Tierethik – Animal Ethics




May 6, 2007

Was zählt das einzelne Leben?

Filed under: Essays,Today's ThinkersKatharina Blesch @ 11:31 pm

In der Forschung zu Alternativen zu Tierversuchen geht es darum, den Versuchstieren Leiden zu ersparen. Replace, Reduce, Refine: ersetze Tierversuche, wo es möglich ist, durch alternative Methoden. Reduziere die Anzahl der Tierversuche. Wenn Versuche durchgeführt werden, verbessere die Konditionen für die Tiere. Dieses 3-R-Prinzip ist darauf ausgerichtet, die Situationen tausender Versuchstiere erträglicher zu gestalten und die Anzahl der Tiere, die für Versuche verwendet werden, heute und in Zukunft zu reduzieren. Doch was ist mit dem Leben des einzelnen Tiers? Was ist mit der einzelnen Ratte, die sich heute in einem Versuchlabor befindet und an der heute Versuche durchgeführt werden?

Dieses Interesse, diese Sorge um das Leben des einzelnen Tieres, das in seiner Bedeutung in der unendlich anmutenden Masse der Versuchstiere zu verschwinden droht, hat ein 4. R hervorgebracht: die Rehabilitation von Versuchstieren. Ist ein Versuch durchgeführt und endet dieser nicht mit dem Tod des Tieres, so wird das Tier dennoch, und obwohl es häufig noch lebensfähig ist, getötet. Das 4. R sieht vor, die den Versuch überlebenden Tiere vor diesem unnötigen Tod zu bewahren und aus den Laboren zu übernehmen. Sie werden rehabilitiert, d.h. sie werden an ein Leben mit Artgenossen und ohne den Stress der Laborsituation gewöhnt, und ihnen wird ein lebenswertes Dasein nach dem Versuch ermöglicht.

Bisher ist die Rehabilitation von Versuchstieren, welche sowohl gute Organisation, Erfahrung und Platz als auch die Kooperation von Versuchsleitern und Menschen, die Tiere nach dem Versuch übernehmen, voraussetzt, nur an wenigen Orten etabliert. Dies mindert ihre Bedeutung jedoch nicht: zahlreichen Tiere, von der Maus bis zum Hund, wurde durch die Rehabilitation bereits ein Leben außerhalb des Tierlabors – auf Gnadenhöfen oder in Privathaushalten – ermöglicht. Die einzelne Ratte, die einzelne Katze, die einzelne Maus, werden mehr als reine Zahlen, die in ihrer Aufsummierung eine unüberschaubare Masse ergeben, die es zu reduzieren gilt, sondern sie erhalten durch das 4. R einen Eigenwert, werden zu Individuen mit gesonderten Geschichten, Bedürfnissen und Verhaltensweisen.

Der Mann, der dieses Prinzip in Italien etabliert hat und auch in anderen Ländern einführt, ist Dr. Massimo Tettamanti. Er ist promovierter Chemiker und arbeitet als wissenschaftlicher Berater für namhafte italienische und schweizerische Organisationen zum Schutz von Tieren. Es besteht eine enge Zusammenarbeit mit anderen europäischen Gruppierungen und zudem mit indischen Verbänden, wie etwa dem „Commitee for the Purpose of Control and Supervision of Experiments on Animals“. Sowohl als Autor zahlreicher Bücher zu Fragen des Tierschutzes (u.a. „Gesetzmäßige Giftigkeit“) oder anderen rezenten Fragestellungen, wie z.B. zur Entscheidung für eine vegane Ernährung, als auch als Dozent und Redner trägt Dr. Tettamanti dazu bei, dass Themen besprochen und überdacht werden, die ansonsten in der wissenschaftlichen Auseinandersetzung häufig übergangen werden.

Besondere Betonung gebührt Dr. Tettamantis praktischem Engagement für die Tiere, das von der Planung und Konstruktion geeigneter Unterkünfte über die Übernahme der Tiere aus den Laboren und dem Transport zu den Auffangstationen bis zur konkreten Rehabilitation reicht. Durch den Einsatz für die Tiere, der Wissenschaftlichkeit, Aufklärungsarbeit und praktische Arbeit in sich vereint, lässt Dr. Tettamanti dem einzelnen Tier eine Bedeutung zukommen, die dieses zuvor nie erfahren hat und die im deutlichen Gegensatz zu der allgemeinen Einstellung der Wissenschaft zum Tier steht.

