Tierethik – Animal Ethics




April 30, 2007

Tierschutz und Wissenschaft – geht das überhaupt?

Filed under: InterviewsJürgen Schneele @ 4:35 pm

Corina GerickeTierrechts- und Tierschutzorganisationen vertreten oft radikale Postitionen. Meist sind ihre Forderungen noch weit von realen Zuständen entfernt und werden nicht selten in der Öffentlichkeit nicht verstanden oder belächelt.

Kurt SimonsWie entstehen diese Postionen? Warum werden sie von Anhängern des Tierschutzes so vehement gefordert? Wie kann eine Annäherung von Tierschützern an die Wissenschaften gelingen? Was wünschen sich Tierschutzorganisitionen von den Wissenschaften, um ihre Ziele zu erreichen?

Es gibt viele offene Fragen. Im Interview mit Dr.-Ing. Kurt Simons, dem Vorsitzenden des Bundesverbands “Menschen für Tierrechte e. V.” und Dr. med. vet. Corina Gericke vom Bundesverband “Ärzte gegen Tierversuche e. V.” versucht Jürgen Schneele, ein paar Antworten zu bekommen.

Schneele: Wie würden Sie Ihr persönliches Verhältnis gegenüber Tieren beschreiben? Haben Sie Haustiere?

Gericke:

Ich respektiere jedes Tier als Individuum mit eigenen Bedürfnissen. Ich lehne es ab, dass Tiere in irgendeiner Form von Menschen instrumentalisiert werden. Nein, ich habe keine Haustiere.

Simons:

Ich bin zusammen mit Tieren aufgewachsen. Derzeit leben meine Frau und ich zusammen sowohl mit Hund als auch Katze, beide mit einer wenig glücklichen Jugend und als „Pflegefälle“ bei uns gestrandet.

Schneele: Würden Sie bitte kurz Ihren persönlichen Weg zum Tierschutz beschreiben? Welche Beweggründe waren für Sie maßgeblich?

Simons:

Das Engagement begann Ende der 70er-Jahre im Bund für Vogelschutz. Dort wurde ich mit Einzelschicksalen konfrontiert und kam dann schnell zu der Erkenntnis, dass über den Artenschutz hinaus konkretes Leid gemindert werden muss.

Gericke:

Ausschlaggebend waren für mich Fernsehberichte Ende der 70er Jahren über Tierhaltung in der Landwirtschaft und über Tierversuche. Mir wurde bewusst, dass es nicht richtig ist, wie wir mit Tieren umgehen und ich wollte dagegen etwas tun. Aber ich fühlte mich allein und wusste ich nicht, wie ich vorgehen sollte. Gleichgesinnte konnte ich zunächst nicht finden. 1984 lernte ich eine lokale Tierversuchsgegnergruppe kennen und seither trete ich aktiv gegen Tierversuche und für Tierrechte ein. Etwa zur gleichen Zeit wurde ich Vegetarierin und kurze Zeit später Veganerin.

Schneele: Gemäß den erklärten Grundsätzen des Bundesverbandes „Menschen für Tierrechte“ e. V. haben Menschen nicht das Recht, Tiere für Nahrung, Kleidung, Forschung oder Unterhaltung zu töten. In der philosophischen Ethik ist der moralische Status von Tieren noch heftig umstritten. Woher beziehen Sie die feste Überzeugung, dass Tiere Rechte besitzen?

Simons:

Für mich ist dies eine Frage der Logik. Grundlegende Rechte existieren aus meiner Sicht aus sich selbst heraus und können nicht einzelnen Arten von Lebewesen durch eine andere Art „verliehen“ werden. Was es allenfalls geben kann ist eine Abwägung der Rechte der Arten untereinander, wenn Interessenskonflikte auftreten . Wenn also konkret mein Leben bedroht oder gefährdet wird, bin ich berechtigt, eine solche Abwägung vorzunehmen und dabei meine eigenen Rechte und Interessen entsprechend wahrzunehmen. Die menschlichen Zivilisationen haben aber überwiegend einen Entwicklungsstand erreicht, der eine Rechtfertigung der Tötung von Tieren mit eigenen Überlebensinteressen nicht mehr zulässt. Abgesehen von einigen organisatorischen Problemen wäre für die meisten Menschen ein tiernutzungsfreies Leben möglich.

