation unterscheidet [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Michael N. Forster: Menschen und andere Tiere; Über das Verhältnis von Mensch und Tier bei Tomasello; DZPhil 55 (2007) 5, S. 761-767.</p>
<p>Forster setzt sich in seinem Aufsatz mit dem Verhältnis zwischen Menschen und anderen Tieren auseinander, das der Psychologe und Sprachtheoretiker Michael Tomasello in verschiedenen Publikationen (1) zur Sprache bringt.</p>
<p><span id="more-73"></span> Nach Forsters Interpretation unterscheidet Tomasello Menschen, obwohl sie selbst zu den Primaten zählen, durch eine Reihe von eigentümlichen Verhaltensweisen von allen anderen Tieren. Diese Eigenschaften sind nach Tomasellos Ansicht: „Absichtslesen“ (intention-reading), imitatives Lernen, aktives Lehren, Sprache, „Theorie des Geistes“ (theory of mind) und Kultur, die sich jedoch alle auf das „intention-reading“ zurückführen lassen. Gegen diese Theorie erhebt Forster einige Bedenken. Er hält es zunächst für problematisch, eine einzige zentrale, valorisierte Eigenschaft zu benennen, die angeblich alle normalen Menschen von allen anderen Tieren unterscheidet („Kluft und Überlegenheit-Struktur“), da diese Eigenschaft prima facie auch manche Tiere zu besitzen scheinen. Darüber hinaus deutet die Abwechslung der für ausschlaggebend gehaltenen Eigenschaften unter Beibehaltung derselben Struktur nach Forster darauf hin, dass es mehr um die Struktur an sich als um die jeweilige Eigenschaft geht und die Theorie daher eher eine ideologische Funktion erfüllt. Das Valorisieren der Eigenschaften lässt nach Forster dieselbe Vermutung zu, da dieselben Eigenschaften sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben können und sogar zur Vernichtung des Menschengeschlechts führen könnten. Prima facie bietet sich nach Forster darüber hinaus auch die alternative theoretische Struktur an, sich nicht auf eine einzelne Eigenschaft zu konzentrieren, die alle Menschen von allen Tieren unterscheidet, sondern auf eine Vielfalt von Eigenschaften, die teilweise Menschen und teilweise Tieren in unterschiedlichem Grad zukommen können und die von ganz unterschiedlichem Wert sind. Menschen wären nach dieser Sicht zwar in gewisser Hinsicht Tieren überlegen, in anderer Hinsicht jedoch auch unterlegen.</p>
<p>Nach Forster spricht viel dafür, dass alle nicht-menschlichen Tiere die Eigenschaft des „intention-reading“ mit dem Menschen teilen. Tomasello selbst erwähnt viele Beispiele, die diese These stützen. So „lernen“ einige Affenarten das Kartoffelwaschen voneinander, Leoparden verletzen ihre Beute und überlassen sie zur Übung ihren Nachkommen, Vervet-Affen gebrauchen verschiedene Alarmstufen für verschiedene Raubtiere und einige Tiere scheinen Konkurrenten absichtlich zu betrügen. Tomasello leugnet nach Forster jedoch die Echtheit der scheinbaren Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier. Nach Forsters Vermutung gibt es dagegen keine scharfe Trennung zwischen den menschlichen Eigenschaften und den tierischen (etwa menschliche Sprache und tierische Zeichen), sondern es handelt sich seiner Ansicht nach eher um verschiedene Ausprägungen derselben Eigenschaften. Neben den Unterschieden tierischer und menschlicher Eigenschaften müssen nach Forster auch die Ähnlichkeiten gesehen werden, die Tomasello auszublenden scheint. Die Tatsache, dass Tomasello grundsätzlich das Vorhandensein des „intention-reading“ bei Tieren leugnet, bedeute in der Praxis nach Forster einen „Zwang  zum Bild einer grundsätzlichen Kluft zwischen Menschen und Tieren“, der unvermeidlich schädliche Folgen für unsere ethische Einstellung zu und Behandlung von Tieren habe.</p>
<p>So wie Tomasello die Unterschiede zwischen Mensch und Tier in mancher Hinsicht übertreibt, unterschätzt er diese nach Forster aber auch in anderer Hinsicht. Tomasello schreibt etwa menschlichen Babys, die noch keine Sprache beherrschen, und manchen nicht-menschlichen Tieren, die überhaupt keine Sprache beherrschen, Begriffe von Objekten und Verhältnissen zu. Das Wort „Begriff“ (concept) ist nach Forster ohne einen entsprechenden sprachlichen Ausdruck allerdings kaum vorstellbar, in den Fällen von Babys und Tieren sollte man daher seiner Ansicht nach eher von „Vor-begriffen“ sprechen, die sich von den „Begriffen“ erwachsener Menschen inhaltlich unterscheiden.</p>
<p>Die These, dass manche Tiere eine Sprache haben könnten und die Annahmen über die kognitiven Fähigkeiten von sprachlosen Babys und Tieren sollen nach Forster den Blick für die hermeneutische Arbeit schärfen, die im Falle sprachloser kognitiver Leistungen noch zu bewältigen ist. Die Aufgabe, den Inhalt dieser Begriffe, bzw. Vorbegriffe deutlicher zu fassen, darf nach Forster nicht aufgrund ihrer scheinbaren „Primitivität“ vernachlässigt werden und stellt damit eine neue Herausforderung an die herkömmliche Hermeneutik dar, die sich üblicherweise fast ausschließlich mit der Interpretation der sprachlichen Ausdrücke von erwachsenen Menschen befasst.</p>
