<?xml version="1.0" encoding="UTF-8"?>
<rss version="2.0"
	xmlns:content="http://purl.org/rss/1.0/modules/content/"
	xmlns:wfw="http://wellformedweb.org/CommentAPI/"
	xmlns:dc="http://purl.org/dc/elements/1.1/"
	xmlns:atom="http://www.w3.org/2005/Atom"
	xmlns:sy="http://purl.org/rss/1.0/modules/syndication/"
	xmlns:slash="http://purl.org/rss/1.0/modules/slash/"
	>

<channel>
	<title>Tierethik - Animal Ethics &#187; Science</title>
	<atom:link href="http://tierethikblog.de/category/science-forschung/feed/" rel="self" type="application/rss+xml" />
	<link>http://tierethikblog.de</link>
	<description>Bilingual Blog about the Moral Status of Nonhuman Animals and Related Fields of Study</description>
	<lastBuildDate>Sun, 27 Jun 2010 23:23:44 +0000</lastBuildDate>
	<language>en</language>
	<sy:updatePeriod>hourly</sy:updatePeriod>
	<sy:updateFrequency>1</sy:updateFrequency>
	<generator>http://wordpress.org/?v=3.0.1</generator>
		<item>
		<title>Ansprechpartner für Alternativen zu Tierversuchen</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2007/03/20/ansprechpartner-fur-alternativen-zu-tierversuchen/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2007/03/20/ansprechpartner-fur-alternativen-zu-tierversuchen/#comments</comments>
		<pubDate>Tue, 20 Mar 2007 21:18:55 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jürgen Schneele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2007/03/20/ansprechpartner-fur-alternativen-zu-tierversuchen/</guid>
		<description><![CDATA[In Artikel 23 Absatz 1 der EU Richtlinie 86/609/EEC [Link] ist festgeschrieben, dass die EU Kommission die Entwicklung und Validierung von Alternativmethoden fördern soll und geeignete Maßnahmen trifft, um die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern. Um diesem Auftrag Folge zu leisten, haben die Europäische Kommission und verschiedene Staaten Zentren für die Validierung von Alternativmethoden [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In Artikel 23 Absatz 1 der EU Richtlinie 86/609/EEC [<a href="http://ec.europa.eu/food/fs/aw/aw_legislation/scientific/86-609-eec_en.pdf" target="_blank">Link</a>] ist festgeschrieben, dass die EU Kommission die Entwicklung und Validierung von Alternativmethoden fördern soll und geeignete Maßnahmen trifft, um die Forschung auf diesem Gebiet zu fördern. Um diesem Auftrag Folge zu leisten, haben die Europäische Kommission und verschiedene Staaten Zentren für die Validierung von Alternativmethoden etabliert.<span id="more-44"></span></p>
<p><strong>Validierungsprozess</strong></p>
<p>Damit Alternativmethoden als Testmethoden in vorgeschriebenen toxikologischen Prüfverfahren akzeptiert werden, müssen sie beweisen, dass sie die Vorhersagekraft für das Ergebnis des entsprechenden Tierversuchs besitzen. Der Prozess, in dem dies geprüft wird, wird Validierung genannt. Im Zuge dieses Prozesses wird  die Methode mit einem breiten Spektrum an Substanzen in verschiedenen Labors auf ihre Tauglichkeit zur Vorhersage von Tierversuchsdaten und auf ihre Reproduzierbarkeit geprüft.</p>
<p>[Weiterführende Literatur: F. P. Gruber und H. Spielmann: <em>Alternativen zu Tierexperimenten</em> (Kapitel B.9.: Validierung von Alternativmethoden zum Tierversuch), Spektrum Akademischer Verlag, Heidelberg-Berlin-Oxford, 1996]</p>
<p><strong>Zentren für Alternativmethoden</strong></p>
<p>In der Bundesrepublik Deutschland wurde im Jahr 1990 die <em>Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch</em> (ZEBET) gegründet [<a href="http://www.bfr.bund.de/cd/1433" target="_blank">Link</a>]. Die ZEBET ist Teil des <em>Bundesinstituts für Risikobewertung</em> (BfR). Sie hat neben der systematischen Erfassung bereits publizierter Ersatz- und Ergänzungsmethoden auch die Aufgabe, diese Methoden zu evaluieren und erfolgversprechende Ansätze auf diesem Gebiet zu fördern. Sie leistet Gutachtertätigkeit für zuständige Behörden zu Anträgen von Tierversuchsvorhaben und steht für Anfragen auf dem Gebiet der Alternativmethoden bereit.</p>
<p>Besondere Priorität der ZEBET hat der Ersatz von Tierversuchen in behördlichen Anmelde- und Zulassungsverfahren [siehe <a href="http://tierethikblog.de/2006/12/18/die-rechtlichen-grundlagen-der-tierversuche">hier</a>]. Die ZEBET koordiniert und initiiert in Zusammenarbeit mit anderen, auch internationalen Behörden und Verbänden (siehe unten) Validierungsaufgaben. Zudem wurde eine Datenbank zur Erfassung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden aufgebaut, die seit dem Jahr 2000 unter dem Namen &#8220;AnimAlt-ZEBET&#8221; online zur Verfügung steht [<a href="http://www.dimdi.de" target="_blank">Link</a>].</p>
<p>[Adresse: ZEBET, Diedersdorfer Weg 1, D-12277 Berlin]</p>
<p>Die Europäische Union gründete im Jahr 1992 das <em>European Center for the Validation of Alternaive Methods</em> (ECVAM) [<a href="http://ecvam.jrc.it" target="_blank">Link</a>]. Diese Institution betreut ähnliche Aufgaben wie die ZEBET, allerdings auf EU-Ebene. Auch sie erfasst und bewertet Alternativmethoden und koordiniert Validierungsprozesse. Bestenfalls erreicht die ECVAM die EU-weite Akzeptanz einer Alternativmethode und damit die Abschaffung des davor zu einem Prüfzweck vorgesehenen Tierversuchs. Wie die ZEBET stellt auch die ECVAM eine Datenbank mit validierten und akzeptierten Alternativmethoden zur Verfügung [<a href="http://ecvam-dbalm.jrc.cec.eu.int" target="_blank">Link</a>].</p>
<p>In den USA wurde im Jahr 1997 das <em>Interagency Coordination Committee on the Validation of Alternative Methods</em> (ICCVAM) gegründet [<a href="http://iccvam.niehs.nih.gov" target="_blank">Link</a>]. Dieses Komitee prüft zur Zeit unter anderem verschiedene Alternativmethoden auf Tauglichkeit zum Ersatz des Draize-Tests am Kaninchenauge, die in verschiednen Ländern der EU bereits akzeptiert wurden.</p>
<p>[Weiterführende Links: <a href="http://iccvam.niehs.nih.gov/methods/ocudocs/ocu_brd.htm" target="_blank">Link 1</a>, <a href="http://iccvam.niehs.nih.gov/docs" target="_blank">Link 2</a>]</p>
<p>Weitere europäische Staaten, die Zentren für Alternativen zu Tierversuchen einrichteten:</p>
<p>Österreich – <em>Zentrum für Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch</em> (ZET) [<a href="http://www.zet.or.at" target="_blank">Link</a>]</p>
<p>Niederlande – <em>Netherlands Centre Alternatives to Animal Use</em> (NCA) [<a href="http://www.nca-nl.org" target="_blank">Link</a>]</p>
<p>Schweden – (geplant)</p>
<p><strong>Kriterien für Akzeptanz einer Alternativmethode</strong></p>
<p>Die Kriterien, die eine neue Testmethode (wie eine Alternative zu einem Tierversuch) erfüllen muss, um in dem Validierungsprozess und später als offizielle Prüfmethode, z. B. in OECD-Richtlinien, aufgenommen werden zu können, sind von der OECD in einem Dokument festgeschrieben worden [<a href="http://appli1.oecd.org/olis/2005doc.nsf/43bb6130e5e86e5fc12569fa005d004c/4a5c0da258915e7fc1257062002d090d/$FILE/JT00188291.PDF" target="_blank">Link</a>].</p>
<p>Auch die  ICCVAM stellt ähnliche Dokumente zur Verfügung [<a href="http://iccvam.niehs.nih.gov/SuppDocs/guidelines/SD_Guidelines.htm" target="_blank">Link</a>]. Die ECVAM bietet ein Dokument mit Kriterien zur Übermittlung von potentiellen Alternativmethoden für den Eintritt in den Prävalidierungs-/Validierungsprozess an [<a href="http://ecvam.jrc.it/upload_docs/m_5/Guidelines.pdf" target="_blank">Link</a>].</p>
<p><strong>Tierversuchsfreie Lehrmethoden</strong></p>
<p>Die bekannteste Arbeitsgruppe in Deutschland, die sich für ein tierversuchsfreies Studium stark macht, ist <em>Satis</em> (lat.: Genug!) [<a href="http://www.satis-tierrechte.de" target="_blank">Link</a>]. Satis ist eine A<em>rbeitsgruppe des Verbands Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V.</em>, der auch die Zeitschrift &#8220;Tierrechte&#8221; herausgibt [<a href="http://www.tierrechte.de" target="_blank">Link</a>].</p>
<p>[Adresse, Telefon, FAX: Menschen für Tierrechte – Bundesverband der Tierversuchsgegner e.V., SATIS – Studentische Arbeitsgruppe gegen Tiermissbrauch im Studium, Roermonder Str. 4a, 52072 Aachen, Tel.: 0241 – 15 72 14, FAX: 0241 – 15 56 42]</p>
<p>Auf viele Tierversuche in der Lehre kann heute durch den Einsatz elektronischer Medien verzichtet werden. Lehrfilme können viele anatomische Beschaffenheiten oder physiologische Vorgänge sehr gut veranschaulichen. Sie ersetzen zunehmend studentische Tierversuchspraktika in den Fächern Medizin und Biologie. [Weitere Informationen: David Dewhurst, Universität Edinburgh, <a href="http://www.lts.mvm.ed.ac.uk" target="_blank">Link</a>]</p>
<p><em>InterNICHE</em> ist ein offenes Netzwerk von Studenten, Lehrkräften und Tierschützern mit dem Fokus auf den Einsatz von Tieren und Alternativmethoden in der biologischen Forschung und medizinischen Ausbildung. Es stellt unter anderem kostenfrei das Buch &#8220;<em>From Guinea Pig to Comupter Mouse</em>&#8221; zur Verfügung [<a href="http://www.interniche.org/book.html" target="_blank">Link</a>].</p>
<p>Die <em>Akademie für Tierschutz</em> stellt auf ihrer Homepage eine sehr umfassende Linksammlung für Alternativen zu Tierversuchen bereit, in der auch viele Links dieses Beitrags nocheinmal zusammengefasst sind [<a href="http://www.tierschutzakademie.de/00893.html" target="_blank">Link</a>].</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2007/03/20/ansprechpartner-fur-alternativen-zu-tierversuchen/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>12. Internationale Fachtagung zum Thema Tierschutz in Rechtsetzung und Vollzug</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2007/03/18/12-internationale-fachtagung-zum-thema-tierschutz-in-rechtsetzung-und-vollzug/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2007/03/18/12-internationale-fachtagung-zum-thema-tierschutz-in-rechtsetzung-und-vollzug/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 18 Mar 2007 19:43:19 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexandra Breunig</dc:creator>
				<category><![CDATA[Proceedings]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2007/03/18/12-internationale-fachtagung-zum-thema-tierschutz-in-rechtsetzung-und-vollzug/</guid>
		<description><![CDATA[Am 8. und 9. März 2007 fand die 12. Internationale Fachtagung zum Thema Tierschutz in Rechtsetzung und Vollzug in Nürtingen statt. Die Tagung wurde gemeinsam von der Fachgruppe Tierschutzrecht der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft e. V, der Hochschule Nürtingen sowie der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz veranstaltet. Die Themen der insgesamt 20 Vorträge reichten von kognitiven Fähigkeiten [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img align="right" alt="Die Veranstalter" title="Die Veranstalter" src="http://ag-tierethik.de/blog/fachtagungtierschutz.jpg" />Am 8. und 9. März 2007 fand die 12. Internationale Fachtagung zum Thema Tierschutz in Rechtsetzung und Vollzug in Nürtingen statt. Die Tagung wurde gemeinsam von der Fachgruppe Tierschutzrecht der Deutschen Veterinärmedizinischen Gesellschaft e. V, der Hochschule Nürtingen sowie der Tierärztlichen Vereinigung für Tierschutz veranstaltet. Die Themen der insgesamt 20 Vorträge reichten von kognitiven Fähigkeiten von Tieren, Management von Überwachungs- und Dokumentationsmaßnahmen, rechtlichen Fragestellungen wie Tiertötung bis zu speziellen Fällen wie die Haltung von Zierfischen in Diskotheken.<span id="more-43"></span></p>