Kurt Simons

Schneele: Gibt es ein moralisches Konzept, das Sie vollständig vertreten (z. B. Tom Regan, Peter Singer, Ursula Wolf) oder sehen Sie Lücken in der Praktizierbarkeit? In welchen Punkten stimmen Sie mit existierenden ethischen Konzepten überein, wo gehen Sie Ihnen nicht weit genug?

Simons:

Ich selbst fühle mich den Ansichten und dem Konzept von Tom Regan sehr verbunden, sicherlich auch dadurch beeinflusst, dass ich das Glück hatte, ihn persönlich kennen zu lernen. Zu der Veranstaltung „tierrechte2000“ unseres Verbandes in Berlin im Frühsommer des Jahres 2000 hatten wir Tom Regan eingeladen und damit seine erste Rede vor einem größeren Publikum in Deutschland ermöglicht.

Schneele: Welche Rechte für (nichtmenschliche) Tiere fordern Sie? Welche Rechte halten Sie für die dringlichsten? Wie könnten diese Rechte in unser existierendes Rechtssystem, konkret durch Gesetze, eingearbeitet werden? Wie müssten diese Gesetze aussehen/formuliert sein?

Simons:

Die grundlegende Forderung muss sein, dass die Menschen anerkennen, dass andere Tierarten eigenständige, grundlegende Rechte haben, die unabhängig davon existieren und zu berücksichtigen sind, ob diese mit menschlichen Interessen kollidieren. Wir müssen also sowohl unser persönliches als auch unser gesellschaftliches Handeln zunehmend auf die Berücksichtigung dieser Interessen anderer Arten einstellen. Dies wird in der Realität nur in Teilschritten umsetzbar sein. Wegen der begrenzten Kommunikationsmöglichkeiten zwischen den Arten müssen wir in der Ausgestaltung unseres Rechtssystems eine Treuhändlerrolle für die nichtmenschlichen Tiere einnehmen. Dies könnte zum Beispiel in Form eines auf Länder- und Bundesebene gesetzlich verankerten Klagerechtes für anerkannte Tierschutzverbände berücksichtigt werden.

Schneele: Wie lässt sich die Thematik „Tierrechte“ stärker ins politische Interesse rücken?

Simons:

Die Zusammenhänge zwischen der Anerkennung der Rechte menschlicher und nichtmenschlicher Tiere muss deutlicher aufgezeigt werden. Das Engagement für die Rechte von Tieren ist die konsequente Weiterentwicklung der Anerkennung grundlegender Rechte der Menschen. Jemand der sich glaubwürdig und auf der Grundlage eines der anerkannten moralischen Konzepte der Tierrechtsbewegung engagiert kann nicht gleichzeitig Anhänger weltanschaulicher oder religiöser Gruppierungen sein, die anderen Menschen wegen bestimmter Merkmale und Eigenschaften grundlegende Rechte verweigern oder diese Menschen ausgrenzen. Insofern muss die Diskussion der „Tierrechte“ aus der teilweise selbstgewählten Isolation herausgeführt werden.

Schneele: Was muss Ihrer Meinung nach geschehen, damit Tierrechte Wirklichkeit werden? Wie kann deren Akzeptanz gesamtgesellschaftlich erreicht werden? Oder anders ausgedrückt: Wie kann erreicht werden, dass Menschen keine Tiere mehr zur Produktion von Nahrungsmitteln oder Kleidung und zu anderen Zwecken töten? Wer ist hier alles gefordert?

Simons:

Die Existenzgrundlagen der Menschen müssen verbessert und gerechter verteilt werden. Wer jeden Tag um seine täglich notwendige Nahrung kämpfen muss, der wird wenig motiviert sein, dabei auch noch auf die Interessen anderer Lebewesen zu achten. Die betroffenen Menschen haben diese Änderungsmöglichkeit meistens nicht in der eigenen Hand, sondern diese werden stark beeinflusst von multinationalen, weltweit agierenden Konzernen und anderen einflussreichen Lobbygruppen. Damit sind wir wieder an dem Punkt, wo die Diskussion der Tierrechte in einen politischen und gesellschaftlichen Zusammenhang gebracht werden muss. Einen Anfang kann aber jeder in seinem täglichen Verhalten als Verbraucher machen.