<p>(1) Michael Tomasello: Primate Cognition (1997); The Cultural Origins of Human Cognition (1999); Constructing a Language: A Usage-Based Theory of Language Acquisition (2003).</p>
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		<title>Zum Begriff „Mord“ bei Tieren: Anmerkungen zu einer halbherzigen Diskussion</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2007/11/30/zum-begriff-mord-bei-tieren/</link>
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		<pubDate>Fri, 30 Nov 2007 14:23:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Melanie Harr</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literature]]></category>

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		<description><![CDATA[Franz M. Wuketits: „Mord“ bei und an Tieren; in: Aufklärung und Kritik 2 /1007. S. 207-212.; Norbert Hoerster: Es gibt keinen „Mord an Tieren“; Aufklärung und Kritik 1/2007, S. 239-242; Franz Wuketits greift in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“ die Frage auf, ob der Begriff „Mord“ auf das Töten von Tieren anwendbar [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Franz M. Wuketits: <span style="font-style: italic">„Mord“ bei und an Tieren</span>; in: Aufklärung und Kritik 2 /1007. S. 207-212.; Norbert Hoerster:<span style="font-style: italic"> Es gibt keinen „Mord an Tieren“</span>; Aufklärung und Kritik 1/2007, S. 239-242;  Franz Wuketits greift in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“ die Frage auf, ob der Begriff „Mord“ auf das Töten von Tieren anwendbar ist. Er bezieht sich dabei auf Norbert Hoersters in der vorherigen Ausgabe erschienene Kritik an der Tierethik Karlheinz Deschners. Als Aufhänger der Diskussion dient ein bereits 2004 erschienenes Sonderheft[1] der Zeitschrift, das sich dem Werk Deschners widmet, der vor allem durch seine radikale Kirchenkritik[2] bekannt wurde.</p>
<p>Hoerster äußert sich in Heft 1/2007 kritisch zu der überwiegend positiven Resonanz auf Deschners Äußerungen zur Tierethik[3], die seiner Ansicht nach lediglich auf einen <span style="font-style: italic">„Mangel an Rationalität</span>“ und <span style="font-style: italic">„bloße Stimmungsmache“</span> zurückzuführen sind. Deschner gehe von einem allgemeinen moralischen und rechtlichen Verbot des Tötens von Tieren zum Fleischverzehr aus, das sich nicht verteidigen lasse. <span style="font-style: italic">„Man muss nur seinen Verstand ein wenig bemühen“</span>, so Hoerster, um die empirischen Tatsachen zu erkennen, die Deschners Ansicht widerlegen.<span id="more-72"></span></p>
<p>Rechtliche und moralische Normen lassen sich nach Hoerster nur begründen, wenn sie trotz der ihnen immanenten Freiheitsbeschränkungen egoistischen oder altruistischer Interessen dienen. Das zwischen Menschen geltende Tötungsverbot lässt sich deshalb begründen, weil es der Sicherung des menschlichen Interesses am Überleben dient. Tieren fehlt es nach Hoerster gerade an diesem Überlebensinteresse, da sich ihr bewusstes Leben nur auf die Gegenwart und unmittelbare Zukunft bezieht, sie aber im Gegensatz zu Menschen keine auf die Zukunft bezogenen Wünsche haben können. Auf das Leben eines <span style="font-style: italic">individuellen</span> Tieres kann es daher nach Hoerster grundsätzlich nicht ankommen: <span style="font-style: italic">„Dem einzelnen Tier steht deshalb – anders als dem einzelnen Menschen – kein individuelles Recht auf Leben zu. Denn Tierindividuen sind, eben weil sich ihr bewusstes Leben nur von einem Moment zum anderen in der Gegenwart abspielt, ohne weiteres gegeneinander austauschbar bzw. durcheinander ersetzbar.“</span> Das gilt nach Hoerster in besonderem Maße für Tiere, die vom Menschen zum Zweck des Fleischverzehrs erzeugt werden: <span style="font-style: italic">„Wer diese Tiere erzeugt und später tötet, um sie zu essen, fügt ihnen insoweit nicht nur keinerlei Unrecht zu, sondern tut ihnen sogar eindeutig etwas Gutes: Er schenkt ihnen für eine gewisse Zeit ein für sie von einem gegenwärtigen Moment zum anderen im Prinzip immer wieder lohnendes Leben.“</span> Dabei räumt Hoerster durchaus ein, dass in der Realität das Halten und Töten von Nutztieren nicht immer quallos erfolgt, sieht darin aber kein Argument gegen das Töten als solches. Hoerster abstrahiert bei seinen Überlegungen von den realen Auswirkungen und Bedingungen der Nutztierhaltung und reduziert die Frage nach der moralischen Beurteilung des Tötens von Tieren allein auf das Töten an sich als Beendigung einer Existenz, die es im Falle eines sogenannten Nutztieres ohne das Fleischessen gar nicht geben würde. Sein Rat an wahre, klar denkende Tierfreunde lautet daher, den Fleischverzehr nicht zu verteufeln, sondern nachdrücklich gutzuheißen.</p>