<p>Den Anfang machte <a target="_blank" title="Judith Benz-Schwarzburg" href="http://www.ag-tierethik.de/benz-schwarzburg">Judith Benz-Schwarzburg</a> vom Interfakultären Zentrum für Ethik in den Wissenschaften in Tübingen mit ihrem Beitrag &#8220;<em>Kognitive Fähigkeiten bei Tieren und ihre Relevanz für Tierethik und Tierschutz</em>&#8220;.  Anhand von Beispielen wurden kognitive Fähigkeiten von Tieren in den Bereichen Kultur, Sprache und &#8220;Theory of Mind&#8221; (Selbst- und Fremdeinschätzung) veranschaulicht. Belege für eine Kultur im Sinne von über Generationen vermittelten Fähigkeiten fanden sich z. B. beim Werkzeuggebrauch von Schimpansen oder auch bei Delfinen, die Schwämme als Schnauzenschutz beim Gründeln benutzen und diese Taktik an ihre Jungen weitergeben. Als beeindruckendes Beispiel für Sprachfähigkeit gilt der Graupapagei &#8220;Alex&#8221;. Täuschungsversuche unter Menschenaffen, die eine Einschätzung des Gegenübers verlangen, weisen auf eine &#8220;Theory of Mind&#8221; hin. Besonders die Zootierhaltung macht angesichts der diversen Verhaltensstörungen von Zootieren eine Einbeziehung der psychisch-kognitiven Komponente in ethische Überlegungen und Tierschutz erstrebenswert.</p>
<p>Die folgenden vier Referate behandelten aktuelle Themen in Sachen Tierschutzkontrolle und  Verwaltung. Dr. Gerhard Kuhn aus  Stuttgart  sprach über &#8220;<em>Systematische Tierschutz-Kontrollen im Rahmen des Cross-Compliance-Verfahrens</em>&#8220;. Das Cross-Compliance-System der Europäischen Gemeinschaft koppelt Prämienzahlungen mit der Einhaltung von Verpflichtungen, die seit dem 1. Januar 2007 Tierschutzbestimmungen enthalten und durch systematische Kontrollen sowie anlassbezogene Kontrollen (Cross Checks) überprüft werden.</p>
<p>Dr. Thomas Pyczak thematisierte die &#8220;<em>Umsetzung des § 11 des Tierschutzgesetz einschließlich der Anerkennung von Verbandsprüfungen</em>&#8220;. Dieser Paragraf hat die Erlaubnispflicht für bestimmte Tierhaltungen und Tätigkeiten zum Inhalt. Pyczak besprach Regelungen hinsichtlich den Voraussetzungen der Erlaubnis, der Qualifikation der Person, einzelnen Bereichen der Tierhaltung und den Anzeigeverfahren im Bereich Wildhaltung, die im QMS-Schreiben der Veterinärverwaltung Baden-Württembergs darlegt sind. Eine besondere Erlaubnispflicht besteht z. B. bei der Haltung von Tieren im Zoofachhandel, Tierheim oder zu Versuchszwecken. An dieser Stelle ist erwähnenswert, dass für die Pelztierhaltung keine besondere Erlaubnispflicht mehr besteht, sie ist nun Bestandteil der Nutztierverordnung.</p>
<p>Einen Erfahrungsbericht aus Vorarlberg (Österreich) lieferte Dr. Erik Schmid mit seinem Vortrag &#8220;<em>Qualitätsmanagement in der Veterinärverwaltung</em>&#8220;. Wichtige Grundlage der dortigen Verwaltung stellen zum einen die Trennung von Beratung und Kontrolle dar &#8211; d. h. Amtstierärzte konzentrieren sich auf Kontrollaufgaben, praktische Tierärzte stehen in einem Betreuungsverhältnis zum Landwirt &#8211; und zum anderen Professionalisierung und Spezialisierung dar, was durch ortsnahe Grund- und Weiterbildung erreicht werden soll. Ab 2007 soll der &#8220;risikobasierte integrierte Kontrollplan&#8221; die Überwachung der Betriebe verbessern, die nun durch freiwillige Kontrollen in eine höhere Sicherheitsstufe gelangen können.</p>
<p>Aus dem Kreis Kleve erfolgte der Beitrag &#8220;<em>Erfahrungen mit dem QM-Handbuch Tierschutz</em>&#8220;. Auf der Grundlage des EU-Hygienepakets erfolgte die Erstellung eines Handbuchs, das Auslegung und Vollzug des Tierschutzrechts für Verwaltung und tierärztliches Personal verbindlich und klar darstellen soll. Transparentes Handeln, dokumentierte Verfahren und regelmäßige Überprüfungen der Vorgehensweise sollen der Arbeit zugrunde liegen.</p>
<p>Dr. Irmela Ruhdel stellte die &#8220;<em>Umfrage des Deutschen Tierschutzbundes zur Tätigkeit von Genehmigungsbehörden für Tierversuche und beratenden Kommissionen nach §15 TierSchG</em>&#8221; vor. Dazu wurden im Februar 2006 Fragebögen an Mitglieder der Genehmigungsbehörden der Länder sowie der beratenden Kommissionen verschickt. Von besonderer Bedeutung war hier die Frage, welchen Einfluss die Verankerung des Tierschutzes im Grundgesetz 2002 auf die ethische Beurteilung von Tierversuchen zeigte. Weiterhin wurde nach konkreten Veränderungen und Optimierungsvorschlägen gefragt. Die vorläufige Auswertung lässt nur wenig Veränderung bzgl. des Stellenwerts des Tierschutzes und ethischer Belange erkennen. Es wurde der Ruf nach ethischen Entscheidungshilfen wie Belastungsobergrenze, Belastungskataloge und Ergebnisberichte zur Erfolgbewertung der Tierversuche laut.</p>
<p>DDr. Regina Binder aus Wien referierte über &#8220;<em>Die Tötung von Tieren aus tierschutzrechtlicher Sicht</em>&#8220;. Gemäß dem deutschen und österreichischen Tierschutzgesetz muss zur Tiertötung ein &#8220;vernünftiger Grund&#8221; vorliegen. Dieser liegt vor, wenn eine Rechtsnorm oder andere Rechtsmaterie die Tötung von Tieren ausdrücklich zulässt oder anordnet, wenn ein allgemeiner Rechtfertigungsgrund (Notwehr) vorliegt oder wenn die Interessen an der Tötung schwerer liegen als die des Tieres bzw. Tierschutzes. Tiertötung aus ökonomischen Gründen ist grundsätzlich nicht zulässig, dieses Verbot wird allerdings bei Nutztieren durch die stärkere Gewichtung ökonomischer Interessen ausgehebelt. Die Tötung gesunder oder überzähliger Heimtiere ist wiederum verboten. Dass dieses Verbot in Einzelfällen umgangen wird, zeigte Dr. Bodo Buschs Vortrag &#8220;<em>Problemfall Euthanasien im Tierheim</em>&#8220;, in dem er von einem besonders eklatanten Fall eines Tierheims berichtet. Hier erfolgten zahlreiche Euthanasien ohne gründliche Diagnose oder Therapieversuch, unzureichend dokumentiert und oft unmittelbar nach Aufnahme ins Tierheim.</p>
<p>Als &#8220;vernünftigen Grund&#8221; sieht das Tierschutzgesetz auch Maßnahmen zur Seuchenbekämpfung an. Neben BSE, Schweinepest und Vogelgrippe, führte auch Scrapie, eine Form der übertragbaren spongiformen Enzephalopathie, zu zahlreichen &#8220;Keulungen&#8221;. Gesine Lühken aus Gießen informierte in ihrem Vortrag  &#8220;<em>Auswirkungen der aktuellen EU-rechtlichen Regelungen zur Scrapie-Bekämpfung beim Schaf auf die Keulungsmaßnahmen in von Scrapie betroffenen Schafherden</em>&#8221; über die Folgen neuer Verordnungen, die es seit dem 1. Oktober 2003 möglich machen, auf die vollständige Keulung von Schafherden zu verzichten. Eine Voraussetzung dafür stellt die Prionprotein-Genotypisierung der gesamten Herde dar. Schafe mit bestimmten Genotypen sind resistent bzw. weniger anfällig für Scrapie und können in der Herde verweilen bzw. 5 Jahre Aufschub erhalten. Keulungen gesamter Schafherden fanden nach Inkrafttreten der Verordnung nur noch in Einzelfällen statt. Stark abhängig von Rassezusammensetzung und Genotypen der Böcke konnten 10-90 % der Schafe in der Herde behalten werden.</p>
<p>Dirk Willem Kleingeld aus Hannover führte eine &#8220;<em>Tierschutzfachliche Beurteilung der Haltung von Zierfischen  in einer Diskothek</em>&#8221; durch, indem er sich zahlreichen Messungen wie z. B. der Wasseranalyse, Lichtimpulswirkung, Verhaltensbeobachtung, Schall- und Vibrationsbelastung bediente. Er kam zu dem Ergebnis, dass die Haltung von Zierfischen in Diskotheken nicht grundsätzlich ein Verstoß gegen das Tierschutzgesetz darstellt. Entscheidend seien die Haltungsbedingungen und der Ort der Aufstellung.</p>
<p>Am zweiten Tag wurde eine &#8220;<em>Bundesweite Untersuchung zur kolostralen Versorgung von neugeborenen Kälbern</em>&#8221; aus München vorgestellt. Teilweise über 15 % der Kälber in Deutschland versterben in den ersten Lebenswochen. Eine wichtige Rolle spielt hierbei die Versorgung mit der Immunglobulin-G-reichen Kolostralmilch. Die Forscher stellten fest, dass die Anzahl der Laktationen des Muttertieres, die warme Jahreszeit sowie die Menge der ersten Kolostrumverabreichung positiv mit dem IgG-Serum-Spiegel korrelierten. 18,4 % der untersuchten Kälber waren absolut IgG-unterversorgt, 20,4 % mangelhaft versorgt.</p>
<p>Nach der EU-Ökoverordnung müssen bis spätestens 2010 Biobetriebe Ausläufe bzw. Laufhöfe für ihre Rinder und Schweine (Ausnahme bei Sommerweide) angelegt haben. Die Untersuchung &#8220;<em>Empfehlungen zu Ausläufen bei Rindern und Schweinen</em>&#8221; fand bei zwei Drittel der Milchkuhhalter Laufhöfe vor, Ausläufe für Jung- und Mastrindern sowie Kälbern nur bei unter 10 % der Betriebe. Etwa die Hälfte aller Mastschweinbetriebe wiesen Ausläufe auf.</p>
<p>Auch die folgenden drei Vorträge hatten Haltungsbedingungen von Nutztieren zum Thema. &#8220;<em>Welche Möglichkeiten bieten Checklisten bei der on-farm-Kontrolle von Ferkelaufzuchtbetrieben?</em>&#8221;  beantwortete Dr. Dirk Schäffer aus Halle, &#8220;<em>Untersuchungen zur tiergerechten Kaninchenmast</em>&#8221; stellte Andrej Toplak vor und schlug die  Bodenhaltung als Alternative zur Käfighaltung vor. Das Forschungsvorhaben &#8220;<em>Vergleichende Untersuchungen von Lichtprogrammen in der Hähnchenmast unter besonderer Berücksichtigung von tierschutzrelevanten Aspekten</em>&#8221; gründet auf der Arbeitshypothese, dass ein Lichtprogramm mit verringerter Lichtintensität in der Endmastphase einem Lichtprogramm mit durchgehend 20 Lux sowohl wirtschaftlich als auch aus Tierschutzgründen überlegen ist.</p>
<p>Die nächsten beiden Beiträge hatten den sogenannten Wesenstest für Hunde zum Thema. Die Studie &#8220;<em>Aggressionsverhalten von Hunden in Abhängigkeit verschiedener Testsituationen im Wesenstest</em>&#8221;  verglich eine Gruppe (415 Hunde) als gefährlich geltender Rassen wie Bullterrier, Rottweiler und Pitbull mit einer Golden-Retriever-Kontrollgruppe (70 Hunde). Ihr Verhalten wurde einer Skala von 1 (keine Aggression) bis 7 (Eskalation) zugeordnet, den Testsituationen wurden – nach Bedrohlichkeit gestaffelt &#8211; Multiplikatoren von 1 (Verhalten nachvollziehbar) bis 3 (gravierend und nicht mehr akzeptabel) zugeteilt. Das Ergebnis offenbarte keinen signifikanten Unterschied zwischen Untersuchungs- und Kontrollgruppe. Auch die Hunde der als gefährlich geltenden Rassen reagierten nicht per se unangemessen und unberechenbar, sondern abhängig von der Bedrohlichkeit der jeweiligen Situation.<br />
Einen Einblick in die aktuelle Situation in Hessen gab Dr. Heidi Bernauer-Münz im Beitrag &#8220;<em>Wesenstests in Hessen – Vorgaben und Erfahrungen</em>&#8220;. Um weiterleben zu dürfen müssen Vertreter von 16 Rassen und deren Mischlinge einen Wesentest durchlaufen. Fallen sie durch, werden sie innerhalb einer Woche beschlagnahmt und eingeschläfert. Auf diese Weise wurden 2004 in Hessen ca. 530 Hunde getötet, weit mehr als in anderen Bundesländern. Besonders paradox erscheint die Vorgabe, dass Hunde, die durch ein aggressives Verhalten auffällig wurden, zur Prüfung eine Nachstellung der jeweiligen Situation durchlaufen müssen. So wurde z. B. ein Gutachten über einen Hund, der eine Katze totgebissen hatte nicht anerkannt, da die Situation nicht nachgestellt wurde.</p>