Schneele: Wo sehen Sie kurzfristige Ziele? Ist es möglich, den Weg hin zu Tierrechten Schritt für Schritt zu gehen?

Simons:

Da die Anerkennung der Tierrechte gegen die Interessen der „Tiernutzer“ und die Bequemlichkeit der „Unwissenden“ und „Weggucker“ erstritten werden muss, kann es nur ein Weg in Teilschritten sein. Ziele und Schritte müssen dabei den Umständen und Partnern angepasst werden. Darin liegt auch die Chance für jeden einzelnen Menschen, in seinem Umfeld und im Rahmen seiner Möglichkeiten aktiv zu werden. Konkret: Gegenüber Parteien und Interessenverbänden müssen wir die Forderung aufstellen und machbare Wege dafür aufzeigen, zu einem grundsätzlich anderen Umgang mit Tieren überzugehen. Beispiel für diese Arbeitsebene: Bei einer Novellierung des Tierschutzgesetzes sollte dieses ein grundsätzliches, gesetzliches Verbot für Tierversuche vorsehen. Neben der politischen Handlungsebene müssen auch gesellschaftliche Veränderungsprozesse begleitet werden. Beispiel: Für einen Menschen, der sein persönliches Verhalten zukünftig an den Bedürfnissen und Rechten von Tieren orientieren will, kann es eine konkrete Hilfe sein aufzuzeigen, wie eine ausgewogene tierproduktfreie Ernährung aussehen kann und wie die dazu notwendigen noch fehlenden Informationen beschafft werden können bis hin zum Aufzeigen von Einkaufsquellen zu Preisen, die der Betreffende sich unter der Berücksichtigung seiner Einkommensverhältnisse leisten kann.

Schneele: Dass sich immer mehr Menschen dem Leiden der Tiere in unserer Gesellschaft bewusst werden, zeigt die steigende Nachfrage nach Biofleisch aus so genannter artgerechter Tierhaltung. Sehen Sie darin eine (Zwischen-)Lösung?

Simons:

Da möchte ich kritisch hinterfragen, ob es den Konsumenten von Biofleisch tatsächlich darum geht, Leiden der Tiere zu mindern oder ob nicht eher Eigeninteressen dahinter stecken, also der Wunsch nach „schmackhafterem“ oder „gesünderem“ Fleisch. Die Folgerung „artgerechte Haltung“ gleich „höhere Fleischpreise“ gleich „weniger verzehrte Tiere“ mag zwar die Zahl der Einzelschicksale der betroffenen Tiere reduzieren, birgt aber auch die Gefahr, dass viele Menschen aus Bequemlichkeit auf halbem Wege stehen bleiben und der Druck zur Veränderung nachlässt. Insofern sind die „artgerechte Tierhaltung“ und vergleichbare Ansätze für mich weder Lösungen noch Zwischenschritte.

Schneele: Was wünschen sie sich zur Unterstützung Ihrer Arbeit von zeitgenössischen Philosophen, die sich mit Tierethik befassen?

Simons:

Ich wünsche mir von ihnen, dass sie konkrete Handlungsmöglichkeiten für Menschen und damit umsetzbare Schritte für den Wandel zu einer tierfreundlicheren Gesellschaft aufzuzeigen und jedem Einzelnen damit Mut zur Veränderung zu machen. Menschen scheuen Veränderungsprozesse solange sie fürchten müssen, bei diesen Veränderungen nicht auf der „Gewinnerseite“ zu stehen. Es müssen also vermehrt die Chancen einer Veränderung aufgezeigt werden. Viele Diskussionen sind sehr akademisch und intellektuell auf einem Niveau, für das nur ein Bruchteil der Bevölkerung das Wissen und die geistigen Fähigkeiten aufweisen. In ihrer Wirkung sind diese „Exkurse“ dann eher abschreckend als abholend. Insbesondere in der deutschen Tierrechtsszene ist die Neigung ausgeprägt, von zehn verfügbaren Stunden neun für die Diskussion zu verwenden – „man müsste und man sollte“, wer hat die besten Ideen und wer ist der „beste“ und „wahre“ Tierrechtler – um dann festzustellen, dass die verbleibende Stunde nicht zur Umsetzung der Ideen ausreicht , sofern die neun Stunden überhaupt umsetzbare Ideen gebracht haben und auch noch Einigkeit über das gewünschte Vorgehen erzielt wurde. (Pardon, wenn dies jetzt ein wenig zynisch klingt.) Hier sollten die Theorethiker der Tierrechtsszene mehr Führung und Verantwortung übernehmen für das eigentliche Handeln.