<p>Hoerster steht mit seiner Position den altbekannten Schwierigkeiten gegenüber, die damit verbunden sind, ein Recht auf Leben an die Fähigkeit eines konkreten Überlebenswunsches zu knüpfen. Auch die Frage der Ersetzbarkeit eines Lebewesens, das nicht imstande ist, seine eigene Zukunft geistig zu erfassen und etwa seinen Tod vorauszuahnen, wirft (nicht nur tierethische) Fragen auf, die Hoerster in seiner kurzen Darstellung unberücksichtigt lässt. Dennoch kommt Hoerster bereits in der Überschrift zu einem klaren Ergebnis: Es gibt keinen „Mord“ an Tieren. Eine klare Grenze zwischen Mensch und Tier, die ein pauschales Urteil über die kognitiven Fähigkeiten von Tieren erlaubt und eine grundsätzliche moralische Ungleichbehandlung von Mensch und Tier rechtfertigt, nimmt Hoerster als gegebene Tatsache an und stellt seine Position damit auf eine äußerst umstrittene Grundlage.</p>
<p>Franz Wuketits erweitert die Diskussion in Heft 2/2007 um eine evolutionstheoretische Betrachtungsweise: Deschners Gebrauch des Begriffs „Mord“ im Bezug auf Tiere, widerspricht nach Wuketits der sprachlichen Konvention, denjenigen als Mörder zu bezeichnen, <span style="font-style: italic">„der das Leben einer anderen Person absichtlich auslöscht“</span>. Da man annimmt, nur ein Mensch könne schuldhaft handeln, geht man dabei grundsätzlich von zwei Menschen aus. Wenn von der Tierethik <span style="font-style: italic">„nichtmenschlichen Kreaturen“</span> der Status von <span style="font-style: italic">„empfindenden Wesen [!] und Personen“</span> eingeräumt wird, soll entgegen dieser Konvention auch derjenige zum Mörder werden, der ein Tier tötet. Dagegen hat der gängige Sprachgebrauch nach Wuketits durchaus seine Berechtigung: Dass in der Regel niemand von einem Mörder spricht, wenn ein Rottweiler einen Dackel tötet, findet nach Wuketits seine Rechtfertigung in der tierischen Natur. Das Töten von anderen Tieren und auch Artgenossen entspreche der Natur vieler Spezies und sei nicht auf aggressive Motivationen zurückzuführen, also nicht als schuldhaft zu beurteilen. Macht etwa Martin Balluch seinen Hund zum Veganer, verkennt er nach Wuketits gerade die Natur des Hundes, indem er den Fleischverzehr von Raubtieren abschaffen will, <span style="font-style: italic">„schließlich soll ja niemand zum Mörder werden“</span>. Auf die der Natur widersprechende Umerziehung von Fleischfressern zu Pflanzenfressern habe der Mensch aber kein Recht. Wuketits Schluss lautet daher: <span style="font-style: italic">„In der Tierwelt gibt es keine Mörder“</span>.</p>
<p>Auch dem Menschen ist nach Wuketits seine Natur zuzugestehen: Seiner Ansicht nach liegt es aber gerade in der Natur des Menschen</p>
<p><span style="font-weight: bold">1.</span> Tiere zu Nahrungszwecken zu töten, da der Mensch von Natur aus Allesfresser ist. Es ist nach Wuketits an den Menschen, <span style="font-style: italic">„die sich mit pflanzlicher Kost begnügen“</span>, zu beweisen, dass der Mensch von Natur aus ein Pflanzenfresser ist.</p>
<p><span style="font-weight: bold">2.</span> Abstufungen zwischen den verschiedenen Tierarten vorzunehmen: <span style="font-style: italic">„Die Evolution durch natürliche Auslese hat uns nicht mit dem Bedürfnis ausgestattet, allen Kreaturen dieser Welt unsere hütende Hand zu reichen“</span>. Wuketits fasst es daher als eine verkannte Schwierigkeit der Tierethik auf, dass es nicht „das Tier“, sondern unzählige Tierarten von höchst unterschiedlichen Komplexitätsgraden gibt, die <span style="font-style: italic">„eine moralische Gleichbehandlung aller Tierarten weder möglich, noch wünschenswert“</span> machen. Die Frage, ob alle Tiere gleich sind, müsse daher als rhetorische Frage verstanden werden. Wuketits nimmt an, dass ohnehin auch die meisten Tierethiker, denen er nebenbei mangelndes Überblickswissen aus dem Bereich des Systems der Tierwelt unterstellt, an Tierklassen denken, <span style="font-style: italic">„die den Menschen emotional ansprechen“</span>. Den entscheidenden Punkt scheint Wuketits darin zu sehen, dass die Unterscheidung, die die meisten Menschen zwischen der Fiebermücke Anopheles und einem Säugetier machen in der Natur des Menschen begründet ist und auch zeitweise durchaus sinnvoll ist, um vor Gefahren zu schützen. Der Mensch ist daher <span style="font-style: italic">naturgemäß</span> nicht imstande, allen Tieren die gleichen Sympathien zukommen zu lassen.</p>
<p><span style="font-weight: bold">3.</span> Tiere aus Notwehr zu töten (was eindeutig nicht nur im Bezug auf Tiere gilt): Der Mensch hat nach Wuketits ein in seinem naturgegebenen Überlebensinteresse begründetes Recht, Tiere zu beseitigen, die eine Bedrohung für ihn darstellen. Daher wäre es verfehlt, wenn die Tierethik an der Heiligkeit allen Lebens ansetzten wollte, entscheidend könne vielmehr nur das Individualwohl von Tieren sein.</p>
