Tierethik – Animal Ethics




December 9, 2007

Menschen und Tiere bei Tomasello

Filed under: LiteratureMelanie Harr @ 3:08 pm

Michael N. Forster: Menschen und andere Tiere; Über das Verhältnis von Mensch und Tier bei Tomasello; DZPhil 55 (2007) 5, S. 761-767.

Forster setzt sich in seinem Aufsatz mit dem Verhältnis zwischen Menschen und anderen Tieren auseinander, das der Psychologe und Sprachtheoretiker Michael Tomasello in verschiedenen Publikationen (1) zur Sprache bringt.

Nach Forsters Interpretation unterscheidet Tomasello Menschen, obwohl sie selbst zu den Primaten zählen, durch eine Reihe von eigentümlichen Verhaltensweisen von allen anderen Tieren. Diese Eigenschaften sind nach Tomasellos Ansicht: „Absichtslesen“ (intention-reading), imitatives Lernen, aktives Lehren, Sprache, „Theorie des Geistes“ (theory of mind) und Kultur, die sich jedoch alle auf das „intention-reading“ zurückführen lassen. Gegen diese Theorie erhebt Forster einige Bedenken. Er hält es zunächst für problematisch, eine einzige zentrale, valorisierte Eigenschaft zu benennen, die angeblich alle normalen Menschen von allen anderen Tieren unterscheidet („Kluft und Überlegenheit-Struktur“), da diese Eigenschaft prima facie auch manche Tiere zu besitzen scheinen. Darüber hinaus deutet die Abwechslung der für ausschlaggebend gehaltenen Eigenschaften unter Beibehaltung derselben Struktur nach Forster darauf hin, dass es mehr um die Struktur an sich als um die jeweilige Eigenschaft geht und die Theorie daher eher eine ideologische Funktion erfüllt. Das Valorisieren der Eigenschaften lässt nach Forster dieselbe Vermutung zu, da dieselben Eigenschaften sowohl positive als auch negative Konsequenzen haben können und sogar zur Vernichtung des Menschengeschlechts führen könnten. Prima facie bietet sich nach Forster darüber hinaus auch die alternative theoretische Struktur an, sich nicht auf eine einzelne Eigenschaft zu konzentrieren, die alle Menschen von allen Tieren unterscheidet, sondern auf eine Vielfalt von Eigenschaften, die teilweise Menschen und teilweise Tieren in unterschiedlichem Grad zukommen können und die von ganz unterschiedlichem Wert sind. Menschen wären nach dieser Sicht zwar in gewisser Hinsicht Tieren überlegen, in anderer Hinsicht jedoch auch unterlegen.

Nach Forster spricht viel dafür, dass alle nicht-menschlichen Tiere die Eigenschaft des „intention-reading“ mit dem Menschen teilen. Tomasello selbst erwähnt viele Beispiele, die diese These stützen. So „lernen“ einige Affenarten das Kartoffelwaschen voneinander, Leoparden verletzen ihre Beute und überlassen sie zur Übung ihren Nachkommen, Vervet-Affen gebrauchen verschiedene Alarmstufen für verschiedene Raubtiere und einige Tiere scheinen Konkurrenten absichtlich zu betrügen. Tomasello leugnet nach Forster jedoch die Echtheit der scheinbaren Gemeinsamkeiten zwischen Mensch und Tier. Nach Forsters Vermutung gibt es dagegen keine scharfe Trennung zwischen den menschlichen Eigenschaften und den tierischen (etwa menschliche Sprache und tierische Zeichen), sondern es handelt sich seiner Ansicht nach eher um verschiedene Ausprägungen derselben Eigenschaften. Neben den Unterschieden tierischer und menschlicher Eigenschaften müssen nach Forster auch die Ähnlichkeiten gesehen werden, die Tomasello auszublenden scheint. Die Tatsache, dass Tomasello grundsätzlich das Vorhandensein des „intention-reading“ bei Tieren leugnet, bedeute in der Praxis nach Forster einen „Zwang zum Bild einer grundsätzlichen Kluft zwischen Menschen und Tieren“, der unvermeidlich schädliche Folgen für unsere ethische Einstellung zu und Behandlung von Tieren habe.

So wie Tomasello die Unterschiede zwischen Mensch und Tier in mancher Hinsicht übertreibt, unterschätzt er diese nach Forster aber auch in anderer Hinsicht. Tomasello schreibt etwa menschlichen Babys, die noch keine Sprache beherrschen, und manchen nicht-menschlichen Tieren, die überhaupt keine Sprache beherrschen, Begriffe von Objekten und Verhältnissen zu. Das Wort „Begriff“ (concept) ist nach Forster ohne einen entsprechenden sprachlichen Ausdruck allerdings kaum vorstellbar, in den Fällen von Babys und Tieren sollte man daher seiner Ansicht nach eher von „Vor-begriffen“ sprechen, die sich von den „Begriffen“ erwachsener Menschen inhaltlich unterscheiden.

Die These, dass manche Tiere eine Sprache haben könnten und die Annahmen über die kognitiven Fähigkeiten von sprachlosen Babys und Tieren sollen nach Forster den Blick für die hermeneutische Arbeit schärfen, die im Falle sprachloser kognitiver Leistungen noch zu bewältigen ist. Die Aufgabe, den Inhalt dieser Begriffe, bzw. Vorbegriffe deutlicher zu fassen, darf nach Forster nicht aufgrund ihrer scheinbaren „Primitivität“ vernachlässigt werden und stellt damit eine neue Herausforderung an die herkömmliche Hermeneutik dar, die sich üblicherweise fast ausschließlich mit der Interpretation der sprachlichen Ausdrücke von erwachsenen Menschen befasst.

(1) Michael Tomasello: Primate Cognition (1997); The Cultural Origins of Human Cognition (1999); Constructing a Language: A Usage-Based Theory of Language Acquisition (2003).

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