Schneele: Wie beurteilen Sie die aktuelle Diskussion um Tierrechte? Wird die Debatte zu emotional geführt? Welche Plattformen halten Sie für geeignet, welche lehnen Sie ab (z.B. TV-Talk-Shows)?

Simons:

Ein gewisses Maß an Emotionalität ist für mich eine Voraussetzung für Engagement. Wenige Menschen besitzen die Fähigkeit, der Notwendigkeit zum Handeln aus reinen Sachgründen nachzukommen. Dabei sollten sich nur diejenigen in die derzeitig sehr „marktschreierische“ Welt der Medien begeben, die über eine gewisse Abgeklärtheit und Erfahrung im Umgang mit den Medien verfügen, ansonsten ist die Gefahr, dort „vorgeführt“ zu werden, zu groß. Talkshows, in denen Menschen aufeinander gehetzt werden, widersprechen aus meiner Sicht dem Anspruch, wie Menschen miteinander umgehen sollten, insbesondere wenn wir den Tierrechtsgedanken in einem erweiterten Kontext betrachten wie oben angesprochen.

Schneele: Sind Sie mit der Zusammenarbeit von Tierschutz und Wissenschaft zufrieden? Was halten Sie auf beiden Seiten für verbesserungswürdig?

Simons:

Eine solche Zusammenarbeit ist nur in Ansätzen vorhanden. Heutzutage ist Wissenschaft stark geprägt von Eigeninteressen, die eine gewisse Vorsicht ratsam scheinen lassen. Auch die Wissenschaft orientiert sich heute weitgehend an den Gesetzen von Rendite und wirtschaftlichem Nutzen.

Schneele: Wie beurteilen Sie die Arbeit des Tierschutzes? Können Sie Erfolge verbuchen (wenn ja, welche)? Bemerken Sie weit reichende Veränderungen?

Simons:

Realistisch betrachtet muss man feststellen, dass der Tierschutz der letzten Jahre lediglich „Schlimmeres verhindert“ hat. Andererseits wäre zur Zeit der Gründung der Bundesrepublik Deutschland der Gedanke, dass Tierschutz im Grundgesetz erwähnt werden könnte, nicht diskutierbar gewesen. Es gibt durchaus Hinweise auf einen gewissen positiven Bewusstseinswandel hinsichtlich der Rechte der Tiere, andererseits hinkt die Bereitschaft zur Verhaltensänderung noch Jahre zurück. Aber es ist eine Frage unserer Glaubwürdigkeit, auch dann weiter um diese Veränderungen zu kämpfen, wenn die Aussichten auf Erfolg nicht gerade rosig sind. Um es frei nach Martin Luther zu sagen: Und wenn ich wüsste, dass morgen die Welt untergeht, würde ich trotzdem heute noch einen Apfelbaum pflanzen. Ich bin zudem sicher, dass die Welt zumindest morgen noch nicht untergehen wird.

Schneele: Im letzten Sommersemester fand an der Universität Heidelberg eine von der dortigen Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik organisierte Vorlesungsreihe zur Frage nach den Rechten der Tiere statt. Welchen Eindruck hatten Sie von dieser Veranstaltung? Würden Sie sich an deutschen Universitäten in dieser oder ähnlicher Form eine verstärkte Auseinandersetzung mit der Beziehung zwischen Mensch und Tier, sei es seitens der Geistes- oder der Naturwissenschaften, wünschen? Wenn ja, was erhoffen Sie sich davon?

Gericke:

Einen interdisziplinären Dialog an den Universitäten halte ich für ausgesprochen wichtig. Tierexperimentatoren und andere Tiernutzer dürfen nicht länger Herr ihrer selbst gemachten Ethik sein. Sie müssen sich zumindest der öffentlichen Diskussion stellen. Ich würde mir wünschen, dass sich solche Veranstaltungen auch an anderen Hochschulen etablieren würden.

Simons:

Die Veranstaltung hatte ein sehr hohes intellektuelles Niveau und hat deswegen sicher auch nur einen eingeschränkten Kreis von Menschen angesprochen. Aber gesellschaftliche Veränderungen werden immer auf der Ebene der „Vordenker“ eingeleitet. Insofern sind insbesondere die Geisteswissenschaften geeignet und gefordert, diesen Prozess zu verstärken.