<p>Die letzten drei Vorträge informierten über Neuigkeiten im Bereich Hühnerhaltung. Die Hohenheimer Studie &#8220;<em>Federpicken bei Legehennen im Kontext des Nahrungsaufnahmeverhaltens</em>&#8221; stellte eine hohe Motivation von Federpickern Federn zu verzehren sowie eine beschleunigte Darmpassage durch die verzehrten Federn fest. Jutta Berk verglich den &#8220;<em>Einfluss von differenten Einstreumaterial auf die Tiergesundheit und die Leistungen von Broilern</em>&#8220;. Besonderes Augenmerk wurde auf die Gesundheit der Fußballen gerichtet. Die letzte vorgestellte Studie untersuchte &#8220;<em>Einflüsse auf den Gefiederzustand und Mortalität bei Legehennen in Bio-Betrieben</em>&#8221; und brachte Gefiederschäden u. a. mit der hohen Besatzdichte in Verbindung. Großbetriebe konnten trotz der hohen Besatzdichte durch gutes Management die Mortalität niedrig halten.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2007/03/18/12-internationale-fachtagung-zum-thema-tierschutz-in-rechtsetzung-und-vollzug/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>The Ethics of Animal Research</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2007/01/05/britisch-nuffield-council-on-bioethics-comments-on-the-ethics-of-animal-research/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2007/01/05/britisch-nuffield-council-on-bioethics-comments-on-the-ethics-of-animal-research/#comments</comments>
		<pubDate>Fri, 05 Jan 2007 15:00:36 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jürgen Schneele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literature]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2007/01/05/britisch-nuffield-council-on-bioethics-comments-on-the-ethics-of-animal-research/</guid>
		<description><![CDATA[In May 2005 the British Nuffield Council on Bioethics published a voluminous report, titled &#8220;The Ethics of Research Involving Animals&#8221; (324 pages). The report is free for download at: http://www.nuffieldbioethics.org/go/ourwork/animalresearch/publication_178.html It is advertised as follows: &#8220;This Report seeks to clarify the debate and aims to help people think through the ethical issues that are raised. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In May 2005 the <a title="British Nuffiel Council on Bioethics" target="_blank" href="http://www.nuffieldbioethics.org/">British Nuffield Council on Bioethics</a> published a voluminous report, titled &#8220;The Ethics of Research Involving Animals&#8221; (324 pages).<span id="more-29"></span> The report is free for download at:</p>
<p><a title="The Ethics of Research Involving Animals" target="_blank" href="http://www.nuffieldbioethics.org/go/ourwork/animalresearch/publication_178.html">http://www.nuffieldbioethics.org/go/ourwork/animalresearch/publication_178.html</a></p>
<p>It is advertised as follows:</p>
<p>&#8220;This Report seeks to clarify the debate and aims to help people think through the ethical issues that are raised. The ways in which animals are used in different areas of research are reviewed, including: basic or &#8220;blue sky&#8221; research, the development of new medicines and vaccines, and toxicity testing. The Report makes practical recommendations for future policy and practice, relating among other things, to the use of GM animals, ways of improving the quality of debate, the implementation of the <a title="Tierschutz und Wissenschaft Hand in Hand" href="http://tierethikblog.de/2006/11/30/%e2%80%9etierschutz-und-wissenschaft-hand-in-hand%e2%80%9c-2/">Three Rs</a> (Refinement, Reduction and Replacement), and the responsibilities of researchers, reviewers and funding bodies.&#8221;</p>
<p>This report is a great deal foreward to provide reliable information on the difficult topic &#8220;Animal Ethics&#8221;.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2007/01/05/britisch-nuffield-council-on-bioethics-comments-on-the-ethics-of-animal-research/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Nature greift das Thema Tierversuche auf</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2006/12/22/nature-greift-das-thema-tierversuche-auf/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2006/12/22/nature-greift-das-thema-tierversuche-auf/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 21 Dec 2006 23:57:51 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jürgen Schneele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Literature]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2006/12/22/nature-greift-das-thema-tierversuche-auf/</guid>
		<description><![CDATA[Die Zeitschrift &#8220;Nature&#8221; ist eine der weltweit führenden Fachzeitschriften für Naturwissenschaften. Eines ihrer Hauptthemengebiete sind die Biowissenschaften. In diesem Forschungsbereich sind Tierversuche bekanntlich keine Seltenheit. Die &#8220;Nature&#8221; bietet somit eine Plattform, um Daten aus tierverbrauchenden Studien zu publizieren. Erfreulicherweise griff die &#8220;Nature&#8221; in ihrer Ausgabe 444 vom 14.12.06 das schwierige Thema &#8220;Tierversuche&#8221; mit einer Reihe [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Die <a title="Nature" href="http://www.nature.com" target="_blank">Zeitschrift &#8220;Nature&#8221;</a> ist eine der weltweit führenden Fachzeitschriften für Naturwissenschaften. Eines ihrer Hauptthemengebiete sind die Biowissenschaften. In diesem Forschungsbereich sind Tierversuche bekanntlich keine Seltenheit. Die &#8220;Nature&#8221; bietet somit eine Plattform, um Daten aus tierverbrauchenden Studien zu publizieren. Erfreulicherweise griff die &#8220;Nature&#8221; in ihrer Ausgabe 444 vom 14.12.06 das schwierige Thema &#8220;Tierversuche&#8221; mit einer Reihe interessanter Artikel auf nicht emotionaler Ebene auf.<span id="more-25"></span></p>
<p>In einem Artikel wird geschildert, wie schwierig es ist, die Diskussion überhaupt auf nicht emotionaler Ebene führen zu können. Oft sind die Standpunkte zu diesem Thema &#8220;extrem&#8221;. Tierexperimentatoren mussten sogar um ihr Leben fürchten, als sie sich öffentlich zu ihrem Tun bekannten. In einem Interview schildert eine Tierärztin, die für das Wohlergehen von Versuchstieren verantwortlich ist, welche Schwierigkeiten mit ihrem Beruf verbunden sind. Zum einen sieht sie sich Angriffen &#8220;extremer&#8221; Tierschützer ausgesetzt, weil sie mit Tierexperimentatoren kooperiert. Wissenschaftler sehen in ihr oft eine zusätzliche Erschwerung ihrer sowieso schon schwierigen Arbeit.</p>
<p>Ein weiterer Artikel beschreibt die Situation für europäische Primatenforscher und schildert, dass die bürokratischen Hindernisse für die Forschung an Affen derart erhöht wurden, dass diese Art der Forschung wohl bald allein schon wegen bürokratischer Hemmnisse nicht mehr möglich sein wird.</p>
<p>Im letzten Artikel der Serie wird schließlich die Übertragbarkeit von Daten aus Studien mit gentechnisch veränderten Mäusen auf den menschlichen Genhaushalt diskutiert.</p>
<p>Eine vollständige Übersicht der &#8220;Nature&#8221;-Artikel zum Tierversuchs-Special, ist auf <a title="Nature" href="http://www.nature.com/news/specials/animalresearch/index.html" target="_blank">www.nature.com/news/specials/animalresearch/index.html</a> einzusehen.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2006/12/22/nature-greift-das-thema-tierversuche-auf/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>2</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Die rechtlichen Grundlagen der Tierversuche</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2006/12/18/die-rechtlichen-grundlagen-der-tierversuche/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2006/12/18/die-rechtlichen-grundlagen-der-tierversuche/#comments</comments>
		<pubDate>Mon, 18 Dec 2006 15:05:44 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jürgen Schneele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Miscellaneous]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2006/12/18/die-rechtlichen-grundlagen-der-tierversuche/</guid>
		<description><![CDATA[Längst nicht alle Staaten besitzen ein Tierschutzgesetz. In der Bundesrepublik Deutschland ist dies der Fall [1]. Dieses Tierschutzgesetz erlaubt Tierversuche, es schränkt sie aber deutlich ein. Dennoch wurden im Jahre 2003 in der Bundesrepublik Deutschland 2.112.341 Wirbeltiere zu Versuchszwecken eingesetzt (durchschnittlich 5.787 Tiere pro Tag) [2]. Es stellt sich die Frage, wie es legal sein [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Längst nicht alle Staaten besitzen ein Tierschutzgesetz. In der Bundesrepublik Deutschland ist dies der Fall [1]. Dieses Tierschutzgesetz erlaubt Tierversuche, es schränkt sie aber deutlich ein. Dennoch wurden im Jahre 2003 in der Bundesrepublik Deutschland 2.112.341 Wirbeltiere zu Versuchszwecken eingesetzt (durchschnittlich 5.787 Tiere pro Tag) [2]. Es stellt sich die Frage, wie es legal sein kann, wissenschaftliche Experimente an Tieren durchzuführen, obwohl doch eigens Gesetze mit dem Ziel geschaffen wurden, deren Schutz zu gewährleisten.</p>
<p>Der folgende Artikel soll zur Klärung beitragen. Er bietet eine Übersicht der gesetzlichen Regelungen zur Zulässigkeit und Durchführung von Versuchen an Tieren, gegliedert nach den einzelnen Bereichen, in denen sie stattfinden, oder sogar vorgeschrieben sind.<span id="more-24"></span></p>
<p align="center"><strong>Tierschutzgesetz</strong> [1]</p>
<div align="left">Tierversuche sind nach § 7 Abs. 2 Nr. 1-4 TierSchG erlaubt, allerdings nur dann, wenn sie zu einem der folgenden Zwecke unerlässlich sind:</div>
<ul>
<li>Vorbeugen, Erkennen oder Behandeln von Krankheiten</li>
<li>Erkennen von Umweltgefährdungen</li>
<li>Prüfen von Stoffen auf Unbedenklichkeit für Mensch und Tier</li>
<li>Grundlagenforschung</li>
</ul>
<p>Der § 7 Abs. 3 TierSchG schränkt Tierversuche grundsätzlich ein. Danach dürfen sie nur dann durchgeführt werden, „wenn die zu erwartenden Schmerzen, Leiden oder Schäden der Versuchstiere im Hinblick auf den Versuchszweck ethisch vertretbar sind“.</p>
<p>In Absatz 4 des § 7 TierSchG werden Versuche an Tieren zur Entwicklung oder Erprobung von Waffen und Munition verboten. Absatz 5 verbietet Tierversuche zur Entwicklung von Tabakerzeugnissen, Waschmitteln und Kosmetika.</p>
<p>Wissenschaftliche Experimente an Wirbeltieren (dies gilt somit nicht für Insekten) sind nach § 8 Abs. 1 genehmigungspflichtig. Keiner Genehmigung bedürfen Versuche (§ 8 Abs. 2 TierSchG), die durch das Europäische Arzneibuch [3] oder durch Rechtsgrundlagen der Europäischen Union [4, 5] vorgeschrieben sind.</p>
<p>Der § 8a TierSchG schreibt vor, dass für alle, auch nicht genehmigungspflichtige Experimente an Wirbeltieren, eine Meldepflicht bei den zuständigen Behörden besteht.</p>
<p align="center"><strong>Grundlegende Richtlinie der Europäischen Union zu Versuchstieren</strong></p>
<p>Grundsätzlich gilt für die Durchführung aller Tierversuche bereichsübergreifend die EU-Richtlinie 86/609/EWG <em>zum Schutz der für Versuche und andere wissenschaftliche Zwecke verwendeten Tiere</em> von 1986 [6]. Sie stellt beispielsweise Bedingungen an die Zucht und Unterbringung der Tiere oder schreibt die Notwendigkeit einer Betäubung oder gegebenenfalls eines frühen schmerzlosen Tötens vor.</p>
