Tierethik – Animal Ethics




November 30, 2007

Zum Begriff „Mord“ bei Tieren: Anmerkungen zu einer halbherzigen Diskussion

Filed under: LiteratureMelanie Harr @ 3:23 pm

Franz M. Wuketits: „Mord“ bei und an Tieren; in: Aufklärung und Kritik 2 /1007. S. 207-212.; Norbert Hoerster: Es gibt keinen „Mord an Tieren“; Aufklärung und Kritik 1/2007, S. 239-242; Franz Wuketits greift in der neuesten Ausgabe der Zeitschrift „Aufklärung und Kritik“ die Frage auf, ob der Begriff „Mord“ auf das Töten von Tieren anwendbar ist. Er bezieht sich dabei auf Norbert Hoersters in der vorherigen Ausgabe erschienene Kritik an der Tierethik Karlheinz Deschners. Als Aufhänger der Diskussion dient ein bereits 2004 erschienenes Sonderheft[1] der Zeitschrift, das sich dem Werk Deschners widmet, der vor allem durch seine radikale Kirchenkritik[2] bekannt wurde.

Hoerster äußert sich in Heft 1/2007 kritisch zu der überwiegend positiven Resonanz auf Deschners Äußerungen zur Tierethik[3], die seiner Ansicht nach lediglich auf einen „Mangel an Rationalität“ und „bloße Stimmungsmache“ zurückzuführen sind. Deschner gehe von einem allgemeinen moralischen und rechtlichen Verbot des Tötens von Tieren zum Fleischverzehr aus, das sich nicht verteidigen lasse. „Man muss nur seinen Verstand ein wenig bemühen“, so Hoerster, um die empirischen Tatsachen zu erkennen, die Deschners Ansicht widerlegen.

Rechtliche und moralische Normen lassen sich nach Hoerster nur begründen, wenn sie trotz der ihnen immanenten Freiheitsbeschränkungen egoistischen oder altruistischer Interessen dienen. Das zwischen Menschen geltende Tötungsverbot lässt sich deshalb begründen, weil es der Sicherung des menschlichen Interesses am Überleben dient. Tieren fehlt es nach Hoerster gerade an diesem Überlebensinteresse, da sich ihr bewusstes Leben nur auf die Gegenwart und unmittelbare Zukunft bezieht, sie aber im Gegensatz zu Menschen keine auf die Zukunft bezogenen Wünsche haben können. Auf das Leben eines individuellen Tieres kann es daher nach Hoerster grundsätzlich nicht ankommen: „Dem einzelnen Tier steht deshalb – anders als dem einzelnen Menschen – kein individuelles Recht auf Leben zu. Denn Tierindividuen sind, eben weil sich ihr bewusstes Leben nur von einem Moment zum anderen in der Gegenwart abspielt, ohne weiteres gegeneinander austauschbar bzw. durcheinander ersetzbar.“ Das gilt nach Hoerster in besonderem Maße für Tiere, die vom Menschen zum Zweck des Fleischverzehrs erzeugt werden: „Wer diese Tiere erzeugt und später tötet, um sie zu essen, fügt ihnen insoweit nicht nur keinerlei Unrecht zu, sondern tut ihnen sogar eindeutig etwas Gutes: Er schenkt ihnen für eine gewisse Zeit ein für sie von einem gegenwärtigen Moment zum anderen im Prinzip immer wieder lohnendes Leben.“ Dabei räumt Hoerster durchaus ein, dass in der Realität das Halten und Töten von Nutztieren nicht immer quallos erfolgt, sieht darin aber kein Argument gegen das Töten als solches. Hoerster abstrahiert bei seinen Überlegungen von den realen Auswirkungen und Bedingungen der Nutztierhaltung und reduziert die Frage nach der moralischen Beurteilung des Tötens von Tieren allein auf das Töten an sich als Beendigung einer Existenz, die es im Falle eines sogenannten Nutztieres ohne das Fleischessen gar nicht geben würde. Sein Rat an wahre, klar denkende Tierfreunde lautet daher, den Fleischverzehr nicht zu verteufeln, sondern nachdrücklich gutzuheißen.