<p>Nach dieser Auffassung kann das Leben eines Tieres also der Natur des Menschen entsprechend nicht als unantastbar betrachtet werden. Die Antwort auf die Frage, ob man Tiere töten darf, ist daher nach Wuketits in Übereinstimmung mit Hoerster grundsätzlich zu bejahen. Diese Ansicht relativiert er allerdings dadurch, dass er gerade die Grundlage von Hoersters Position darin kritisiert, einen zu starken Kontrast zwischen dem menschlichen Leben und dem Leben anderer Spezies aufzubauen. Zumindest den großen Menschenaffen gesteht er durchaus Interessen zu und räumt damit auch die Möglichkeit ein, ein Tötungsverbot für gewisse Spezies für begründbar zu halten. Damit umgeht Wuketits im Gegensatz zu Hoerster zumindest vordergründig den Vorwurf, die Spezieszugehörigkeit als entscheidendes Kriterium zu betrachten. Wuketits stellt diese Position auf ein stärkeres, evolutionstheoretisches Fundament: Der Begriff des „Mordes“ findet unter den Tierarten deshalb keine Anwendung, weil es in der Natur des Tieres liegt, andere Tiere zu töten, ohne dadurch schuldig zu werden. Ebenso wie das Tier das Recht hat, seiner Natur zu folgen, ohne sich des Mordes schuldig zu machen, muss man nach Wuketits dem Menschen dasselbe Recht zugestehen, da <span style="font-style: italic">„evolutionsbiologisch betrachtet auch Menschen ja Tiere sind“</span>: <span style="font-style: italic">„Wenn Rechte der Tiere eingemahnt werden, dann darf man darob die Rechte der Menschen nicht vergessen.“</span> Dabei unterschlägt Wuketits den Unterschied, dass ein Tier seiner Natur folgt, weil ihm, wie er selbst eingesteht,<span style="font-style: italic"> „nichts anderes übrigbleibt“</span>. Wer keine Wahl hat, kann naturgemäß auch nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden. Der Mensch hat dagegen in der Regel die Wahl, sich zwischen verschiedenen Handlungsweisen zu entscheiden, ohne dadurch zwangsläufig gegen seine Natur zu handeln. Ganz im Gegenteil gehört die Fähigkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen selbst zur Natur des Menschen. So hat er auch als Allesfresser die Wahl zwischen verschiedenen Nahrungsquellen, ohne sein Überlebensinteresse zu vernachlässigen. Natürlich gibt es Einzelfälle, in denen diese Wahl nicht bleibt. Dem von Wuketits angeführte hungernden Äthiopier, der eine Ziege tötet, um zu überleben, würde kein Tierethiker abverlangen, auf sein Überleben zu verzichten. In solchen Ausnahmefällen, wie auch in Fällen echter Notwehr, kann die Theorie von der „Natur des Menschen“ angewendet werden.</p>
<p>In Fällen, in denen die Tötung von Tieren nicht durch das blanke Überlebensinteresse gerechtfertigt ist, in denen dem Menschen selbst vielmehr überhaupt keine Gefahr droht, hat der Mensch allerdings die Möglichkeit, sich bewusst für oder gegen die Tötung eines Tieres zu entscheiden, ohne sich selbst zu schaden. Auch die Abstufung zwischen Tierarten, die nach Wuketits ebenfalls natürlich ist, muss in der Regel nicht rein instinktiv oder aus emotionalen Gesichtspunkten heraus geschehen, sondern kann auf wissenschaftliche Fakten über die Gefährlichkeit des Tieres, bzw. dessen Leidensfähigkeit gestützt werden. Wuketits scheint allerdings davon auszugehen, dass der Mensch, wenn er hier von seinen intellektuellen Fähigkeiten Gebrauch macht, den Tieren, die ja ihrer Natur folgen dürfen, unrechtmäßigerweise mehr Rechte als dem Menschen zugesteht und letztendlich eine <span style="font-style: italic">„Diskriminierung von Menschen“</span> bewirkt, die dem Verdacht der Misanthropie ausgesetzt ist: <span style="font-style: italic">„In einer Zivilisation, in der viele Menschen hungern und verhungern, grenzt es an Zynismus, die vegetarische bzw. vegane Lebensweise als (moralisch) einzig richtige zu propagieren und pauschal alle diejenigen als Mörder zu bezeichnen, die fleischliche Kost zu sich nehmen.[...] Tierethiker sind aufgerufen, auch über die Bedürfnisse des Menschen nachzudenken. Unseren Katzen und Hunden, Kaninchen und Hamstern, die wir uns als Hausgenossen halten, geht es im allgemeinen besser als den meisten Menschen in der Dritten Welt.“</span></p>
<p>Daneben bleibt Hoersters These, wer Tiere erzeugt, um sie zu töten, tue ihnen im Grunde etwas Gutes. Wuketits räumt ein, dass der Mensch möglicherweise kein Recht hatte, Tiere zu domestizieren, es aber nun einmal getan hat. Diese Entwicklung sei nicht mehr rückgängig zu machen, ohne <span style="font-style: italic">„unsägliches Leid“</span> unter den Tieren auszulösen, die in der freien Wildbahn nicht mehr überlebensfähig wären. Es bleibe somit dem Menschen nur die moralische Verpflichtung, die Tiere artgerecht zu behandeln und ihnen zum Wohlbefinden zu verhelfen, wobei Wuketits das Wohlbefinden als psychische und physische Fähigkeit definiert, mit der jeweiligen Umwelt gut zurechtzukommen. <span style="font-style: italic">„Artgerecht behandelten Haus- und Nutztieren gönnen wir, auch wenn wir sie am Ende töten, während ihres Lebens ein Wohlbefinden, das sie ansonsten wahrscheinlich gar nicht gewinnen könnten.“</span> Wuketits stimmt damit Hoersters Ansicht zu, dass es verwerflicher wäre, die Tiere überhaupt nicht zu „erzeugen“, da man sie dadurch ihrer, wie Hoerster es ausdrückt, <span style="font-style: italic">„lohnenden“</span> Existenz berauben würde. Angesichts der Realität des Umgangs mit sogenannten Nutztieren muss es erlaubt sein, den Vorwurf des Zynismus an dieser Stelle zurückzugeben.</p>