<p>In Artikel 1 wird als Ziel der Richtlinie die Annäherung der Rechts- und Verwaltungsvorschriften der Mitgliedsstaaten angegeben, „um zu vermeiden, dass sich diese Vorschriften insbesondere durch Wettbewerbsverzerrungen oder Handelshemmnisse nachteilig auf die Schaffung und das Funktionieren des Gemeinsamen Marktes auswirken.“ Tierschutz ist somit nicht das vorrangige Ziel.</p>
<p>Allerdings darf nach Artikel 7.2 dieser Richtlinie ein Tierversuch nicht durchgeführt werden, „wenn zur Erreichung des angestrebten Ergebnisses eine wissenschaftlich zufriedenstellende, vertretbare und praktikable Alternative zur Verfügung steht, bei der kein Tier verwendet werden muss“.</p>
<p align="center"><strong>Medizinische Produkte und Geräte</strong></p>
<p>EU-weit gilt für die Erforschung und Entwicklung, sowie Herstellung und Qualitätssicherung von Produkten und Geräten für die Human-, Zahn-, und Veterinärmedizin die Richtlinie 93/42/EEG über Medizinprodukte [7]. In diesem Bereich sind Tierversuche sehr oft als Testverfahren der Arzneimittelprüflichtlinien und des Europäischen Arzneibuchs vorgeschrieben [3, 8, 9].</p>
<p>In der Forschungsphase, in der sowohl neue Wirksubstanzen als auch neue Wirkmechanismen gesucht werden, finden fast ausschließlich tierversuchsfreie Verfahren statt. Tierversuche kommen meist erst dann zum Einsatz, wenn sich eine Substanz als vielversprechend herauskristallisiert hat [10].</p>
<p>In der Entwicklungsphase sind Art und Umfang der Prüfverfahren am Tier auf Wirkung, Nebenwirkungen sowie mögliche toxische Effekte durch Vorschriften geregelt. Auch nach der Zulassung eines Arzneimittels mit einem neuen Wirkstoff sind neben anderen Methoden Tierversuche zur Prüfung von Wirkung und Nebenwirkungen vorgesehen [9].</p>
<p align="center"><strong>Toxikologische Untersuchungen und andere Sicherheitsprüfungen</strong></p>
<p>Der Gesetzgeber schreibt Tierversuche nicht nur für die Testung medizinischer Produkte vor, sondern auch zum Zweck des Verbraucherschutzes, sofern keine akzeptierte Alternativmethode zur Verfügung steht. Dies soll sicherstellen, dass mögliche Gefahren von Produkten für den Verbraucher und die Umwelt erkannt werden. Ruft eine Substanz eine toxische Wirkung hervor, besteht eine entsprechende Kennzeichnungspflicht (z.B. „Reizt die Augen“).</p>
<p>Bindende Vorschriften zur Sicherheitsprüfung von Chemikalien sind die OECD <em>Guidelines for Testing of Chemicals</em> [11] und die EU-Richtlinie 67/548/EEC zur <em>Einstufung,  Verpackung und Kennzeichnung gefährlicher Stoffe</em> [4]. In Anhang V dieser Richtlinie [5] sind die Testmethoden festgeschrieben, mit denen die Substanzen auf mögliche toxische und umweltgefährdende Effekte untersucht werden müssen. Viele dieser Methoden sind Tierversuche. Im Jahr 2000 wurden zwei Tierversuche aus Anhang V durch Alternativen ersetzt und somit EU-weit abgeschafft [12, 13]. Im Moment befinden sich 40 Methoden des Anhang V in der Entwicklung oder Revision [14].</p>
<p align="center"><strong>Tierversuche in der Tabak- und Kosmetischen Industrie</strong> [14]</p>
<p>Zur Entwicklung von Tabakerzeugnissen und Kosmetika dürfen nach § 7 Abs. 5 TierschG [1] grundsätzlich keine Tierversuche durchgeführt werden. Toxikologische Tierversuche sind allerdings auch hier noch zur Sicherheitsprüfung vorgeschrieben [15]. Ab Mitte März 2009 dürfen grundsätzlich keine kosmetischen Mittel mehr vertrieben werden, bei deren Entwicklungs- oder Zulassungsprozess irgendeine Art von Tierversuch durchgeführt wurde, auch dann nicht, wenn für deren Sicherheitsbewertung keine Alternativmethoden zur Verfügung standen. In vier Ausnahmefällen beträgt die Frist März 2013.</p>
<p>Die Richtlinien des Scientific Committee on Cosmetic Products and Non-Food Products Intended for Consumers (SCCNFP) [16] sehen noch in vielen Fällen Tierversuche zur Sicherheitsbewertung kosmetischer Produkte vor. Allerdings werden in diesem Bereich, auf Grund des Drucks des Gesetzgebers (s.o.), mehr Alternativmethoden als in den OECD-Richtlinien zur Testung von Chemikalien [10] akzeptiert.</p>
<p>Bei der Betrachtung dieser Verordnungen, die den Einsatz von Tieren zu Versuchszwecken regeln oder sogar vorschreiben, soll abschließend noch einmal die wichtigste Regel hervorgehoben werden.</p>
<p>Der Gesetzgeber verbietet grundsätzlich den Einsatz von Tierversuchen, wenn eine akzeptierte Alternativmethode zur Verfügung steht [6]. Zudem fördert er die Entwicklung von Alternativmethoden finanziell und schuf behördliche Anlaufstellen für Wissenschaftler [17, 18]. In drei Fällen konnte schon auf OECD Ebene erreicht werden, den zuvor als toxikologisches Prüfverfahren vorgeschriebenen Tierversuch durch eine Alternativmethode zu ersetzen [19, 20, 21].</p>
<p><strong>Quellenverzeichnis</strong></p>
<p>[1] Bundesregierung, <em>Tierschutzgesetz</em> in der Fassung vom 18. Mai 2006,<br />
BGBl. I S. 1207</p>
<p>[2] Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft; <em>Tierschutzbericht der Bundesregierung 2005</em>; Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 48 10 09, 18132 Rostock</p>
<p>[3] Europäisches  Arzneibuch, 5. Ausgabe, Grundwerk 2005, Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart</p>
<p>[4] Europäische Kommission; <em>EU Directive 67/548/EEC on the Classification, Packaging, And Labeling Of Dangerous Substances</em>; Official Journal L 196, 16/08/1967 p.1; Brüssel 1967</p>
<p>[5] Europäische Kommission; <em>Annex V of EU Directive 67/548/EEC on the Classification, Packaging, And Labeling Of Dangerous Substances</em>; EU DG Environment, Brüssel 2000</p>
<p>[6] Europäische Kommission; <em>EU Directive 86/609/EEC on the Use Of Experimental Animals</em>; Official Journal L 358, 16/12/1986 p.1; Brüssel 1986</p>
<p>[7] Europäische Kommission; <em>EU-Richtlinie 93/42/EEG über Medizinprodukte</em>; Official Journal L 169 vom 12.7.93, S.1, Brüssel 1993</p>
<p>[8] Bundesregierung, <em>Zweite Allgemeine Verwaltungsvorschrift zur Änderung der Allgemeinen Verwaltungsvorschrift zur Anwendung der Arzneimittelprüfrichtlinien</em>,<br />
vom 11. Oktober 2004 (BAnz. Nr. 197 vom 16.10.04)</p>
<p>[9] Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft; <em>Tierschutzbericht der Bundesregierung 2003</em>; Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 48 10 09, 18132 Rostock</p>
<p>[10] Verband forschender Arzneimittelhersteller, <em>VFA-Positionspapier „Einsatz von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch in der chemisch-pharmazeutischen Forschung und Entwicklung“</em>,  2003</p>
<p>[11] OECD; <em>Guidelines for Testing of Chemicals</em>; OECD Publication Office, Paris 1982</p>
<p>[12] EU Directive 2000/33/EU for the 21st Amendment of Annex V of the EU Directive 67/548/EEC for Classification and Labelling of Hazardous Chemicals: <em>Test Guideline B-40 “Skin Corrosivity – in Vitro Method”</em>; Official Journal L136, pp. 98-107, Brüssel 2000</p>
<p>[13] EU Directive 2000/33/EU for the 21st Amendment of Annex V of the EU Directive 67/548/EEC for Classification and Labelling of Hazardous Chemicals: <em>Test Guideline B-41 “Phototoxicity – in Vitro 3T3 NRU Phototoxicity Test”</em>; Official Journal L136, pp. 98-107, Brüssel 2000</p>
<p>[14] Spielmann, Horst; <em>Animal Use in the Safety Evaluation of Chemicals: Harmonization and Emerging Needs</em>; ILAR Journal 43, Supplement 2; pp. S11-S17, 2002</p>
<p>[15] Europäische Kommission; <em>EU Directive 76/768/EEC on the Approximation Of The Laws Of The Member States Relating To Cosmetic Products</em>; Official Journal L 262, 27/09/1976 p.169; Brüssel 1976</p>
<p>[16] Scientific Committee on Cosmetic Products and Non-Food Products Intended for Consumers (SCCNFP), <em>The SCCNFP´S Notes of Guidance for the Testing of Cosmetic Ingredients and their Safety Evaluation</em>, 5th Revision, http://ec.europa.eu/health/ph_risk/committees/sccp/documents/ out242_en.pdf, 2003</p>
<p>[17] Zentralstelle zur Erfassung und Bewertung von Ersatz- und Ergänzungsmethoden zum Tierversuch (ZEBET), Diedersdorfer Weg 1, D-12277 Berlin; www.bfr.bund.de/cd/1433</p>
<p>[18] European Centre for the Validation of Alternative Methods (ECVAM), European Commission Joint Research Centre, Institute for Health and Consumer Protection, 21020 Ispra (VA), Italy, http://ecvam.jrc.it</p>
<p>[19] OECD; <em>Test Guideline 428: Skin Absorption: In Vitro Method</em>, OECD Publication Office, Paris 2004</p>
<p>[20] OECD; <em>Test Guideline 431: In Vitro Skin Corrosion: Human Skin Model Test</em>, OECD Publication Office, Paris 2004</p>
<p>[21] OECD; <em>Test Guideline 432: In Vitro 3T3 NRU Phototoxicity Test</em>, OECD Publication Office, Paris 2004</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2006/12/18/die-rechtlichen-grundlagen-der-tierversuche/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Tierversuche – Zahlen und Fakten&#8230;</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2006/12/09/tierversuche-%e2%80%93-zahlen-und-fakten/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2006/12/09/tierversuche-%e2%80%93-zahlen-und-fakten/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 09 Dec 2006 00:53:25 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Jürgen Schneele</dc:creator>
				<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2006/12/09/tierversuche-%e2%80%93-zahlen-und-fakten/</guid>
		<description><![CDATA[&#8230;aus dem Tierschutzbericht der Bundesregierung 2005 (mit Zahlen aus den Jahren 2002 und 2003) [1] Tierversuche sind Realität. Bei der Erforschung von Krankheiten oder Entwicklung und Qualitätskontrolle von Arzneimitteln spielen sie eine große Rolle. Sie werden außerdem in der biologischen Grundlagenforschung, zu Zwecken des Verbraucherschutzes oder auch zur Aus- und Weiterbildung durchgeführt. Die moralischen Standpunkte [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8230;aus dem Tierschutzbericht der Bundesregierung 2005 (mit Zahlen aus den Jahren 2002 und 2003)</strong> [1]</p>
<p>Tierversuche sind Realität. Bei der Erforschung von Krankheiten oder Entwicklung und Qualitätskontrolle von Arzneimitteln spielen sie eine große Rolle. Sie werden außerdem in der biologischen Grundlagenforschung, zu Zwecken des Verbraucherschutzes oder auch zur Aus- und Weiterbildung durchgeführt. Die moralischen Standpunkte zu Experimenten mit nichtmenschlichen Tieren sind sehr vielfältig [2] und sollen hier nicht diskutiert werden. Im folgenden Artikel sind Fakten zusammengestellt, um der Diskussion als objektive Grundlage ein Bild der momentanen Situation „<em>Tierversuche in Deutschland</em>“ zu liefern.<span id="more-23"></span></p>
<p align="center"><strong>Die rechtlichen Grundlagen</strong></p>
<p>Tierversuche werden in §7 Abs. 2 des Tierschutzgesetzes (TierSchG) [3] erlaubt, allerdings mit großen Einschränkungen. In den Bereichen <em>Entwicklung und Qualitätskontrolle medizinischer Produkte</em> (z.B. Arzneimittel), sowie für <em>toxikologische und andere Sicherheitsprüfungen</em> sind sie sogar durch entsprechende Prüfrichtlinien der Europäischen Union [4, 5, 6], der OECD [7] oder des Europäischen Arzneibuchs vorgeschrieben [8].</p>
<p>Grundsätzlich wird die Durchführung aller Tierversuche in der EU-Richtlinie 86/609/EEC <em>zum Schutz der für Versuche und andere wissenschaftlichen Zwecke verwendeten Tiere</em> [9] geregelt.</p>