Hoerster steht mit seiner Position den altbekannten Schwierigkeiten gegenüber, die damit verbunden sind, ein Recht auf Leben an die Fähigkeit eines konkreten Überlebenswunsches zu knüpfen. Auch die Frage der Ersetzbarkeit eines Lebewesens, das nicht imstande ist, seine eigene Zukunft geistig zu erfassen und etwa seinen Tod vorauszuahnen, wirft (nicht nur tierethische) Fragen auf, die Hoerster in seiner kurzen Darstellung unberücksichtigt lässt. Dennoch kommt Hoerster bereits in der Überschrift zu einem klaren Ergebnis: Es gibt keinen „Mord“ an Tieren. Eine klare Grenze zwischen Mensch und Tier, die ein pauschales Urteil über die kognitiven Fähigkeiten von Tieren erlaubt und eine grundsätzliche moralische Ungleichbehandlung von Mensch und Tier rechtfertigt, nimmt Hoerster als gegebene Tatsache an und stellt seine Position damit auf eine äußerst umstrittene Grundlage.

Franz Wuketits erweitert die Diskussion in Heft 2/2007 um eine evolutionstheoretische Betrachtungsweise: Deschners Gebrauch des Begriffs „Mord“ im Bezug auf Tiere, widerspricht nach Wuketits der sprachlichen Konvention, denjenigen als Mörder zu bezeichnen, „der das Leben einer anderen Person absichtlich auslöscht“. Da man annimmt, nur ein Mensch könne schuldhaft handeln, geht man dabei grundsätzlich von zwei Menschen aus. Wenn von der Tierethik „nichtmenschlichen Kreaturen“ der Status von „empfindenden Wesen [!] und Personen“ eingeräumt wird, soll entgegen dieser Konvention auch derjenige zum Mörder werden, der ein Tier tötet. Dagegen hat der gängige Sprachgebrauch nach Wuketits durchaus seine Berechtigung: Dass in der Regel niemand von einem Mörder spricht, wenn ein Rottweiler einen Dackel tötet, findet nach Wuketits seine Rechtfertigung in der tierischen Natur. Das Töten von anderen Tieren und auch Artgenossen entspreche der Natur vieler Spezies und sei nicht auf aggressive Motivationen zurückzuführen, also nicht als schuldhaft zu beurteilen. Macht etwa Martin Balluch seinen Hund zum Veganer, verkennt er nach Wuketits gerade die Natur des Hundes, indem er den Fleischverzehr von Raubtieren abschaffen will, „schließlich soll ja niemand zum Mörder werden“. Auf die der Natur widersprechende Umerziehung von Fleischfressern zu Pflanzenfressern habe der Mensch aber kein Recht. Wuketits Schluss lautet daher: „In der Tierwelt gibt es keine Mörder“.

Auch dem Menschen ist nach Wuketits seine Natur zuzugestehen: Seiner Ansicht nach liegt es aber gerade in der Natur des Menschen

1. Tiere zu Nahrungszwecken zu töten, da der Mensch von Natur aus Allesfresser ist. Es ist nach Wuketits an den Menschen, „die sich mit pflanzlicher Kost begnügen“, zu beweisen, dass der Mensch von Natur aus ein Pflanzenfresser ist.

2. Abstufungen zwischen den verschiedenen Tierarten vorzunehmen: „Die Evolution durch natürliche Auslese hat uns nicht mit dem Bedürfnis ausgestattet, allen Kreaturen dieser Welt unsere hütende Hand zu reichen“. Wuketits fasst es daher als eine verkannte Schwierigkeit der Tierethik auf, dass es nicht „das Tier“, sondern unzählige Tierarten von höchst unterschiedlichen Komplexitätsgraden gibt, die „eine moralische Gleichbehandlung aller Tierarten weder möglich, noch wünschenswert“ machen. Die Frage, ob alle Tiere gleich sind, müsse daher als rhetorische Frage verstanden werden. Wuketits nimmt an, dass ohnehin auch die meisten Tierethiker, denen er nebenbei mangelndes Überblickswissen aus dem Bereich des Systems der Tierwelt unterstellt, an Tierklassen denken, „die den Menschen emotional ansprechen“. Den entscheidenden Punkt scheint Wuketits darin zu sehen, dass die Unterscheidung, die die meisten Menschen zwischen der Fiebermücke Anopheles und einem Säugetier machen in der Natur des Menschen begründet ist und auch zeitweise durchaus sinnvoll ist, um vor Gefahren zu schützen. Der Mensch ist daher naturgemäß nicht imstande, allen Tieren die gleichen Sympathien zukommen zu lassen.

3. Tiere aus Notwehr zu töten (was eindeutig nicht nur im Bezug auf Tiere gilt): Der Mensch hat nach Wuketits ein in seinem naturgegebenen Überlebensinteresse begründetes Recht, Tiere zu beseitigen, die eine Bedrohung für ihn darstellen. Daher wäre es verfehlt, wenn die Tierethik an der Heiligkeit allen Lebens ansetzten wollte, entscheidend könne vielmehr nur das Individualwohl von Tieren sein.