Schneele: Wann denken Sie, werden Tiere offiziell Rechte besitzen, aus denen weitreichende Konsequenzen für den Umgang des Menschen mit den Tieren folgen?

Simons:

Dies hängt sicher auch davon ab, was in den nächsten Jahren mit und auf diesem Planeten noch alles passieren wird. Ich will mich hier auch nicht als Prophet betätigen, sondern eher einen Appell formulieren: Wichtig ist, dass wir alle unsere Fähigkeiten einbringen und jeder im Rahmen seiner Möglichkeiten an der Umsetzung dieser Idee mitwirkt. Dies wird dann mit Sicherheit nicht ohne Wirkung bleiben.

Gericke:

Ich bin sicher, dass eines Tages Menschen mit Abscheu und Unverständnis auf unsere Zeit blicken werden, in der Tiere als Nahrungsmittel, Messinstrumente, Felllieferanten, Sportgeräte und Unterhaltungsobjekte missbraucht wurden. Wann es soweit sein wird, hängt von jedem Einzelnen von uns ab.

Schneele: Wie ist Ihre Position zur Vertretbarkeit von Tierversuchen? Gibt es für Sie akzeptable Tierversuche (wenn ja, welche) oder lehnen Sie diese grundsätzlich ab (wenn ja, warum)?

Gericke:

Ich lehne alle Tierversuche als ethisch nicht vertretbar und wissenschaftlich unnötig und unsinnig ab:

Tierversuche sind aus ethischen Gründen abzulehnen, denn auch Tiere haben ein Recht auf ein leidensfreies und ihren Bedürfnissen entsprechendes Leben.

Tierversuche sind außerdem keine geeignete Methode, um Krankheiten des Menschen zu erforschen und wirksame Therapien zu entwickeln.

Die tierexperimentell ausgerichtete Forschung geht von der Annahme aus, man könne das komplexe Krankheits- und Heilungsgeschehen beim menschlichen Patienten in so genannten „Tiermodellen“, d.h. künstlich krankgemachten Tieren, nachahmen. Wichtige Faktoren der Krankheitsentstehung wie Ernährung, Lebensgewohnheiten, Verwendung von Suchtmitteln, Umwelteinflüsse, Stress, psychische und soziale Faktoren werden bei dieser Art der Forschung aber nicht berücksichtigt.

Außerdem unterscheiden sich Tiere und Menschen in ihrem Aufbau, Organfunktion und Stoffwechsel stark und reagieren deshalb unterschiedlich auf Medikamente und andere Substanzen. Das Resultat ist, dass immer wieder ausgiebig in Tierversuchen getestete Medikamente beim Einsatz beim Menschen schwere, oft sogar tödliche Nebenwirkungen zeigen. Jährlich sterben mindestens 50.000 Menschen in Deutschland an den Nebenwirkungen von Medikamenten.

Dies zeigt, dass Ergebnisse aus Tierversuchen sind nicht auf den Menschen übertragbar sind.

Corina Gericke

Schneele: Wie beurteilen Sie die gesellschaftliche Akzeptanz von Tierversuchen? Weshalb akzeptieren Ihrer Meinung nach heute noch so viele Menschen Tierversuche (70% in den USA; Tom Regan in “Animal Rights, Human Wrongs”, 2003, S. 31)? Wer kann diese Akzeptanz verändern und wie?

Gericke:

Hinter dem Tierversuch steht eine ungemein mächtige Lobby, die die Politik und vor allem auch die Öffentlichkeit manipuliert. Ständig hören wir in den Medien von den angeblichen Erfolgen der modernen Medizin gegen Krebs, AIDS, Parkinson, Alzheimer: “Neues Krebsmittel bei Mäusen erfolgreich”, “AIDS-Kranke können hoffen” usw. Dass die angekündigten Durchbrüche dann nicht eintreten, ist keine Meldung in den Medien mehr wert. So setzt sich der Gedanke in der Bevölkerung fest, nur Dank Tierversuchen seien die Geißeln der Menschheit zu besiegen.

