Der schwierige Stand der Tiere – gibt es einen Ausweg aus der Dissonanz?
Nie standen nichtmenschliche Tiere so sehr im Mittelpunkt unserer Gesellschaft. Nie waren sie dem Menschen so nahe wie heute. Nie war der Mensch so abhängig von ihnen wie in dieser Zeit.
Seien es Blindenhunde, Tiere, die in der Therapie eingesetzt werden, Polizei- und Spürhunde, Pferde, die es Eltern ermöglichen, ihren Kindern ein Hauch von Freiheit zu erkaufen, niedliche Zooinsassen oder schlicht unsere geliebten Haustiere – der Mensch von heute kann nicht mehr ohne sie. Ganz zu schweigen von den die Tieren, die wir nicht auf emotionaler, sondern auf wirtschaftlicher, technischer oder wissenschaftlicher Ebene einsetzen.Die Kuh, das Schwein, die Hühner, die in der Massentierhaltung ihren Anfang und ihr Ende finden, sind die wohl prominentesten und traurigsten Beispiele dieser menschlichen Ausbeutung anderer Wesen. Und gleichzeitig vor allem ein Zeichen der menschlichen Abhängigkeit von anderen Tieren. Wissenschaft, Landwirtschaft, Nahrungsproduktion, Forschung – all das wäre ohne nichtmenschliche Tiere für die meisten Vertreter ihrer Zunft kaum denkbar.
Gleichzeitig kommen verstärkt Bewegungen auf, die sich den Schutz der Tiere auf die Fahnen geschrieben haben. Die Tierschutzbewegungen rutscht immer mehr aus ihrem Schattendasein in die allgemeine Diskussion, wird nicht mehr nur von einer Randgruppe vertreten, sondern befindet sich im Licht der Öffentlichkeit. Die konkreten Resultate sind noch spärlich und ein Umdenken der breiten Bevölkerung, die in ihrer Bratwurst nicht ein verendetes Mitgeschöpf, sondern eine leckere Mahlzeit sieht, liegt in weiter Ferne. Dennoch zeichnet sich ein Wandel ab, und sei es, dass Leute vermehrt auf Bio-Produkte zurückgreifen, anstatt ihre Milch bei Aldi zu kaufen (wenn auch hauptsächlich aus Sorge um die eigene Gesundheit).
Wie sich diese facettenreiche und bedeutungsschwere Rolle anderer Tiere in der menschlichen Gesellschaft im Leben des Einzelnen manifestiert, kann unterschiedlichster Art sein. Die Einen sehen in den Tieren Mitgeschöpfe, deren Rechte es zu wahren gilt, die anderen trennen emotional strikt zwischen „ihren“ Tieren und solchen, die zur Nahrungsproduktion dienen, wieder andere verschenken keinen Gedanken an die Honigbienen, Milchkühe oder sonstigen Tiere, die dem Menschen sein alltägliches Leben in all seiner Bequemlichkeit erst ermöglichen. Egal welcher Natur unser Umgang und unser Verständnis der Tiere nun ist, in jedem Fall ist der Großteil von uns von ihnen im höchsten Maße abhängig: wirtschaftlich, ernährungstechnisch, gesundheitlich oder emotional. Die Rolle der nichtmenschlichen Tiere für die menschliche Gesellschaft kann gar nicht überbewertet werden.Die Gesellschaft als ganze befindet sich in einem Spagat, in einem Zustand der ständigen Dissonanz, da sie vollkommen widersprüchliche Gedanken und Tatsache miteinander vereinen muss. Wir leben einerseits in der Zeit nach Darwin, in einer Zeit, in der die Biologie des Menschen und die evolutionären Wurzeln seines Verhaltens und seiner Psyche immer stärker betont und erforscht werden und vor allem auch in einer Zeit, in der psychische, empathische und emotionale Prozesse bei nichtmenschlichen Tieren auch von Kritikern kaum mehr negiert werden können. Auf der anderen Seite steht die Realität, die Verwendung und Ausbeutung von Tieren in den verschiedensten Bereichen. Ein beinah nicht zu bewältigender Balanceakt, der, betrachtet man es von psychologischer (d.h. dissonanztheoretischer) Seite, nur in folgenden Ausgängen enden kann:
- Der Zustand der Dissonanz bleibt bestehen, was jedoch für den Organismus (hier: die Gesellschaft) unangenehm und schwierig zu ertragen ist. Die Menschen streben von Natur aus stets einen Zustand der Ausgeglichenheit an
- Eine der für die Dissonanz verantwortlichen Grundideen wird geändert; d.h. in diesem Zusammenhang die Annahme, dass der Mensch ein biologisches Wesen wie alle anderen ist, und dass Tiere dem Menschen kognitiv und emotional in gewisser Hinsicht nah stehen. Ein solches Umdenken wäre jedoch durch den fortgeschrittenen Stand der Wissenschaften nur äußerst schwierig zu bewältigen.
- Eine weitere Kognition, bzw. Grundidee wird hinzugefügt, die den Missklang zwischen Einstellung und Handlung relativiert. In diesem Fall wäre das eine speziezistische Einstellung: „Tiere und Menschen ähneln sich zwar, aber der Mensch ist eben trotzdem überlegen, weil er ein Mensch ist, deshalb darf er auch die Tiere für seine Zwecke benutzen.“ Das würde allerdings einen Bruch mit den allgemeinen Gesetzen der Logik und jeder guten Argumentationsführung voraussetzen.
- Eine für die Dissonanz verantwortliche Handlung wird vermieden. Das heißt in diesem Zusammenhang: der Mensch ändert sein Verhalten gegenüber den Tieren.
Es ist wohl unnötig auf die Schwächen und Probleme der ersten drei Möglichkeiten hinzuweisen. So wird die dritte Möglichkeit zwar oft angewandt, und zwar in dem Sinne eines tiefverwurzelten und mit verzweifelter Hartnäckigkeit verteidigten Glaubens an die Überlegenheit des Menschen, dennoch wird sie von jeder nüchtern denkenden Person aufgrund ihrer Willkürlichkeit früher oder später abgelehnt werden müssen. Was bleibt ist die für den Menschen unbequemste und beschwerlichste Lösung: die letzte der oben genannten Alternativen.