<p>Wuketits kommt im Bezug auf die Verwendung des Begriffs „Mord“ bei Tieren zu keinem ausdrücklichen Ergebnis. Die Frage scheint für ihn dadurch beantwortet, dass er das Töten von Tieren als erlaubt einstuft. Indem er diese Ansicht mit der menschlichen Natur begründet, reduziert er die Fälle, in denen das Töten eines Tieres erlaubt ist, weil durch die Natur des Menschen gerechtfertigt, auf diejenigen Einzelfälle, in denen tatsächlich ein existenzielles Interesse des Menschen betroffen ist. Dass es Ausnahmefälle geben kann, steht der Verwendung des Mordbegriffs nicht grundsätzlich entgegen. Auch beim Menschen unterscheidet man zwischen vorsätzlichem Mord und Notwehrreaktionen, die im natürlichen Überlebensinteresse begründet und daher „gerechtfertigt“ sein können. Die Aufzählung von Ausnahmefällen, in denen der Begriff „Mord“ offensichtlich unangebracht ist, liefert jedenfalls noch kein Argument dafür, den Terminus „Mord“ gänzlich zu streichen. Auf der anderen Seite entspricht es sicher auch nicht den <span style="font-style: italic">„romantischen Vorstellungen einiger Tierschützer und Tierethiker“</span>, jede Tötung eines Tieres pauschal als Mord zu verurteilen und damit den Mordbegriff im Bezug auf Tiere enger auszulegen als im Bezug auf Menschen.</p>
<p>In ihrem Urteil über Deschner sind sich Hoerster und Wuketits jedenfalls offensichtlich einig: Dem durchaus geachteten Kirchenkritiker Deschner wird sein Ausflug in die Tierethik mit einem gewissen Augenzwinkern verziehen, aber kaum zum Anlass einer ernsthaften Diskussion um die Frage nach einem „ Mord an Tieren“ genommen. So versäumt es etwa Hoerster nicht, den bekennenden Katzenfreund Deschner scherzhaft als heimlichen Mittäter an zahlreichen <span style="font-style: italic">„Mäusemorden“</span> zu entlarven und so dem Leser die scheinbare Absurdität der ganzen Fragestellung zu illustrieren: <span style="font-style: italic">„Müsste man nicht sämtliche Katzen – sowie alle anderen Tiere, die sich vegetarisch gar nicht ernähren können! – ausrotten, damit die furchtbare Fleischfresserei auf der Erde ein Ende hat?“</span> Helder Yurén versucht dieser Art des Gedankenaustauschs in seiner Replik auf Hoersters Ausführungen[4] daher konsequent mit Ironie zu begegnen und sieht in Hoersters Deschner-Kritik vor allem eine Antwort auf Deschners Versuch, <span style="font-style: italic">„ihm in seinem Dabeisein den duftenden Braten vom Teller zu stehlen“</span>.</p>
<p><span style="font-weight: bold">Anmerkungen</span></p>
<p>[1] Aufklärung und Kritik, Sonderheft 9/2004; Schwerpunkt: Karlheinz Deschner</p>
<p>[2] Karlheinz Deschner: Abermals krähte der Hahn (1962); Kriminalgeschichte des Christentums (seit 1986)</p>
<p>[3] Karlheinz Deschner: Für einen Bissen Fleisch. Das schwärzeste aller Verbrechen (1998)</p>
<p>[4] Helder Yurén: Replik auf Prof. Hoersters glückliches Tierleben; Aufklärung und Kritik 2/2007, S. 212 &#8211; 213</p>
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		<title>Der schwierige Stand der Tiere</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2007/10/20/der-schwierige-stand-der-tiere/</link>
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		<pubDate>Sat, 20 Oct 2007 22:19:08 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katharina Blesch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Essays]]></category>

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		<description><![CDATA[Der schwierige Stand der Tiere – gibt es einen Ausweg aus der Dissonanz? Nie standen nichtmenschliche Tiere so sehr im Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Nie waren sie dem Menschen so nahe wie heute. Nie war der Mensch so abhängig von ihnen wie in dieser Zeit. Seien es Blindenhunde, Tiere, die in der Therapie eingesetzt werden, Polizei- [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Der schwierige Stand der Tiere – gibt es einen Ausweg aus der Dissonanz?</p>
<p>Nie standen nichtmenschliche Tiere so sehr im Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Nie waren sie dem Menschen so nahe wie heute. Nie war der Mensch so abhängig von ihnen wie in dieser Zeit.<br />