<p align="center"><strong>Die involvierten Spezies</strong></p>
<p>Im Jahr 2003 wurden in der Bundesrepublik Deutschland 2.112.341 nichtmenschliche Wirbeltiere zu Versuchszwecken verwendet (durchschnittlich 5.787 Tiere pro Tag, Rückgang um 4,5% zum Vorjahr). Wie in früheren Jahren waren Mäuse und Ratten mit 80% die am meisten verwendeten Spezies, gefolgt von Fischen (7%) und Kaninchen (5%).</p>
<p>Die Zahl der Hunde und Katzen reduzierte sich um 8,8% (653 Katzen und 4.886 Hunde in 2003), die Zahl der Affen (Altwelt-, Neuwelt- und Halbaffen) stieg dagegen um 2,1% an (1.923 Tiere in 2003). Weiter waren unter den Versuchstieren auch Hamster, Frettchen, Pferde und Esel, Schweine, Rinder, Schafe sowie verschiedene Reptilien und Vögel zu finden. Versuche an Insekten sind nicht genehmigungs- oder anzeigepflichtig und werden somit nicht erfasst.</p>
<p>Der Anstieg verbrauchter Affen ist vor allem im Bereich <em>Toxikologische Untersuchen und andere Sicherheitsprüfungen</em> zu verzeichnen, obwohl insgesamt ein Rückgang der Versuchstierzahlen in diesem Bereich um 14,1% festgestellt werden konnte. Die Zahl der hierfür verbrauchten Kaninchen sank beispielsweise um 61,6% gegenüber dem Vorjahr, wobei die Zahl der zu toxikologischen Versuchen verwendeten Affen um 11,3% anstieg. Versuche an Menschenaffen fanden 2003 in der Bundesrepublik Deutschland wie in den Vorjahren nicht statt.</p>
<p align="center"><strong>Die Verteilung der Versuchstierzahlen auf einzelne Bereiche</strong></p>
<p>Mit großem Vorsprung wurden die meisten Tierversuche in der <em>biologischen Grundlagenforschung</em> durchgeführt. Im Jahr 2003 wurden hierfür insgesamt 850.710 Wirbeltiere (40,3% aller Versuchstiere) verbraucht (Anstieg um 2,8% zum Vorjahr). Dies sind fast doppelt so viele, wie für die nachfolgende Gruppe der Tierversuche zur <em>Erforschung und Entwicklung von Produkten und Geräten für die Human-, Zahn- und Veterinärmedizin</em> (25,1%, insgesamt 530.125 Wirbeltiere, nahezu unverändert zum Vorjahr). In diesen beiden größten Bereichen wurden hauptsächlich Mäuse und Ratten genutzt (in 89,1% der Experimente).</p>
<p>An dritter Stelle (11,9%) folgte der Einsatz von Tierversuchen zur Herstellung von oder Qualitätskontrolle bei <em>Produkten oder Geräten für die Humanmedizin oder Zahnmedizin</em> mit insgesamt 251.834 Wirbeltieren. 90,2% dieser Tierversuche wurden entsprechend geltender EU- oder anderer Rechtsvorschriften [4, 5, 6] durchgeführt, einschließlich derer des Europäischen Arzneibuches [8]. Sie sind deshalb nicht genehmigungs-, aber anzeigepflichtig [3]. Auffällig ist an dieser Stelle, dass dies der einzige Bereich war, in dem nicht Mäuse und Ratten die am häufigsten eingesetzte Spezies waren, sondern Kaninchen (34,0%, gefolgt von Ratten mit 31,8%). Zudem ist auffällig, dass in diesem Bereich am dritthäufigsten Vögel verwendet wurden (43.195 Tiere, das entspricht 17,2%, gefolgt von Mäusen mit 11,3%).</p>
<p>194.609 Wirbeltiere (9,2%) wurden für <em>Sonstige Zwecke</em> und 178.221 Tiere (8,4%) für <em>Toxikologische Untersuchungen und andere Sicherheitsprüfungen</em> verwendet. Zudem wurden Tierversuche zur Herstellung von oder Qualitätskontrolle bei <em>Produkten oder Geräten für die Veterinärmedizin</em> (48.783 Tiere; 2,3%) oder zur <em>Ausbildung und Weiterbildung</em> (41.498 Tiere; 2,0%) durchgeführt.</p>
<p>15.147 Tiere (0,7%) wurden zur <em>Diagnose von Krankheiten</em> und 1.414 Tiere zur <em>Prüfung der Wirksamkeit von Schädlingsbekämpfungsmitteln</em> verbraucht, wobei hierfür ausschließlich Mäuse, Ratten und Vögel eingesetzt wurden.</p>
<div align="center"><strong>Die Produkte, deren Giftigkeit an Tieren geprüft wird</strong></div>
<p>Unter den <em>toxikologischen und anderen Sicherheitsprüfungen</em> wurden 2003 mit 38,7% Tierversuche am häufigsten zur <em>Untersuchung von akuter und subakuter Toxizität</em> durchgeführt, hierunter waren 62,2% der Versuche <em>Methoden mit direkter Todesfolge</em>.</p>
<p>Die meisten Tierversuche (41,7%) fanden zur Testung von Produkten statt, deren <em>Einsatz in der Human-, Zahn- oder Veterinärmedizin</em> zu finden ist, gefolgt von der Prüfung von Produkten auf <em>potenzielle oder tatsächliche Umweltgefährdung</em> (23,4%). Weiter wurden Tierversuche für Produkte durchgeführt, die vorrangig in der <em>Landwirtschaft</em> verwendet werden (16,2%) und für Produkte/Stoffe, die vorrangig in der <em>Industrie</em> verwendet werden oder verwendet werden sollen (13,2%).</p>
<p>130 Tiere wurden für Produkte/Stoffe verbraucht, die vorrangig in <em>Haushalten</em> eingesetzt werden, 660 Tiere für Produkte, die vorrangig als <em>Zusatzstoffe in Lebensmitteln</em> verwendet werden oder verwendet werden sollen. Es wurden 2003 keine Tierversuche für Produkte der kosmetischen Industrie durchgeführt.</p>
<p align="center"><strong>Die Zielsetzungen der medizinischen Tierexperimente</strong></p>
<p>Unter den medizinischen Tierversuchen zur Erforschung von Erkrankungen des Menschen (1.307.611 Tiere) wurden 2003 die meisten Tiere für Studien zur <em>Störung des menschlichen Nervensystems</em> eingesetzt (22,7%). In die Kategorie <em>andere Erkrankungen</em> wurden 218.743 Versuchstiere eingeordnet (16,7%). 12,3% der Tierversuche wurden zur Erforschung von <em>Herz-Kreislauferkrankungen</em> durchgeführt, 16,2% der Tiere dienten zur Forschung an <em>Infektionskrankheiten</em> des Menschen (20,7% der Tiere waren hier Vögel). 12,1% der Tiere fanden Verwendung in der <em>Krebsforschung</em>. Weitere Tierversuche wurden für Studien zu <em>Stoffwechselkrankheiten</em> (7,6%) und zu <em>Erkrankungen des Immunsystems</em> (7,2%) durchgeführt.</p>
<p>5,2% aller medizinischen Tierexperimente hatten die Erforschung von <em>auf Tiere bezogenen Krankheiten</em> zum Ziel.</p>
<p align="center"><strong>Die Herkunft der Versuchstiere</strong></p>
<p>Von allen 2.112.341 Wirbeltieren, die 2003 in Deutschland zu Versuchszwecken verwendet wurden, stammten 68,1% aus registrierten Zucht- oder Liefereinrichtungen innerhalb Deutschlands, 11,0% aus anderen EU-Ländern. 0,5% der Tiere stammten aus einem Staat, der das EU-Versuchstierabkommen ratifiziert hat, aber nicht Mitglied der EU ist (10.627 Tiere, darunter 4 Hunde).</p>
<p>0,3% der Versuchstiere stammten aus nicht näher benannten <em>anderen Ländern</em>, darunter waren 15,5% Affen. Dies war 2003 die Hauptbezugsquelle der Affen für Versuchszwecke.</p>
<p>An 160.597 Tieren (97,3% Ratten und Mäuse) wurden Experimente durchgeführt, deren Herkunft nicht registriert wurde. Darunter waren 2 Hunde, 2 Katzen und 34 Affen.</p>
<p>6.473 Tiere (0,3%) wurden mehrmals verwendet, darunter hauptsächlich Kaninchen und Hunde (zusammen 88,1%). Der Anteil transgener Tiere unter allen Versuchstieren betrug 12,0% (252.059 Mäuse und Ratten, 42 Schweine).</p>
<p>Daten zur Herkunft von z.B. Pferden, Schweinen, Ziegen, Schafen oder Rindern sowie für Vögel und Reptilien für Versuchszwecke wurden nicht erhoben.</p>
<p>Vor dem Hintergrund dieser Zahlen muss erwähnt werden, dass es möglich ist, Alternativen zu vielen dieser Tierversuche zu schaffen. Der Gesetzgeber verbietet sogar die Durchführung eines Tierversuchs, wenn eine wissenschaftlich akzeptierte Alternativmethode hierfür zur Verfügung steht [9]. Bisher ist es in drei Fällen gelungen, die in den Prüfrichtlinien der OECD [7] international vorgeschriebenen Tierversuche durch Alternativmethoden zu ersetzen [10, 11, 12]. Mehrere Methoden befinden sich in der Entwicklung- oder Zulassungsphase [1]. Dennoch, in absehbarer Zeit wird ein vollständiger Verzicht auf Tierversuche nicht zu erwarten sein.</p>
<p><strong>Quellenverzeichnis</strong></p>
<p>[1] Bundesministerium für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft; <em>Tierschutzbericht der Bundesregierung 2005</em>; Publikationsversand der Bundesregierung, Postfach 48 10 09, 18132 Rostock</p>
<p>[2] Carl Cohen und Tom Regan; <em>The Animal Rights Debate</em>; Rowman &#038; Littlefield Publishers Inc.; USA 2001</p>
<p>[3] Bundesregierung, Tierschutzgesetz in der Fassung vom 18. Mai 2006, Bundesgesetzblatt I S. 1207</p>
<p>[4] Europäische Kommission; <em>EU Richtlinie 93/42/EEG über Medizinprodukte</em>; Official Journal L 169 12/7/1993, S.1, Brüssel 1993</p>
<p>[5] Europäische Kommission; <em>EU Directive 67/548/EEC on the Classification, Packaging, And Labeling Of Dangerous Substances</em>; Official Journal L 196, 16/08/1967 p.1; Brüssel 1967</p>
<p>[6] Europäische Kommission; <em>Annex V of EU Directive 67/548/EEC on the Classification, Packaging, And Labeling Of Dangerous Substances</em>; EU DG Environment, Brüssel 2000</p>
<p>[7] OECD; <em>Guidelines for Testing of Chemicals</em>; OECD Publication Office, Paris 1982</p>
<p>[8] Europäisches  Arzneibuch 5.0, 5. Ausgabe, Grundwerk 2005, Deutscher Apotheker Verlag, Stuttgart</p>
<p>[9] Europäische Kommission; <em>EU Directive 86/609/EEC on the Use Of Experimental Animals</em>; Official Journal L 358, 16/12/1986 p.1; Brüssel 1986</p>
<p>[10] OECD; <em>Test Guideline 428: Skin Absorption: In Vitro Method</em>, OECD Publication Office, Paris 2004</p>
<p>[11] OECD; <em>Test Guideline 431: In Vitro Skin Corrosion: Human Skin Model Test</em>, OECD Publication Office, Paris 2004</p>
<p>[12] OECD,  <em>Test Guideline 432: In Vitro 3T3 NRU Phototoxicity Test</em>, OECD Publication Office, Paris 2004</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2006/12/09/tierversuche-%e2%80%93-zahlen-und-fakten/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>„Tierschutz und Wissenschaft Hand in Hand“</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2006/11/30/%e2%80%9etierschutz-und-wissenschaft-hand-in-hand%e2%80%9c-2/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2006/11/30/%e2%80%9etierschutz-und-wissenschaft-hand-in-hand%e2%80%9c-2/#comments</comments>
		<pubDate>Thu, 30 Nov 2006 01:28:18 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexandra Breunig</dc:creator>
				<category><![CDATA[Proceedings]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2006/11/30/%e2%80%9etierschutz-und-wissenschaft-hand-in-hand%e2%80%9c-2/</guid>
		<description><![CDATA[PD Dr. med. vet. Franz P. Gruber in Heidelberg Die Kooperation zwischen der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik und der Interfakultären Biomedizinischen Forschungseinrichtung der Universität Heidelberg ermöglichte am 29. November einen Vortrag zum Thema &#8220;Tierschutz und Wissenschaft Hand in Hand: Das 3R-Prinzip&#8220;. Der Präsident der schweizerischen Dorenkamp- Zbinden-Stiftung, Chefredakteur des Periodikums ALTEX (Alternatives to Animal Experimentation) und [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>PD Dr. med. vet. Franz P. Gruber in Heidelberg</strong></p>
<p><img align="left" alt="Franz P. Gruber" title="Franz P. Gruber" src="http://ag-tierethik.de/blog/gruber1.JPG" />Die Kooperation zwischen der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik und der Interfakultären Biomedizinischen Forschungseinrichtung der Universität Heidelberg ermöglichte am 29. November einen Vortrag zum Thema &#8220;<em>Tierschutz und Wissenschaft Hand in Hand: Das 3R-Prinzip</em>&#8220;. Der Präsident der schweizerischen Dorenkamp- Zbinden-Stiftung, Chefredakteur des Periodikums ALTEX (<em>Alternatives to Animal Experimentation</em>) und Privatdozent der Universität Konstanz, Dr. Franz P. Gruber, verschaffte dem Publikum einen Einblick in die Forschung nach Alternativen zum Tierversuch.<span id="more-22"></span></p>