Nach dieser Auffassung kann das Leben eines Tieres also der Natur des Menschen entsprechend nicht als unantastbar betrachtet werden. Die Antwort auf die Frage, ob man Tiere töten darf, ist daher nach Wuketits in Übereinstimmung mit Hoerster grundsätzlich zu bejahen. Diese Ansicht relativiert er allerdings dadurch, dass er gerade die Grundlage von Hoersters Position darin kritisiert, einen zu starken Kontrast zwischen dem menschlichen Leben und dem Leben anderer Spezies aufzubauen. Zumindest den großen Menschenaffen gesteht er durchaus Interessen zu und räumt damit auch die Möglichkeit ein, ein Tötungsverbot für gewisse Spezies für begründbar zu halten. Damit umgeht Wuketits im Gegensatz zu Hoerster zumindest vordergründig den Vorwurf, die Spezieszugehörigkeit als entscheidendes Kriterium zu betrachten. Wuketits stellt diese Position auf ein stärkeres, evolutionstheoretisches Fundament: Der Begriff des „Mordes“ findet unter den Tierarten deshalb keine Anwendung, weil es in der Natur des Tieres liegt, andere Tiere zu töten, ohne dadurch schuldig zu werden. Ebenso wie das Tier das Recht hat, seiner Natur zu folgen, ohne sich des Mordes schuldig zu machen, muss man nach Wuketits dem Menschen dasselbe Recht zugestehen, da „evolutionsbiologisch betrachtet auch Menschen ja Tiere sind“: „Wenn Rechte der Tiere eingemahnt werden, dann darf man darob die Rechte der Menschen nicht vergessen.“ Dabei unterschlägt Wuketits den Unterschied, dass ein Tier seiner Natur folgt, weil ihm, wie er selbst eingesteht, „nichts anderes übrigbleibt“. Wer keine Wahl hat, kann naturgemäß auch nicht für sein Handeln verantwortlich gemacht werden. Der Mensch hat dagegen in der Regel die Wahl, sich zwischen verschiedenen Handlungsweisen zu entscheiden, ohne dadurch zwangsläufig gegen seine Natur zu handeln. Ganz im Gegenteil gehört die Fähigkeit, bewusste Entscheidungen zu treffen selbst zur Natur des Menschen. So hat er auch als Allesfresser die Wahl zwischen verschiedenen Nahrungsquellen, ohne sein Überlebensinteresse zu vernachlässigen. Natürlich gibt es Einzelfälle, in denen diese Wahl nicht bleibt. Dem von Wuketits angeführte hungernden Äthiopier, der eine Ziege tötet, um zu überleben, würde kein Tierethiker abverlangen, auf sein Überleben zu verzichten. In solchen Ausnahmefällen, wie auch in Fällen echter Notwehr, kann die Theorie von der „Natur des Menschen“ angewendet werden.

In Fällen, in denen die Tötung von Tieren nicht durch das blanke Überlebensinteresse gerechtfertigt ist, in denen dem Menschen selbst vielmehr überhaupt keine Gefahr droht, hat der Mensch allerdings die Möglichkeit, sich bewusst für oder gegen die Tötung eines Tieres zu entscheiden, ohne sich selbst zu schaden. Auch die Abstufung zwischen Tierarten, die nach Wuketits ebenfalls natürlich ist, muss in der Regel nicht rein instinktiv oder aus emotionalen Gesichtspunkten heraus geschehen, sondern kann auf wissenschaftliche Fakten über die Gefährlichkeit des Tieres, bzw. dessen Leidensfähigkeit gestützt werden. Wuketits scheint allerdings davon auszugehen, dass der Mensch, wenn er hier von seinen intellektuellen Fähigkeiten Gebrauch macht, den Tieren, die ja ihrer Natur folgen dürfen, unrechtmäßigerweise mehr Rechte als dem Menschen zugesteht und letztendlich eine „Diskriminierung von Menschen“ bewirkt, die dem Verdacht der Misanthropie ausgesetzt ist: „In einer Zivilisation, in der viele Menschen hungern und verhungern, grenzt es an Zynismus, die vegetarische bzw. vegane Lebensweise als (moralisch) einzig richtige zu propagieren und pauschal alle diejenigen als Mörder zu bezeichnen, die fleischliche Kost zu sich nehmen.[...] Tierethiker sind aufgerufen, auch über die Bedürfnisse des Menschen nachzudenken. Unseren Katzen und Hunden, Kaninchen und Hamstern, die wir uns als Hausgenossen halten, geht es im allgemeinen besser als den meisten Menschen in der Dritten Welt.“