Seien es Blindenhunde, Tiere, die in der Therapie eingesetzt werden, Polizei- und Spürhunde, Pferde, die es Eltern ermöglichen, ihren Kindern ein Hauch von Freiheit zu erkaufen, niedliche Zooinsassen oder schlicht unsere geliebten Haustiere &#8211; der Mensch von heute kann nicht mehr ohne sie. Ganz zu schweigen von den die Tieren, die wir nicht auf emotionaler, sondern auf wirtschaftlicher, technischer oder wissenschaftlicher Ebene einsetzen.<span id="more-65"></span>Die Kuh, das Schwein, die Hühner, die in der Massentierhaltung ihren Anfang und ihr Ende finden, sind die wohl prominentesten und traurigsten Beispiele dieser menschlichen Ausbeutung anderer Wesen. Und gleichzeitig vor allem ein Zeichen der menschlichen Abhängigkeit von anderen Tieren. Wissenschaft, Landwirtschaft, Nahrungsproduktion, Forschung – all das wäre ohne nichtmenschliche Tiere für die meisten Vertreter ihrer Zunft kaum denkbar.</p>
<p>Gleichzeitig kommen verstärkt Bewegungen auf, die sich den Schutz der Tiere auf die Fahnen geschrieben haben. Die Tierschutzbewegungen rutscht immer mehr aus ihrem Schattendasein in die allgemeine Diskussion, wird nicht mehr nur von einer Randgruppe vertreten, sondern befindet sich im Licht der Öffentlichkeit. Die konkreten Resultate sind noch spärlich und ein Umdenken der breiten Bevölkerung, die in ihrer Bratwurst nicht ein verendetes Mitgeschöpf, sondern eine leckere Mahlzeit sieht, liegt in weiter Ferne. Dennoch zeichnet sich ein Wandel ab, und sei es, dass Leute vermehrt auf Bio-Produkte zurückgreifen, anstatt ihre Milch bei Aldi zu kaufen (wenn auch hauptsächlich aus Sorge um die eigene Gesundheit).</p>
<p>Wie sich diese facettenreiche und bedeutungsschwere Rolle anderer Tiere in der menschlichen Gesellschaft im Leben des Einzelnen manifestiert, kann unterschiedlichster Art sein. Die Einen sehen in den Tieren Mitgeschöpfe, deren Rechte es zu wahren gilt, die anderen trennen emotional strikt zwischen „ihren“ Tieren und solchen, die zur Nahrungsproduktion dienen, wieder andere verschenken keinen Gedanken an die Honigbienen, Milchkühe oder sonstigen Tiere, die dem Menschen sein alltägliches Leben in all seiner Bequemlichkeit erst ermöglichen. Egal welcher Natur unser Umgang und unser Verständnis der Tiere nun ist, in jedem Fall ist der Großteil von uns von ihnen im höchsten Maße abhängig: wirtschaftlich, ernährungstechnisch, gesundheitlich oder emotional. Die Rolle der nichtmenschlichen Tiere für die menschliche Gesellschaft kann gar nicht überbewertet werden.Die Gesellschaft als ganze befindet sich in einem Spagat, in einem Zustand der ständigen Dissonanz, da sie vollkommen widersprüchliche Gedanken und Tatsache miteinander vereinen muss. Wir leben einerseits in der Zeit nach Darwin, in einer Zeit, in der die Biologie des Menschen und die evolutionären Wurzeln seines Verhaltens und seiner Psyche immer stärker betont und erforscht werden und vor allem auch in einer Zeit, in der psychische, empathische und emotionale Prozesse bei nichtmenschlichen Tieren auch von Kritikern kaum mehr negiert werden können. Auf der anderen Seite steht die Realität, die Verwendung und Ausbeutung von Tieren in den verschiedensten Bereichen. Ein beinah nicht zu bewältigender Balanceakt, der, betrachtet man es von psychologischer (d.h. dissonanztheoretischer) Seite, nur in folgenden Ausgängen enden kann:</p>
<ul>
<li>Der Zustand der Dissonanz bleibt bestehen, was jedoch für den Organismus (hier: die Gesellschaft) unangenehm und schwierig zu ertragen ist. Die Menschen streben von Natur aus stets einen Zustand der Ausgeglichenheit an</li>
<li>Eine der für die Dissonanz verantwortlichen Grundideen wird geändert; d.h. in diesem Zusammenhang die Annahme, dass der Mensch ein biologisches Wesen wie alle anderen ist, und dass Tiere dem Menschen kognitiv und emotional in gewisser Hinsicht nah stehen. Ein solches Umdenken wäre jedoch durch den fortgeschrittenen Stand der Wissenschaften nur äußerst schwierig zu bewältigen.</li>
<li>Eine weitere Kognition, bzw. Grundidee wird hinzugefügt, die den Missklang zwischen Einstellung und Handlung relativiert. In diesem Fall wäre das eine speziezistische Einstellung: „Tiere und Menschen ähneln sich zwar, aber der Mensch ist eben trotzdem überlegen, weil er ein Mensch ist, deshalb darf er auch die Tiere für seine Zwecke benutzen.“ Das würde allerdings einen Bruch mit den allgemeinen Gesetzen der Logik und jeder guten Argumentationsführung voraussetzen.</li>
<li>Eine für die Dissonanz verantwortliche Handlung wird vermieden. Das heißt in diesem Zusammenhang: der Mensch ändert sein Verhalten gegenüber den Tieren.</li>
</ul>
<p>Es ist wohl unnötig auf die Schwächen und Probleme der ersten drei Möglichkeiten hinzuweisen. So wird die dritte Möglichkeit zwar oft angewandt, und zwar in dem Sinne eines tiefverwurzelten und mit verzweifelter Hartnäckigkeit verteidigten Glaubens an die Überlegenheit des Menschen, dennoch wird sie von jeder nüchtern denkenden Person aufgrund ihrer Willkürlichkeit früher oder später abgelehnt werden müssen. Was bleibt ist die für den Menschen unbequemste und beschwerlichste Lösung: die letzte der oben genannten Alternativen.</p>