<p align="center"><iframe width="448" scrolling="no" height="333" frameborder="0" id="I1" marginheight="1" marginwidth="1" name="I1" src="http://www.rzuser.uni-heidelberg.de/~rebert/arlectures/media/gruber.htm">Ihr Browser unterstützt Inlineframes nicht oder zeigt sie in der derzeitigen Konfiguration nicht an.</iframe></p>
<p>Der Veterinär stellte das 3R-Prinzip vor, wessen Ziel es ist, Tierversuche zu ersetzen (&#8220;<em>replace</em>&#8220;), die Anzahl der Tiere in Experimenten zu senken (&#8220;<em>reduce</em>&#8220;) und das Leid der Versuchstiere zu minimieren (&#8220;<em>refine</em>&#8220;). Das Prinzip ermögliche eine Zusammenarbeit zwischen Tierschutz und Wissenschaft, um die Tierversuchszahlen und das Tierleid gemeinsam zu senken. Es hielt bereits Einzug in die EU-Richtlinien, nationale Gesetzgebungen sowie in die Europäische Wissenschaftsgesellschaft. Einen Schritt weiter gehen die Grundsätze der schweizerischen Wissenschaftsgemeinschaften, indem sie angesichts schwer belastender Versuche Wissensverzicht üben.<img align="right" alt="Franz P. Gruber" title="Franz P. Gruber" src="http://ag-tierethik.de/blog/gruber2.JPG" /></p>
<p>Als Beispiel für &#8220;<em>Replacement</em>&#8221; diente u. a. der Test potenziell pyrogener Substanzen anhand von fluoreszierenden Markern in Zellkulturen, der Tests an Kaninchen ersetzte. Einen Beitrag zur &#8220;<em>Reduction</em>&#8221; leistet die QSAR-Technik, die anhand von Computersimulationen die Wirkung von Molekülen auf Rezeptoren weitgehend voraussagen und somit viele gefährliche Stoffe im Vorfeld herausfiltern könne. Als Ansatz zum &#8220;<em>Refinement</em>&#8221; wurde der &#8220;<em>humane endpunkt</em>&#8221; diskutiert, das Einschläfern totgeweihter Versuchstiere, um ihnen den leidvollen natürlichen Tod bzw. die leidvolle Endphase davor zu ersparen.</p>
<p>Dr. Gruber appellierte des Weiteren dafür, in der universitären Ausbildung die zur Verfügung stehenden Alternativen wie schmerzlose Eigenversuche wahrzunehmen.</p>
<p>Die anschließende Fragerunde wurde moderiert von Dr. Jürgen Weiß, versuchstierkundlicher Leiter der Interfakultären Biomedizinischen Forschungseinrichtung der Universität Heidelberg.</p>
<p>Die Folien des Vortrags gibt es <a target="_blank" title="Folien zum Vortrag" href="http://www.ag-tierethik.de/vortraege/franz_paul_gruber/Tierschutz_und_Wissenschaft_Franz_P_Gruber.pdf">hier</a>, ein Interview mit Herrn Dr. Gruber <a title="Interview mit Franz P. Gruber" href="http://tierethikblog.de/2007/01/12/viele-forscher-leiden-unter-dem-nih-syndrom-interview-franz-p-gruber/">hier</a><br />
und weitere Informationen unter: <a target="_blank" title="Vorträge der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik" href="http://www.ag-tierethik.de/vortraege.htm">http://www.ag-tierethik.de/vortraege.htm</a></p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2006/11/30/%e2%80%9etierschutz-und-wissenschaft-hand-in-hand%e2%80%9c-2/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>&#8220;Tierschutz in Zeiten der Globalisierung&#8230;</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2006/11/18/tierschutz-in-zeiten-der-globalisierung-ethik-und-landwirtschaft-einklang-oder-gegensatz/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2006/11/18/tierschutz-in-zeiten-der-globalisierung-ethik-und-landwirtschaft-einklang-oder-gegensatz/#comments</comments>
		<pubDate>Sat, 18 Nov 2006 22:34:43 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Alexandra Breunig</dc:creator>
				<category><![CDATA[Proceedings]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2006/11/18/tierschutz-in-zeiten-der-globalisierung-ethik-und-landwirtschaft-einklang-oder-gegensatz/</guid>
		<description><![CDATA[&#8230;- Ethik und Landwirtschaft: Einklang oder Gegensatz?&#8221; Tagung am 28.9.2006 im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung Hessen in Wiesbaden Nach dem Grußwort von Volker Hoff, Hessischer Staatsminister für Bundes- und Europa-Angelegenheiten, führte die Hessische Landestierschutzbeauftragte Dr. Madeleine Martin ins Thema ein und leitete zum ersten Abschnitt „Warum Tierschutz?“ der dreigliedrigen Tagung über. Prof. Dr. [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><strong>&#8230;- Ethik und Landwirtschaft: Einklang oder Gegensatz?&#8221; </strong></p>
<p>Tagung am 28.9.2006 im Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung Hessen in Wiesbaden</p>
<p><img align="left" alt="Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung Hessen" title="Ministerium für Wirtschaft, Verkehr und Landesentwicklung Hessen" src="http://ag-tierethik.de/blog/logo_hessen.gif" />Nach dem Grußwort von <strong>Volker Hoff</strong>, Hessischer Staatsminister für Bundes- und Europa-Angelegenheiten, führte die Hessische Landestierschutzbeauftragte Dr. <strong>Madeleine Martin</strong> ins Thema ein und leitete zum ersten Abschnitt „<em>Warum Tierschutz?</em>“ der dreigliedrigen Tagung über.<span id="more-18"></span></p>
<p>Prof. Dr. <strong>Hanno Würbel</strong> (Lehrstuhl für Tierschutz und Ethologie, Justus-Liebig-Universität Gießen) referierte zum Thema „<em>Was empfinden Tiere?</em>“. Der Vortrag entsprach in etwa der Vorlesung, die er im Rahmen der “<a title="ILAR" href="http://tierethikblog.de/2006/11/10/bericht-uber-die-interdisziplinare-vorlesungsreihe-tierrechte-2006/"><em>Interdisziplinären Vorlesungsreihe Tierrechte</em></a>” in Heidelberg hielt.</p>
<p>Einen kurzen Überblick über tierethische Herangehensweisen gab Prof. Dr. <strong>Jean-Claude Wolf</strong> (Lehrstuhl für Ethik und politische Philosophie, Universität Misericorde Fribourg) mit dem Vortrag „<em>Ethische Grundlagen des Tierschutzes</em>“.<br />
Der religiösen Begründung sprach er den Beitrag zur allgemeinen Tierschutzbegründung ab, da diese nur für die Mitglieder der jeweiligen Religion nachvollziehbar ist und daher nicht als universale Grundlage verwendbar ist. Weitere Möglichkeiten, sich der Tierschutzproblematik anzunähern, könnten moralische Intuition oder der Gerechtigkeitssinn („<em>sense of justice</em>“) sein, die allerdings variabel und schwer begründbar sind.<br />
Wolf, der durch die Lektüre von Peter Singers „<em>Animal Liberation</em>“ zur Beschäftigung mit dem Thema Tierethik inspiriert wurde, hält dessen Tierbefreiungsidee und die Vorstellung einer Speziesneutralität für zu unrealistisch. Jedoch versteht er sie als wichtiges Korrektiv unserer Einstellung gegenüber Tieren. Der „<em>Animal Liberation</em>“ stellt er einen paternalistischen Tierschutz gegenüber, der von einer „Herrenmoral“ im positiven Sinne bestimmt ist.<br />
Kants bedeutsamsten Beitrag zur Tierethik sieht er im Instrumentalisierungsverbot, indem die  Vorstellung von der Person als Zweck auf nichtmenschliche Tiere übertragen wird. Jedoch hält er auch das Instrumentalisierungsverbot für unzureichend begründbar, da dieses wieder auf der moralischen Intuition beruht und zudem zu ungenau ist („Instrumentalisierung“ von Personen als Busfahrer etc.).<br />
Weiterhin untersuchte er die Vertragstheorien von Rawls und Hobbes auf ihre Anwendbarkeit in Sachen Tierethik. Hinter Rawls &#8220;<em>Schleier des Nichtwissens</em>&#8220;, der die Identität der Beteiligten ausblendet,  würden die Speziesunterschiede der Betroffenen verschwinden, wodurch man den Speziesismus umgehen könnte, was Wolf jedoch als Fiktion entlarvt. Hobbes&#8217; „egoistische“ Vertragstheorie, die von unterschiedlichen Machtverhältnissen ausgeht, wäre eine realistischere Möglichkeit. Allerdings könnte das Tier nur durch einen Stellvertreter eingebunden werden und wäre größtenteils der vorherrschenden Machtverteilung unterworfen.<br />
Als letzten Punkt nannte Wolf die Tugendethik, die nicht auf normativer, sondern auf der Motivationsebene greift. Komplementär zu direkten und indirekten Pflichten gegenüber Tieren sieht Wolf den Antrieb der Selbstachtung.</p>
<p>Der zweite Abschnitt „<em>Wirtschaftliche Vorteile auf Kosten der Tiere?</em>“ begann mit dem Vortrag „<em>Schmerzhafte Eingriffe bei Nutztieren ohne Betäubung</em>“ von Dr. <strong>Johannes Baumgartner</strong> (Veterinärmedizinische Universität Wien, Institut für Tierhaltung und Tierschutz).<br />
Er stellte die Frage in den Raum, ob es gerechtfertigt sei, wie bisher Tiere für den Produktionsprozess “zurechtzuschneiden” oder ob es nicht vielmehr an der Zeit wäre, den Produktionsprozess den Tieren anzupassen. Für Eingriffe am Tier, wie Beschädigung und Entfernung empfindlicher Körperteile und Veränderungen an der Knochenstruktur, muss laut Tierschutzgesetz ein „vernünftiger Grund“ vorliegen, der jedoch je nach Nutzungsinteressen verschieden interpretiert wird.<br />
Viele schmerzhafte Eingriffe, die laut Gesetz eigentlich Ausnahmen darstellen sollten, sind längst zur Routine geworden, so z.B. Schwanzkürzen, Enthornung, Kastration, Zahn- u. Schnabelkürzen u.v.m., die bei den betroffenen Tieren zu Belastung, Angst, akutem und postoperativem Schmerz, Wundheilungsstörungen und Funktionseinschränkungen führen.<br />
Baumgartner nannte drei Beispiele mit Lösungsvorschlägen:<br />
In Deutschland ist es erlaubt, Kälbern unter 3 Monaten mit einem elastischen Ring durch Ischämie einen Teil des Schwanzes zu amputieren. Dieser sehr schmerzhafte Eingriff soll der Schwanzspitzennekrose vorbeugen, die v.a. bei zu hoher Besatzdichte und Rauhfuttermangel vorkommt. Eine Studie dazu zeigt jedoch, dass Einstreuhaltung mit moderater Besatzdichte der Schwanzspitzennekrose weitaus besser vorbeugt und der Schwanzkürzung sogar wirtschaftlich überlegen ist.<br />
Auch bei Schweinen wird den Jungtieren der Schwanz gekürzt. Dies darf ohne Betäubung vom Tierhalter selbst durchgeführt werden und soll Schwanzbeißen und damit verbundene Infektionen verhindern. Laut Baumgartner kann das Schwanzbeißen jedoch durch ausreichende Beschäftigung und verminderte Besatzdichte vermieden werden. Außerdem sollten die Schweine nicht sich selbst überlassen werden, wie es wohl in großen Anlagen vorkommt, sondern besser beobachtet werden, so dass Beißer und verletzte Tiere frühzeitig isoliert werden können.<br />
Als letztes Beispiel nannte Baumgartner die betäubungslose Kastration von Schweinen, die den störenden Ebergeruch, der durch die Verbindung von Androstenon und Skatol beim Erhitzen des Fleisches entsteht, verhindert. Allerdings scheint die Wahrnehmung zu variieren, denn in vielen Ländern stört der Geruch die Verbraucher nicht. Die Kastration wird in der ersten Lebenswoche vom Tierhalter selbst durchgeführt. Die anästhetischen Verfahren scheitern in der Praxis der Großbetriebe aufgrund verschiedener Ursachen: Die Lokalanästhesie verursacht selbst derartig Schmerzen, dass sie kaum zur Verminderung dieser beiträgt, die Injektionsanästhesie birgt für das junge Ferkel durch das langsame Erwachen die Gefahr, von der Mutter erdrückt zu werden, die Inhalationsanästhesie gefährdet durch das lebertoxische Gas Tier und Mitarbeiter.<br />
