Tierethik – Animal Ethics




August 12, 2007

Wieso Tierrechte nicht existieren

Filed under: EssaysProf. Dr. Tibor R. Machan @ 2:22 pm

Seit 1991 beschäftige ich mich mit Tierrechten und der Befreiung der Tiere. Es begann mit einem Artikel mit dem Titel „Do Animals Have Rights?“. Diesen habe ich geschrieben, nachdem ich erfahren hatte, dass ein Kollege, Tom Regan, mit „The Case for Animal Rights“ (University of California Press, 1983) ein viel beachtetes Buch veröffentlicht hat. Seit ich meine Dissertation über dieses Thema verfasst habe, schreibe ich über die Theorie natürlicher Rechte und wollte deshalb endlich einmal klar sagen, was bei dieser Tierrechtsdebatte eigentlich Sache ist.

Im Wesentlichen habe ich dafür argumentiert, dass Rechte schlicht nicht zur Klasse der Entitäten gehören, die nichtmenschliche Tiere haben können. Können Tiere Schuld haben, beschuldigt werden, Bedauern empfinden und bereuen oder sich entschuldigen oder irgendetwas dieser Art? Nein. Und warum das so ist, war der springende Punkt meiner Argumentation: Sie sind keine moralischen Subjekte wie wir, nicht einmal die Großen Menschenaffen.

Wenn ein nichtmenschliches Tier, wie weit entwickelt auch immer, ein anderes Tier seiner Art tötet, verstümmelt oder verletzt, mögen wir dies beklagen soviel wir wollen, jedoch können wir den Täter nicht zur Verantwortung ziehen. Tiere handeln größtenteils instinktiv, selbst wenn dies mit einem geringen Maß an Intelligenz und Selbstbewusstheit einhergehen sollte. Was ihre Handlungen hingegen nicht umfassen, ist Selbstbestimmtheit vermittels einem freien Willen, Selbstbetrachtung und Selbstüberwachung – alles, was sie dazu befähigen würde, ihr Tun zu initiieren und moralisch zu handeln.

Wieso denken Leute wie Regan nichtsdestotrotz, dass Tiere Rechte haben? Weil sie Rechte nicht auf der Basis moralischer Handlungsfähigkeit, sondern auf der eines gewissen Grades an Intelligenz zuschreiben.

In der Natur finden sich keine sehr scharfen Trennungen – ein Kind wird nicht zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem Erwachsenen, ebenso wenig wie ein Fötus zum Kind. Insbesondere, wenn wir auf biologische Entitäten zu sprechen kommen, verlassen wir den Pfad der Präzision von Geometrie und Algebra. Anstatt dessen gibt es gewissermaßen Graubereiche. Und so ist es auch mit der Intelligenz.

Das ist jedoch noch in keinster Weise eine Rechtfertigung dafür, auf die vernunftgemäße Klassifizierung von Dingen zu verzichten. Und alles in allem sind es die Menschen, die zum moralischen Handeln befähigt sind, nichts anderes von dem wir wissen, nicht einmal Tiere mit einem gewissen Grad von Intelligenz – welche zumindest dazu neigen, diese Intelligenz meist nur dann zu zeigen, wenn sie von Menschen gefangen und manipuliert werden, um ihre Pfiffigkeit zu erweitern.

Ja, die Dinge sind komplizierter als einst gedacht – beispielsweise von René Descartes, dem großen französischen Philosophen, der der Überzeugung war, nichtmenschliche Tiere seien Maschinen!

Kürzlich habe ich ein Buch über dieses Thema verfasst, „Putting Humans First“, in dem ich meinen früheren Artikel ausgebaut und die Idee entwickelt habe, dass sich auch die Umweltethik auf einem Irrweg befindet, da sie verkennt, dass Menschen die höchste Leitersprosse der Natur sind und unser Handeln und die öffentliche Ordnung im Bewusstsein dieser Tatsache fortschreiten sollte. Nein, das heißt nicht, dass alles erlaubt ist – Katzen zu quälen ist trotzdem bösartig, wie auch die Missachtung der Leiden von Versuchs- und Haustieren sowie Vieh und Geflügel falsch ist. Aber daraus folgt nicht, dass menschliche Absichten und Zwecke unseren Gebrauch von Tieren nicht rechtfertigen.