]]></content:encoded>
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		</item>
		<item>
		<title>Neu im Buchhandel: Tierrechte &#8211; Eine interdisziplinäre Herausforderung</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2007/08/31/tierrechte-eine-interdisziplinaere-herausforderung/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2007/08/31/tierrechte-eine-interdisziplinaere-herausforderung/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 31 Aug 2007 17:00:35 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Rainer Ebert</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literature]]></category>
		<category><![CDATA[Miscellaneous]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2007/08/31/tierrechte-eine-interdisziplinaere-herausforderung/</guid>
		<description><![CDATA[Im August 2007 erschien im Harald Fischer Verlag der Tagungsband &#8220;Tierrechte &#8211; Eine interdisziplinäre Herausforderung&#8221;. Auf 295 Seiten informieren international renommierte Autorinnen und Autoren über den aktuellen Stand der Tierrechtsdebatte in den Natur- und Geisteswissenschaften. 295 Seiten ISBN 978-3-89131-417-3 Verkaufspreis: 22,00 € Mit Beiträgen von Markus Wild, Hanno Würbel, Hanna Rheinz, Helmut F. Kaplan, Tom [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>Im August 2007 erschien im Harald Fischer Verlag der Tagungsband &#8220;Tierrechte &#8211; Eine interdisziplinäre Herausforderung&#8221;.</strong></p>
<p><img title="Cover" src="http://www.ag-tierethik.de/tagungsband/Buchcover_kl.jpg" alt="Cover" align="left" />Auf 295 Seiten informieren international renommierte Autorinnen und Autoren über den aktuellen Stand der Tierrechtsdebatte in den Natur- und Geisteswissenschaften.</p>
<p>295 Seiten</p>
<p>ISBN 978-3-89131-417-3</p>
<p>Verkaufspreis: 22,00 €</p>
<p>Mit Beiträgen von Markus Wild, Hanno Würbel, Hanna Rheinz, Helmut F. Kaplan, <strong>Tom Regan</strong>, Peter S. Wenz, Mylan Engel Jr., Antoine F. Goetschel, Jörg Luy, Eisenhart von Loeper, Kurt Remele, Silke Bitz, Raymond Corbey, Renate Rastätter, <strong>Carl Cohen</strong> und <strong>Eugen Drewermann</strong>.</p>
<p>Zielgruppe sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, Studierende, Lehrerinnen und Lehrer, Personen aus Tierschutz und Politik, andere Interessierte und insbesondere Schul- und Universitätsbibliotheken. Ihnen allen wollen wir mit unserem Tagungsband eine fachlich breit gefächerte Informationsquelle über den aktuellen Stand der Tierrechtsdebatte in Deutschland und in der Welt für Forschung, Unterricht und Arbeit an die Hand geben.</p>
<p><span style="font-family: Arial;">Noch heute versandkostenfrei      <a href="http://www.amazon.de/s/url=search-alias=aps&amp;field-keywords=9783891314173">online</a> bestellen.</span></p>
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		<title>Wieso Tierrechte nicht existieren</title>
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		<pubDate>Sun, 12 Aug 2007 13:22:45 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Prof. Dr. Tibor R. Machan</dc:creator>
				<category><![CDATA[Essays]]></category>

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		<description><![CDATA[Seit 1991 beschäftige ich mich mit Tierrechten und der Befreiung der Tiere. Es begann mit einem Artikel mit dem Titel „Do Animals Have Rights?“. Diesen habe ich geschrieben, nachdem ich erfahren hatte, dass ein Kollege, Tom Regan, mit „The Case for Animal Rights“ (University of California Press, 1983) ein viel beachtetes Buch veröffentlicht hat. Seit [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Seit 1991 beschäftige ich mich mit Tierrechten und der Befreiung der Tiere. Es begann mit einem Artikel mit dem Titel „Do Animals Have Rights?“. Diesen habe ich geschrieben, nachdem ich erfahren hatte, dass ein Kollege, Tom Regan, mit „The Case for Animal Rights“ (University of California Press, 1983) ein viel beachtetes Buch veröffentlicht hat. Seit ich meine Dissertation über dieses Thema verfasst habe, schreibe ich über die Theorie natürlicher Rechte und wollte deshalb endlich einmal klar sagen, was bei dieser Tierrechtsdebatte eigentlich Sache ist.<span id="more-63"></span></p>
<p>Im Wesentlichen habe ich dafür argumentiert, dass Rechte schlicht nicht zur Klasse der Entitäten gehören, die nichtmenschliche Tiere haben können. Können Tiere Schuld haben, beschuldigt werden, Bedauern empfinden und bereuen oder sich entschuldigen oder irgendetwas dieser Art? Nein. Und warum das so ist, war der springende Punkt meiner Argumentation: Sie sind keine moralischen Subjekte wie wir, nicht einmal die Großen Menschenaffen.</p>