Daneben bleibt Hoersters These, wer Tiere erzeugt, um sie zu töten, tue ihnen im Grunde etwas Gutes. Wuketits räumt ein, dass der Mensch möglicherweise kein Recht hatte, Tiere zu domestizieren, es aber nun einmal getan hat. Diese Entwicklung sei nicht mehr rückgängig zu machen, ohne „unsägliches Leid“ unter den Tieren auszulösen, die in der freien Wildbahn nicht mehr überlebensfähig wären. Es bleibe somit dem Menschen nur die moralische Verpflichtung, die Tiere artgerecht zu behandeln und ihnen zum Wohlbefinden zu verhelfen, wobei Wuketits das Wohlbefinden als psychische und physische Fähigkeit definiert, mit der jeweiligen Umwelt gut zurechtzukommen. „Artgerecht behandelten Haus- und Nutztieren gönnen wir, auch wenn wir sie am Ende töten, während ihres Lebens ein Wohlbefinden, das sie ansonsten wahrscheinlich gar nicht gewinnen könnten.“ Wuketits stimmt damit Hoersters Ansicht zu, dass es verwerflicher wäre, die Tiere überhaupt nicht zu „erzeugen“, da man sie dadurch ihrer, wie Hoerster es ausdrückt, „lohnenden“ Existenz berauben würde. Angesichts der Realität des Umgangs mit sogenannten Nutztieren muss es erlaubt sein, den Vorwurf des Zynismus an dieser Stelle zurückzugeben.

Wuketits kommt im Bezug auf die Verwendung des Begriffs „Mord“ bei Tieren zu keinem ausdrücklichen Ergebnis. Die Frage scheint für ihn dadurch beantwortet, dass er das Töten von Tieren als erlaubt einstuft. Indem er diese Ansicht mit der menschlichen Natur begründet, reduziert er die Fälle, in denen das Töten eines Tieres erlaubt ist, weil durch die Natur des Menschen gerechtfertigt, auf diejenigen Einzelfälle, in denen tatsächlich ein existenzielles Interesse des Menschen betroffen ist. Dass es Ausnahmefälle geben kann, steht der Verwendung des Mordbegriffs nicht grundsätzlich entgegen. Auch beim Menschen unterscheidet man zwischen vorsätzlichem Mord und Notwehrreaktionen, die im natürlichen Überlebensinteresse begründet und daher „gerechtfertigt“ sein können. Die Aufzählung von Ausnahmefällen, in denen der Begriff „Mord“ offensichtlich unangebracht ist, liefert jedenfalls noch kein Argument dafür, den Terminus „Mord“ gänzlich zu streichen. Auf der anderen Seite entspricht es sicher auch nicht den „romantischen Vorstellungen einiger Tierschützer und Tierethiker“, jede Tötung eines Tieres pauschal als Mord zu verurteilen und damit den Mordbegriff im Bezug auf Tiere enger auszulegen als im Bezug auf Menschen.

In ihrem Urteil über Deschner sind sich Hoerster und Wuketits jedenfalls offensichtlich einig: Dem durchaus geachteten Kirchenkritiker Deschner wird sein Ausflug in die Tierethik mit einem gewissen Augenzwinkern verziehen, aber kaum zum Anlass einer ernsthaften Diskussion um die Frage nach einem „ Mord an Tieren“ genommen. So versäumt es etwa Hoerster nicht, den bekennenden Katzenfreund Deschner scherzhaft als heimlichen Mittäter an zahlreichen „Mäusemorden“ zu entlarven und so dem Leser die scheinbare Absurdität der ganzen Fragestellung zu illustrieren: „Müsste man nicht sämtliche Katzen – sowie alle anderen Tiere, die sich vegetarisch gar nicht ernähren können! – ausrotten, damit die furchtbare Fleischfresserei auf der Erde ein Ende hat?“ Helder Yurén versucht dieser Art des Gedankenaustauschs in seiner Replik auf Hoersters Ausführungen[4] daher konsequent mit Ironie zu begegnen und sieht in Hoersters Deschner-Kritik vor allem eine Antwort auf Deschners Versuch, „ihm in seinem Dabeisein den duftenden Braten vom Teller zu stehlen“.

Anmerkungen

[1] Aufklärung und Kritik, Sonderheft 9/2004; Schwerpunkt: Karlheinz Deschner

[2] Karlheinz Deschner: Abermals krähte der Hahn (1962); Kriminalgeschichte des Christentums (seit 1986)

[3] Karlheinz Deschner: Für einen Bissen Fleisch. Das schwärzeste aller Verbrechen (1998)

[4] Helder Yurén: Replik auf Prof. Hoersters glückliches Tierleben; Aufklärung und Kritik 2/2007, S. 212 – 213

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