Was zählt das einzelne Leben? Diese Grundfrage, die hinter dem 4.-R-Prinzip steht, spinnt sich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Massimo Tettamanti. Das Leben einer Ratte hat einen eigenständigen Wert, es ist mehr als eine von Millionen Verwirklichungen einer Lebensform. Die Implikationen auf den Menschen sind weitreichend: die Einstellungen und Handlungsweisen des Einzelnen sind von Bedeutung. Gerade im Hinblick auf das menschliche Verhalten gegenüber den Tieren wird deutlich, dass die Entscheidung des Einzelnen- im Sinne der Unterstützung einer Idee, der Aufnahme eines ehemaligen Versuchstiers oder der Annahme einer vegetarischen oder veganen Ernährung – zählt.

4 Comments »

  1. Es war an der Zeit das Thema “Tierethik” in seiner durchaus noch (und notwendigen) abstrakt-allgemeinen Gestalt um die Dimension des “Besonderen” zu bereichern. Die extrem wichtige Rehabilitierungsarbeit, wie sie hier vorgestellt wird, macht das zum großen Teil Unfassliche fassbar und gibt ihm eine nicht-aktionistische und nicht-mitleidsreduzierte Handlungsdimension. Dr. Tettamantis ethisch-praktisches Engagement und seine hier erfahrene Würdigung im tierethischen Kontext ist ein konkreter und replizierbarer Ansatz.

    Comment by Dr. Rainer Blesch — May 11, 2007 @ 3:41 pm

  2. Dieses „vierte R“ ist aus zwei Grunden begrüßenswert: individuell-konkret, weil es Tieren hilft, konzeptionell-theoretisch, weil es Tierversuche ad absurdum führt: Wenn ein Tier das Recht auf Rahabilitation hat, hat es auch das Recht, vom Versuch verschont zu werden! Oder?

    Comment by Dr. Helmut F. Kaplan — May 24, 2007 @ 3:02 pm

  3. Ich bin mir nicht sicher, inwieweit die Grundidee zur Rehabilitation die Frage nach Rechten von Versuchstieren mitimpliziert. Mir scheint es, als sollte man in diesem Zusammenhang eher zweigleisig fahren: auf der einen Seite geht es darum, Tierversuche abzuschaffen (sei es aus moralischen oder aus praktischen Gründen) und andererseits geht es beim 4.R schlicht darum, den überlebenden Tieren eine Chance auf ein Leben zu geben. Die Rechtsdiskussion ist für den ersten Ansatz sehr fruchtbar, doch denke ich, dass beim zweiten die praktische Bedeutung des 4. R im Zentrum stehen muss, und es aus diesem Grunde nicht angebracht ist, diesen Ansatz zu theoretisieren.

    Comment by Katharina Blesch — June 4, 2007 @ 1:09 pm

  4. Wie man das technisch / terminologisch formuliert – mittels Rechten oder anderen ethischen Begriffen -, ist sekundär. Entscheidend ist die ethische Perspektive, die offenkundig eingenommen wird:

    „Was zählt das einzelne Leben? Diese Grundfrage, die hinter dem 4.-R-Prinzip steht, spinnt sich wie ein roter Faden durch die Arbeit von Massimo Tettamanti. Das Leben einer Ratte hat einen eigenständigen Wert …“

    Und wenn man Versuchstieren einen eigenständigen moralischen Wert zuspricht, erhebt sich die Frage: Wie sieht das moralische Konzept aus, das das „vierte R“ fordert, Tierversuche aber dennoch zuläßt. Das ist letztlich, wenn ich mich recht erinnere, genau die Frage vor deren Beantwortung sich Dr. Gruber seit Monaten drückt.

    Comment by Dr. Helmut F. Kaplan — June 12, 2007 @ 4:14 pm

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