<p>Wenn ein nichtmenschliches Tier, wie weit entwickelt auch immer, ein anderes Tier seiner Art tötet, verstümmelt oder verletzt, mögen wir dies beklagen soviel wir wollen, jedoch können wir den Täter nicht zur Verantwortung ziehen. Tiere handeln größtenteils instinktiv, selbst wenn dies mit einem geringen Maß an Intelligenz und Selbstbewusstheit einhergehen sollte. Was ihre Handlungen hingegen nicht umfassen, ist Selbstbestimmtheit vermittels einem freien Willen, Selbstbetrachtung und Selbstüberwachung – alles, was sie dazu befähigen würde, ihr Tun zu initiieren und moralisch zu handeln.</p>
<p>Wieso denken Leute wie Regan nichtsdestotrotz, dass Tiere Rechte haben? Weil sie Rechte nicht auf der Basis moralischer Handlungsfähigkeit, sondern auf der eines gewissen Grades an Intelligenz zuschreiben.</p>
<p>In der Natur finden sich keine sehr scharfen Trennungen – ein Kind wird nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem Erwachsenen, ebenso wenig wie ein Fötus zum Kind. Insbesondere, wenn wir auf biologische Entitäten zu sprechen kommen, verlassen wir den Pfad der Präzision von Geometrie und Algebra. Anstatt dessen gibt es gewissermaßen Graubereiche. Und so ist es auch mit der Intelligenz.</p>
<p>Das ist jedoch noch in keinster Weise eine Rechtfertigung dafür, auf die vernunftgemäße Klassifizierung von Dingen zu verzichten. Und alles in allem sind es die Menschen, die zum moralischen Handeln befähigt sind, nichts anderes von dem wir wissen, nicht einmal Tiere mit einem gewissen Grad von Intelligenz – welche zumindest dazu neigen, diese Intelligenz meist nur dann zu zeigen, wenn sie von Menschen gefangen und manipuliert werden, um  ihre Pfiffigkeit zu erweitern.</p>
<p>Ja, die Dinge sind komplizierter als einst gedacht – beispielsweise von René Descartes, dem großen französischen Philosophen, der der Überzeugung war, nichtmenschliche Tiere seien Maschinen!</p>
<p>Kürzlich habe ich ein Buch über dieses Thema verfasst, „Putting Humans First“, in dem ich meinen früheren Artikel ausgebaut und die Idee entwickelt habe, dass sich auch die Umweltethik auf einem Irrweg befindet, da sie verkennt, dass Menschen die höchste Leitersprosse der Natur sind und unser Handeln und die öffentliche Ordnung im Bewusstsein dieser Tatsache fortschreiten sollte. Nein, das heißt nicht, dass alles erlaubt ist – Katzen zu quälen ist trotzdem bösartig, wie auch die Missachtung der Leiden von Versuchs- und Haustieren sowie Vieh und Geflügel falsch ist. Aber daraus folgt nicht, dass menschliche Absichten und Zwecke unseren Gebrauch von Tieren nicht rechtfertigen.</p>
<p>Einige haben damit begonnen, Notiz von meiner Position zu nehmen, nachdem sich nur sehr wenige öffentlich dazu geäußert hatten – teilweise vielleicht deshalb, weil PETA und andere Tierrechtsaktivisten kein sehr freundlicher Haufen sind und die meisten diesen Leuten entsprechend früh aus dem Weg gehen. Der aufschlussreichste Einwand gegen mich liest sich ungefähr wie folgt: „Aber es gibt doch Menschen wie beispielsweise Kleinkinder, solche im Koma und solche mit minimaler Geisteskraft, die auch nicht beschuldigt oder verantwortlich gemacht werden können usw. und dennoch Rechte haben. Zeigt das nicht, dass nicht nur Menschen Rechte haben können?“</p>
<p>Dieser Einwand berücksichtigt nicht die Tatsache, dass sich Klassifikationen und das Zuschreiben von Fähigkeiten auf die Plausibilität gewisser Verallgemeinerungen stützen. Eine Möglichkeit, sich dies klar zu machen, ist es, sich in Erinnerung zu rufen, dass kaputte Stühle, obschon nicht dazu geeignet darauf zu sitzen, gleichwohl Stühle sind, keine Affen oder Palmen. Klassifikationen sind nicht zwingend, jedoch vernünftig. Während es einige Menschen gibt, denen es über kurz oder lang – beispielsweise wenn sie schlafen oder im Koma liegen – an moralischer Handlungsfähigkeit mangelt, besitzen Menschen im Allgemeinen diese Fähigkeiten, Nichtmenschen hingegen nicht. Deshalb macht es Sinn, sie als Träger von Rechten zu begreifen, wodurch ihre Fähigkeiten geachtet werden und auch geschützt werden können. Bei anderen Tieren ist dies einfach nicht möglich.</p>
<p>Ein letzter Punkt. Manche bemängeln an meinem Ansatz, dass er keinen streng logischen Beweis für die Rechtlosigkeit der Tiere enthält. Allerdings ist diese Forderung fehlgeleitet – den Nachweis eines Negativs zu fordern ist, wie wenn man von der Verteidigung verlangt, die Unschuld des Angeklagten zu beweisen. Es sind die TierrechtsbefürworterInnen, die es bisher versäumt haben zu zeigen, dass Tiere Rechte haben und ich habe lediglich etwas Zuarbeit geleistet, dies aufzuzeigen.</p>
<p><em>Aus dem Englischen von <a target="_blank" href="http://www.ag-tierethik.de/panten">Uta Panten</a> und <a target="_blank" href="http://www.rainerebert.de">Rainer Ebert</a>.</em></p>
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