Einige haben damit begonnen, Notiz von meiner Position zu nehmen, nachdem sich nur sehr wenige öffentlich dazu geäußert hatten – teilweise vielleicht deshalb, weil PETA und andere Tierrechtsaktivisten kein sehr freundlicher Haufen sind und die meisten diesen Leuten entsprechend früh aus dem Weg gehen. Der aufschlussreichste Einwand gegen mich liest sich ungefähr wie folgt: „Aber es gibt doch Menschen wie beispielsweise Kleinkinder, solche im Koma und solche mit minimaler Geisteskraft, die auch nicht beschuldigt oder verantwortlich gemacht werden können usw. und dennoch Rechte haben. Zeigt das nicht, dass nicht nur Menschen Rechte haben können?“

Dieser Einwand berücksichtigt nicht die Tatsache, dass sich Klassifikationen und das Zuschreiben von Fähigkeiten auf die Plausibilität gewisser Verallgemeinerungen stützen. Eine Möglichkeit, sich dies klar zu machen, ist es, sich in Erinnerung zu rufen, dass kaputte Stühle, obschon nicht dazu geeignet darauf zu sitzen, gleichwohl Stühle sind, keine Affen oder Palmen. Klassifikationen sind nicht zwingend, jedoch vernünftig. Während es einige Menschen gibt, denen es über kurz oder lang – beispielsweise wenn sie schlafen oder im Koma liegen – an moralischer Handlungsfähigkeit mangelt, besitzen Menschen im Allgemeinen diese Fähigkeiten, Nichtmenschen hingegen nicht. Deshalb macht es Sinn, sie als Träger von Rechten zu begreifen, wodurch ihre Fähigkeiten geachtet werden und auch geschützt werden können. Bei anderen Tieren ist dies einfach nicht möglich.

Ein letzter Punkt. Manche bemängeln an meinem Ansatz, dass er keinen streng logischen Beweis für die Rechtlosigkeit der Tiere enthält. Allerdings ist diese Forderung fehlgeleitet – den Nachweis eines Negativs zu fordern ist, wie wenn man von der Verteidigung verlangt, die Unschuld des Angeklagten zu beweisen. Es sind die TierrechtsbefürworterInnen, die es bisher versäumt haben zu zeigen, dass Tiere Rechte haben und ich habe lediglich etwas Zuarbeit geleistet, dies aufzuzeigen.

Aus dem Englischen von Uta Panten und Rainer Ebert.

1 Comment »

  1. Zwei Einwände zu Prof. Tibor R. Machans Argumentation:

    A) “Eine Möglichkeit, sich dies klar zu machen, ist es, sich in Erinnerung zu rufen, dass kaputte Stühle, obschon nicht dazu geeignet darauf zu sitzen, gleichwohl Stühle sind, keine Affen oder Palmen.”

    Weil ich letztens versucht habe Machans Art der Argumentation – dem Beispiel des Stuhls treu bleibend – nach zu vollziehen, habe ich mir einige böse blaue Flecken am Hintern zugezogen! Und so kam das ganze:

    Argumentation:

    1) Stühle sind dazu geeignet, dass man sich auf sie setzt, da sie in der Regel vier intakte Beine und eine robuste Sitzfläche haben.
    2) Auch kaputte Stühle sind Stühle, keine Affen oder Palmen.

    Also habe ich mich draufgesetzt…

    Machan begeht den gleichen Fehler, wenn er argumentiert:

    1) Nur Menschen haben Rechte, weil sie in der Lage sind, moralisch zu denken.
    2) Auch Menschen, die aus bestimmten Gründen (Koma, Behinderung, etc.) diese Fähigkeit nicht besitzen, sind Menschen, keine Affen oder Palmen.

    Also haben auch Menschen, die nicht in der Lage sind, moralisch zu denken, Rechte.

    Das soll jetzt nicht heißen, dass man solchen Menschen ihre Rechte absprechen soll. Das heißt nur, dass man das nicht daraus ableiten kann, dass Menschen in der Regel in der Lage sind, moralisch zu denken. Muss man auch nicht, es gibt ja bessere Argumente für individuelle Rechte. Jedenfalls entfällt dieses Argument, wenn man allen Menschen und nur ihnen Rechte zusprechen möchte.

    B)
    “den Nachweis eines Negativs zu fordern ist, wie wenn man von der Verteidigung verlangt, die Unschuld des Angeklagten zu beweisen. Es sind die TierrechtsbefürworterInnen, die es bisher versäumt haben zu zeigen, dass Tiere Rechte haben und ich habe lediglich etwas Zuarbeit geleistet, dies aufzuzeigen.”

    In der Rechtssprechung gilt die Formel “in dubio pro reo”, “im Zweifel für den Angeklagten” und das ist auch gut so. Denn damit soll verhindert werden, dass ein Unschuldiger zu Schaden kommt. Dieses Prinzip auf die Frage der Tierrechte anzuwenden bedeutet aber, dass wir im Zweifel den Tieren Rechte zugestehen sollten, denn nur damit käme auch im Falle eines Irrtums niemand zu Schaden.

    Comment by Diego De Filippi — June 14, 2008 @ 6:55 pm

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