Als eigentliche Alternative stellte der Referent die Immunokastration und die Ebermast vor. Die Immunokastration bewirkt durch eine zweimalige Impfung eine Immunreaktion gegen das “<em>Gonadotropin-Releasing-Hormone</em>” und dadurch eine Hodenatrophie. Das bereits in Australien bewährte Verfahren hinterlässt keine Rückstände im Fleisch und ist für den Menschen ungefährlich, da reversibel. In den kommenden zwei Monaten wird über eine europäische Zulassung entschieden. Die einfachste und laut Baumgartner beste langfristige Alternative bietet die Ebermast, welche z.B. in Großbritannien und Irland schon Routine ist. Allerdings wird bis zur Einführung der Ebermast im großen Stil noch viel Verbraucheraufklärung nötig sein.</p>
<p>Der Richter <strong>Christoph Maisack</strong> aus Bad Säckingen berichtete über die „<em>Routinetötung männlicher Küken der Legehennen-Linien</em>“:<br />
Ein Legehennenzüchter hat in Deutschland zwei Methoden, seine überzähligen männlichen Küken zu töten. Durch die Kohlendioxid-Vergasung leiden die Küken 10-40 s unter der schleimhautreizenden Gas-Konzentration von 80%, der Homogenisator zerhäckselt die Küken betäubungslos. Die Zuchtspezialisierung in Lege- und Masthühner macht die Hähne der Legerassen wirtschaftlich bedeutungslos, eine Mast dauert wesentlich länger als bei den Mastrassen. Der „vernünftige Grund“, den das Tierschutzgesetz verlangt und sich eigentlich, so der Richter, auf den Lebenserhalt der Menschen bezieht, ist hier klar ein ökonomischer.<br />
Maisack bot drei Lösungsansätze an: Eine neue Rasse, die Lege- und Mastqualität vereinigt, könnte sowohl die weiblichen als auch männlichen Hühner nutzbar machen. Das Wissen, jedoch nicht die Bereitschaft, sei bei den großen Zuchtverbänden bereits vorhanden. Der Geschlechtertest am Ei wurde zwar schon im Tierschutzbericht 1995 herbeigesehnt, aber weitere Fortschritte in der Verfahrensforschung wurden nicht erzielt, was die Idee zum heutigen Zeitpunkt nicht praktikabel macht. Eine Teillösung zur Senkung der Legehühnernachzuchten und damit zur Verminderung der Hahnenzahlen könnte die Verlängerung der Legezeit bedeuten. Maisack schlug vor, Bauern Prämien zu bieten, die ihre Legehennen nicht gleich bei Beginnen der Mauser schlachten, sondern sie für weitere Legeperioden behalten.</p>
<p>Zum Thema „<em>Tiertransporte und Tierschutz: Konsequenzen des internationalen Handels</em>“ trug <strong>Iris Baumgärtner</strong> von den „<em>Animals&#8217; Angels</em>“ vor.<br />
Die fast weltweit agierende Organisation „<em>Animals&#8217; Angels</em>“ wurde mit dem kurzfristigen Ziel gegründet, die Bevölkerung über Tiertransporte aufzuklären und dem langfristigen, diese abzuschaffen. Die Globalisierung und Liberalisierung des Marktes führt zur Spezialisierung einiger Länder wie Argentinien und Brasilien auf Tierprodukte, sowie auf bestimmte  Produktionsprozesse (Mast, Schlachtung). Vermehrte Tiertransporte über weite Strecken sind die Folge davon. Der Tierexport hängt ab von Preisen, Währungen, Klima, Subventionen und Seuchen.<br />
Als Beispiel nannte Baumgärtner den Schafexporteur Australien und stellte anhand der Geschichte eines Lammes den Weg von der australischen Farm bis zum saudi-arabischen Markt dar. Insgesamt bedeutet der Export für die Tiere 4 Wochen Dauerstress auf engstem Raum (etwa 0,34m²/Schaf auf dem Schiff) und einkalkulierten Todesraten von 0,95 %, die bei der hohen Exportrate tausende tote Tiere bedeuten. Salmonellen, Luftfeuchtigkeit und Hitze macht den Tieren zu schaffen, „<em>shy feeders</em>“, die sich bei der enormen Enge nicht an die Tröge trauen, verhungern. Dabei reagieren die Tiere sehr anfällig auf äußere Einflüsse, z.B. erhöhte ein Ventilationausfall von 5 min die Todesrate auf 11%.<br />
Da auch vermehrt Länder, die keinerlei Tierschutzbestimmungen haben, auf den Markt drängen, ist, so Baumgärtner, eine internationale Regelung dringend notwendig.</p>
<p>Den letzten Tagungsabschnitt „<em>Tierschutz als Chance?</em>“ begann die Quantenphysikerin und Trägerin des alternativen Friedensnobelpreises <strong>Vandana Shiva</strong> (Research Foundation for Science, Technology and Ecology, Neu Dehli) mit ihrem Vortrag „<em>Fair calculation – global costs of conventional and organic farming“</em>.<br />
Unter ökologischer Landwirtschaft versteht Shiva ein untrennbares Zusammenwirken von Tier, Mensch und Pflanze. Trennt man diese Einheit, indem man z.B. den Futtermittelanbau (Soja in Brasilien) von der Tierzucht (Rinder und Schweine in Europa) separiert, geht die nötige Rückkopplung verloren und die Pflanzen, die der menschlichen Ernährung dienen sollten, enden anderenorts als Tierfutter.<br />
Im Mittelpunkt des Vortrags stand der endemische Selbstmord von Bauern in Punjab, Indien. Durch den Kauf von teurem genmanipuliertem Saatgut und passendem Dünger stürzen sich die Bauern in Schulden und verlieren ihr Land. Die zunehmenden Zerstörung der indischen Kleinbauernbetriebe ist symptomatisch für ein weltweites Fortschreiten dieser Praktiken. Folgen sind Umweltprobleme, Hunger und soziales Elend. Dem hält Shiva die Idee des ökologischen Landbaus entgegen, der die Bauern durch seinen geschlossenen Kreislauf unabhängig macht. Durch Aufklärungsarbeit hilft Shiva den indischen Bauern, ihre Situation besser zu verstehen und sich zu organisieren.</p>
<p><strong>Paul Daum</strong> von der Kaiser&#8217;s Tengelmann AG (Nationales Qualitätsmanagement, Verbraucherschutz und ökologischer Landbau, München) berichtete in seinem Vortrag „<em>Wann kommt Tierschutz ins Regal?</em>“ von den Tierschutz-Bemühungen der Supermarktkette.<br />
Laut Daum geht das Engagement der AG weit über die Tierschutzbestimmungen hinaus, was sie jedoch aufgrund der „Unteilbarkeit des Tierschutzes“ nicht gesondert deklarieren darf. Das Unternehmen, welches dieses Jahr das 20-jährige Bestehen seiner Biomarke feiert, führte 2000 aufgrund des Kundendrucks wieder Käfigeier ein, die jedoch im untersten Regel liegen, während für Bio-Eier regelmäßig Werbemaßnahmen durchgeführt werden. Dies spiegelt Daums Überzeugung wider, nicht durch Druck in Form von Vorenthalt bestimmter Produkte, sondern durch Aufklärungsarbeit tierfreundlichere Waren einzuführen. Auch von nationalen Alleingängen hält er wenig und betont die Bedeutung der Zusammenarbeit auf europäischer und internationaler Ebene.</p>
<p>Die Verbraucherzentrale Hessen (Frankfurt am Main) wurde durch <strong>Andrea Fink-Kessler</strong> vertreten. Der Vortrag „<em>Tierschutz – ein Thema für Verbraucher</em>“ hatte die Divergenz zwischen Verbraucherumfragen und Verbraucherverhalten zum Thema.<br />
Laut Umfragen ist Tierschutz für Verbraucher ein wichtiges Kriterium. Von Verbraucherseite wird eine Mehrpreisbereitschaft bis zu 25% angegeben. Doch scheint der Markt nicht diese Einstellung widerzuspiegeln, die Marktdurchdringung der meisten Biotierprodukte ist immer noch gering. Fink-Kessler führt dies auf einen Mangel an Sicherheit in der Beurteilung der Qualität zurück. Neben dem Biosiegel und der Eierkennzeichnung gebe es hierzulande bislang keine zureichende Kennzeichnung bzgl. der Tierhaltungsbedingungen. Dieser Sicherheitsmangel führt beim Verbraucher zu einer Entscheidung auf Preisbasis.</p>
<p>Als letzter Referent erschien Dr. <strong>Reinhard Kaeppel</strong>, Consultant und ehemaliger Leiter der Qualitätssicherung von McDonald&#8217;s. Der Vortrag „<em>Tierschutz – ein Thema für global player?</em>“ handelte von der Verbesserung in Sachen Tierschutz, die der Konzern McDonald&#8217;s in den letzten Jahren vorgenommen habe. Z.B. betonte Kaeppel die strengen Kontrollen bei Schlachtung und Verarbeitung, sowie der Futtermittel. Auch bei Importen wende McDonald&#8217;s deutsche Tierschutz-Maßstäbe an.</p>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2006/11/18/tierschutz-in-zeiten-der-globalisierung-ethik-und-landwirtschaft-einklang-oder-gegensatz/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>0</slash:comments>
		</item>
		<item>
		<title>Emotionen und Gefühle bei Tieren</title>
		<link>http://tierethikblog.de/2006/11/12/emotionen-und-gefuhle-bei-tieren/</link>
		<comments>http://tierethikblog.de/2006/11/12/emotionen-und-gefuhle-bei-tieren/#comments</comments>
		<pubDate>Sun, 12 Nov 2006 12:15:34 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Katharina Blesch</dc:creator>
				<category><![CDATA[Essays]]></category>
		<category><![CDATA[Science]]></category>

		<guid isPermaLink="false">http://tierethikblog.de/2006/11/12/emotionen-und-gefuhle-bei-tieren/</guid>
		<description><![CDATA[Verfügen nichtmenschliche Tiere (im Folgenden wird der Einfachheit halber der Zusatz „nichtmenschlich“ weggelassen) über Emotionen und Gefühle? Wie lässt sich dies wissenschaftlich untersuchen? Diese schlichten Fragestellungen bilden den Ausgangspunkt für den folgenden Artikel. In ihrer Formulierung und Erscheinung relativ eindeutig und klar, sind diese Fragen doch von großer Komplexität und bieten Konfliktpotential sowohl für die [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Verfügen nichtmenschliche Tiere (im Folgenden wird der Einfachheit halber der Zusatz „<em>nichtmenschlich</em>“ weggelassen) über Emotionen und Gefühle? Wie lässt sich dies wissenschaftlich untersuchen?<br />
Diese schlichten Fragestellungen bilden den Ausgangspunkt für den folgenden Artikel. In ihrer Formulierung und Erscheinung relativ eindeutig und klar, sind diese Fragen doch von großer Komplexität und bieten Konfliktpotential sowohl für die gesellschaftliche, wie auch die wissenschaftliche Diskussion zu diesem Thema. Ein zusätzlicher Aspekt zu der inhaltlichen Frage nach Emotion versus Gefühl bei Tieren wird im Folgenden die methodische Gegenüberstellung von Experiment und Anschauung sein. Zunächst werden die zwei aktuellen Arbeiten „<em>Fundamental Feelings</em>“ des Neurowissenschaftlers Antonio Damasio und „<em>Do Animals Have Feelings?</em>“ von Klaus Wilhelm herangezogen und als Basis für die Beschäftigung mit der Frage nach den Emotionen und Gefühlen der Tiere verwendet. In den darauffolgenden Abschnitten soll versucht werden, die verschiedenen Gedankengänge zu kombinieren, bzw. einander in ergänzender Weise gegenüberzustellen.<span id="more-17"></span></p>
<p>Am  Anfang soll zunächst ein Erfahrungsbericht der Verhaltens -und Primatenforscherin Jane Goodall stehen, der das Verhalten eines Schimpansen nach dem Tod seiner Gefährtin eindrücklich beschreibt:<br />
„<em>Never shall I forget watching as, three days after Flo´s death, Flint climbed slowly into a tall tree near the stream. He walked along one of the branches, then stopped and stood motionsless, staring down at an empty nest. After about two minutes he turned away and, with the movements of an old man, climbed down, walked a few steps, then lay, wide eyes staring ahead. The nest was the one which he and Flo had shared a short while before Flo had died. (…) Flint became increasingly lethargic, refused food and, with his immune system thus weakened, fell sick. The last time I saw him alive, he was hollow-eyed, gaunt and utterly depressed, huddled in the vegetation close to where Fol had died. (…) The last short journey he made, pausing to rest every few feet, was to the very place where Flo´s body had lain. There he stayed for several hours, sometimes staring and staring into the water. He struggled on a little further, then curled up – and never moved again.</em>” (Goodall, 1990, zitiert nach Bekoff, 2003, S. 933)<br />
Dieser einführende Bericht über das Verhalten des Schimpansen Flint verdeutlicht den  praktischen Bezug der theoretischen Beschäftigung mit der Frage nach dem Gefühlsleben der Tiere. Berichte dieser Art werfen schwierig zu beantwortende Fragen auf, welche die Berücksichtigung vieler Aspekte erfordern und die verschiedensten Wissenschaftsbereiche ansprechen: Trauert Flint um seine Gefährtin? Kann man bei Schimpansen und bei Tieren im Allgemeinen von Gefühlen sprechen?<br />
Seit der Zeit Darwins, für den Emotionen unerlässliche Aspekte des Überlebensmechanismus darstellten, ist sich die Wissenschaft weitest gehend darüber einig, dass nicht nur der Mensch in seiner selbsternannten Monopolstellung, sondern auch andere Säugetiere, zumindest im biologischen Sinne, über Emotionen verfügen. Allerdings besteht keineswegs Einigkeit über die Frage nach dem Verhältnis von Emotion und Gefühl: Sind bei den Emotionen von Seiten des Tieres auch Gefühle involviert? Zeigt ein Wolf z.B. Angst vor einem Jäger oder Freude bei der Zusammenkunft seines Rudels, weil sich diese Verhaltensäußerungen bisher als überlebenssichernd gezeigt haben, oder fühlt er wirklich Angst, Freude, Trauer und Leid?<br />
Ein Ansatz, der sich eben mit dieser Frage auseinandersetzt, kommt von dem amerikanischen Neurowissenschaftler Damasio. Er unterscheidet klar zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen sind laut Damasio physikalische Signale des Körpers, die von äußeren Reizen hervorgerufen werden. Sie sind somit auch direkt erforschbar. Gefühle hingegen sind Eindrücke, die bei Interpretation von Emotionen durch das Gehirn entstehen. Sie sind privat und daher nicht direkt erforschbar. Da ein wichtiger Aspekt bei der Entstehung von Gefühlen die Interpretation ist, ist die Grundlage jeden Gefühls die Fähigkeit zur Selbstreflektion. Laut Damasio ist einzig der Mensch zu Reflektion oder Selbstwahrnehmung fähig und somit schließt er, haben Tiere zwar Emotionen, aber keine Gefühle.<br />
Diese Argumentation weist einige Schwachpunkte auf. Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob Gefühle wirklich nur durch Reflektion zustande kommen können. Der Verhaltenswissenschaftler Panksepp bezweifelt diese Annahme Damasios und argumentiert, dass die Wurzel der Emotion im Limbischen System liegt. In einer Gehirnregion also, die evolutionär schon sehr alt ist und die der Mensch mit vielen anderen Säugetieren teilt. Menschen sind nach seiner Theorie zwar die einzigen Wesen, die über ihre Gefühle reflektieren und diese bewusst beeinflussen und manipulieren können, doch dies bedeutet laut Panksepp nicht, dass die Gefühle selbst durch Reflektion entstehen.<br />
Obwohl diese Theorie ebenfalls einige Schwachpunkte aufweist, ist sie von Relevanz für die Diskussion, da sie auf die Strittigkeit der Annahmen Damasios verweist. Eine der Grundprämissen Damasios ist die These, dass Gefühle stets durch Reflektion entstehen. Wird die Gültigkeit dieser Aussage nun in Frage gestellt, büßt auch die daraus abgeleitete Annahme, Tiere verfügten nicht über Gefühle, an Aussagekraft ein.<br />
An den Ansätzen von Damasio und Panksepp wird deutlich, dass ein rein neurowissenschaftlicher Ansatz unbefriedigende Antworten gibt und viele offene Fragen hinterlässt. Zum einen bleibt offen, wie die Forschungsergebnisse für die Realität zu deuten sind. Was können sie zu der Deutung des Verhaltens des Schimpansen Flint beitragen? Zum anderen stellt sich die mehr philosophisch verankerte Frage, ob man aufgrund von Forschung im Labor wirklich behaupten kann, dass Tiere über keine Form der Reflektion oder Selbstwahrnehmung verfügen. Die Möglichkeit, dass andere Formen von Selbstbewusstsein existieren, die nicht durch vom Menschen entwickelt Tests erfasst werden können, wird von Seiten der Neurowissenschaft nicht in Betracht gezogen.<br />
Einen alternativen Ansatz bietet der amerikanische Verhaltensforscher Marc Bekoff. Laut Bekoff haben Tiere nicht nur Emotionen, sondern verfügen zudem über Gefühle. Er geht hierbei unter anderem auf Befunde von Spiegeltests ein, die auf die Existenz von Selbstwahrnehmung bei einigen Tieren, wie beispielsweise Schimpansen, hinweisen. Die Annahme, dass Tiere, die über Selbstwahrnehmung verfügen, auch über bewusste Gefühlswahrnehmung verfügen, liegt nahe und ist der zentrale Ausgangspunkt Bekoffs.<br />
Bekoff begründet seinen Ansatz sowohl auf der Ethologie wie auf einem Konzept, das im Folgenden als „<em>Anschauung</em>“ bezeichnet werden soll. Nach Schischkoff (1965) wird die Anschauung hierbei als das „<em>unmittelbare Erleben der Dinge, (&#8230;) empirisches, nicht begriffliches Begreifen von Wirklichkeit</em>“ (ebd., S. 23) verstanden.<br />
Durch das Prinzip der Anschauung lassen sich Phänomene in die Forschung mit aufnehmen, denen sonst wenig Beachtung von Seite der Wissenschaft zuteil wird. Phänomene, die von Forschern in der natürlichen Umgebung der Tiere, im Feld, beobachtet werden, wie z.B. die Trauer des Schimpansen Flints über den Verlust seiner Gefährtin. Die Anschauung ist für Bekoff unersetzlich, wenn man reale Phänomene wie Emotionen erforschen will. Tiere und Menschen unterscheiden sich laut ihm nur graduell in Bezug auf Emotionen und Gefühle: “<em>We know that many animals experience rich and deep emotional lives. They feel emotions such as joy, happiness, fear, anger, grief, jealousy, resentment, and embarrassment.</em>” (Bekoff, 2006b, S. 14)<br />
Kombiniert man die Betrachtungsweisen Damasios und verschiedene Feld- und Verhaltensstudien im Sinne Bekoffs und wendet dies auf Beobachtungen von in Sozialverbänden lebenden Säugetieren an, kommt man zu interessanten Erkenntnissen. Anhand von Darstellungen von z.B. der Ethologin Isabel Bradshaw, wird deutlich, dass Tiere, die wie Elefanten in festen Familien- bzw. Herdenverbänden leben, Struktur und ein stabiles soziales Gerüst zur Verarbeitung ihrer Emotionen, wie der Trauer, benötigen. So finden sich afrikanische Elefanten nach dem Tod eines Artgenossen im Herdenverband ein und verweilen Tage in engem Zusammenhalt bei dem toten Körper, wobei sie sich über Berührungen und ihr für den Menschen nicht hörbares, Kommunikationssystem verständigen.<br />
Eine mögliche Interpretation dieses Geschehnisses ist die Annahme, dass die Elefanten ihre Emotionen durch die Interaktion und Kommunikation mit den anderen Herdenmitgliedern in einem sozialen Kontext widerspiegeln. Es findet also eine gewisse Form der Reflektion über die eigene Emotion statt. Diese Tatsache führt wieder zu der Differenzierung von Emotionen und Gefühlen zurück. Laut Damasio, wird von Gefühlswahrnehmung ausgegangen, wenn  Reflektion über das Erlebte bzw. die Emotion stattfindet. Es liegt also nahe, nicht nur von Emotionen, sondern auch von der Existenz von Gefühlen bei Elefanten und bei anderen Tieren, die wie der Mensch komplexe Sozialstrukturen aufweisen, auszugehen.</p>
<p>Die Unstimmigkeit, die diese Fragestellung innerhalb der Wissenschaft aufwirft, wird durch die gesellschaftliche Relevanz des Themas verstärkt. Tieren Gefühle zuzusprechen hätte in der heutigen Zeit weitreichende Folgen – auch für die Wissenschaft selbst, da dies die Durchführungen von Experimenten an Tieren in ein zunehmend kritisches Licht rücken würde. Tierversuche und Massentierhaltung auf der einen und Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen auf der anderen Seite kennzeichnen die Dissonanz, die diesbezüglich in der Gesellschaft besteht. Die Beschäftigung mit der Fragestellung, ob Tiere Gefühle haben, ist somit ein sensibles Thema mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung und wird nicht zuletzt aus diesem Grund kontrovers diskutiert.<br />
Die Implikationen, die im letzten Abschnitt aus den verschiedenen Arbeiten gezogen wurden, mit dem Ergebnis, dass höher entwickelte Tiere sehr wahrscheinlich über komplexe Gefühlswahrnehmung verfügen, sind keineswegs unproblematisch. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, dass man Tieren Bewusstsein gänzlich abspricht oder von der Auseinandersetzung mit dem Thema Abstand nimmt.  „<em>Of course other minds are privat but that doesn´t stop us from trying to understand what another human is thinking or feeling (…). We need to do the same thing with animals.</em>” (Bekoff, 2006b, S. 14). In anderen Worten bedeutet dies, dass wenn die herkömmlichen Messmethoden ihre Grenzen erreichen, die Beobachtung und Anschauung ihre besondere Relevanz für die Forschung gewinnen.<br />
Jedoch ist die Einbeziehung der Anschauung noch kein allgemeingültiges Verfahren, und ihr sollte laut vieler Wissenschaftler mehr Beachtung zukommen. In diesem Sinne schließen die Worte Konrad Lorenz´ die hier angerissene Diskussion. “<em>Das unvoreingenommene Anschauen der Natur ist Beginn und Grundlage allen Forschens, und es ist umso unentbehrlicher, je komplizierter das zu erforschende Objekt ist. Nächst dem Menschen selbst sind die höheren Tiere die kompliziertesten Systeme, die es auf unserem Planeten gibt, und wenn wir heute eine ganze Menge über die subtilsten Probleme der Physik und Chemie, aber vergleichsweise gottesjämmerlich wenig über uns selbst wissen, so liegt das zum großen Teil daran, dass das Schauen unmodern geworden ist.</em>“ (Lorenz, 1989, S. 7)<br />
Auch wenn die Wissenschaft sich noch weit davon entfernt befindet, die Frage nach der genauen Beschaffenheit der Emotionen bei Tieren beantworten zu können, so wird doch deutlich, dass der Weg dorthin über die reale Auseinandersetzung mit den zu untersuchenden Tierarten zu erreichen ist.</p>
<p><strong>Literaturverzeichnis</strong></p>
<ul>
<li>Bekoff, M. (2003). Minding Animals, Minding Earth: Old Brains, New Bottlenecks.<em> Journal of Religion and Science</em>, 38, 911-941.</li>
<li>Bekoff, M. (2006a). Animal Passions and Beastly Virtues: Cognitive Ethology as the Unifiying Science for Understanding the Subjective, Emotional, Empathic, and Moral Lives of Animals.  <em>Journal of Religion and Science</em>, 41, (March), 71-104.</li>
<li>Bekoff, M. (2006b). Minding Animals: An Interview with Marc Bekoff. <em>The Vegan</em>, 14 (3), 14-15.</li>
<li>Bradshaw, I.G.A. (2004). Not by bread alone: Symbolic Loss, Trauma, and Recovery in Elephant Communities. <em>Society &#038; Animal Journal of Human-Animal Studies</em> 12 (2), 143-158.</li>
<li>Damasio, A. (2001). Fundamental Feelings. <em>Nature</em> 418, URL: http://www.nature.com, doi: 10.1038/35101669, 781, 25.05.2006.</li>
<li>Lorenz, K. (1989). In: Trumler, E.: <em>Mit dem Hund auf du – Zum Verständnis seines Wesens und Verhaltens</em> (Vorwort). München: Piper 1989. 7-9.</li>
<li>Schoschikoff, G. (1965). <em>Philosophisches Wörterbuch</em>. 17. Aufl. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.</li>
<li>Wilhelm, K. (2006). <em>Do Animals Have Feelings?</em> Scientific American Mind 13 (2), 24-29.</li>
</ul>
]]></content:encoded>
			<wfw:commentRss>http://tierethikblog.de/2006/11/12/emotionen-und-gefuhle-bei-tieren/feed/</wfw:commentRss>
		<slash:comments>5</slash:comments>
		</item>
	</channel>
</rss>