Die Manipulation der Öffentlichkeit erfolgt sowohl mit falschen Versprechungen als auch mit einer Verharmlosung des Tierversuchs. Die Qualen, denen die Tiere ausgesetzt sind, werden heruntergespielt, Bildmaterial, wenn überhaupt welches veröffentlicht wird, beschönigt. Authentisches Bildmaterial von Tierversuchen gibt es seit Jahrzehnten nur aus Undercover-Aktionen. Die wissenschaftliche Kritik am Tierversuch in die Öffentlichkeit zu bringen, ist ungemein schwierig. Ich bin sicher, dass sehr viel mehr Menschen Tierversuche ablehnen würden, wenn sie die Wahrheit darüber wüssten.

Schneele: Sieht die Situation bei jungen Leuten anders aus?

Gericke:

Kinder und Jugendliche sind oft dem Tierschutzgedanken sehr aufgeschlossen gegenüber. Sie lehnen aus ihrem Gefühl heraus Tierversuche ab. Die oben erwähnte Manipulation greift bei ihnen noch nicht.

Schneele: Wie schätzen Sie die Akzeptanz von neuen Alternativmethoden zu Tierversuchen bei Wissenschaftlern ein? Erkennen Sie bei Forschern auch ein „NIH-Syndrom“ wie PD Dr. med. vet. Franz P. Gruber? (NIH = Not Invented Here; Damit ist gemeint, dass Wissenschaftler oft Vorbehalte gegenüber neuen Methoden haben, die andere entwickelt haben, siehe hier.)

Gericke:

Forscher leiden vor allem an dem “Publish or parish”-Syndrom. Die Qualität der Forschung wird nicht daran gemessen, wie vielen Menschen geholfen werden konnte, sondern wie viele Artikel in renommierten Fachzeitschriften veröffentlicht und wie oft diese Arbeiten von anderen Wissenschaftlern zitiert wurden. Davon ist zudem die Beantragung von Forschungsgeldern abhängig. Diese werden dazu verwendet, neue Publikationen zu produzieren. Dieses Perpetuum mobile-artige System, das sich selbst erhält, ohne dass etwas Sinnvolles dabei herauskommen muss, funktioniert vor allem bei Tierversuchen. Die tierversuchsfreie Forschung ist weniger etabliert und weniger renommiert.

Schneele: Wie schätzen Sie die Notwendigkeit der biomedizinischen Forschung für den Menschen ein (z. B. experimentelle Chirurgie)?

Gericke:

Ich habe nichts gegen die biomedizinische Forschung, sondern nur gegen eine bestimmte Forschungsmethode. Natürlich ist Forschung wichtig, jedoch sind Tierversuche der falsche Weg, weil sie wegen der unzuverlässige Ergebnisse, die sie liefern, den medizinischen Fortschritt nur aufhalten. Die medizinische Forschung befindet sich in einer Sackgasse. Seit Jahrzehnten wird mit einem ungeheuren Aufwand versucht, Krankheiten wie Krebs, AIDS, Parkinson, Alzheimer, Herz- und Kreislauf-Erkrankungen usw. in den Griff zu bekommen – mit dürftigem Erfolg. Ein Umdenken in der Medizin, ein Beschreiten neuer Wege ist dringend erforderlich, um aus der Sackgasse herauszukommen. Mit einem Verbot von Tierversuchen würden andere medizinische Disziplinen wie Prävention von Krankheiten, Epidemiologie, klinische Forschung, Arbeits- und Sozialmedizin, aber auch tierversuchsfreie Forschungsmethoden mit z.B. menschlichen Zellkulturen in den Vordergrund rücken, was zu einer wesentlichen Verbesserung der Gesundheitslage führen würde.

Schneele: Sie sind zum einen (Tier-)Ärztin und zum anderen Tierschützerin. Wie wägen Sie die Verantwortung von Ärzten und Wissenschaftlern, kranken Menschen und Tieren zu helfen, wenn Sie dazu in der Lage sind, ab gegen deren Verantwortung als Mensch gegenüber Tieren, diesen keinen Schaden zuzufügen (also sie nicht für medizinische Experimente einzusetzen)? Wie können Sie und andere Wissenschaftler diesen Konflikt lösen?

Gericke:

Diesen Konflikt gibt es für mich nicht. Kranken Menschen und Tieren kann durch Tierversuche nicht geholfen werden. Tierversuche müssen abgeschafft werden, um den Weg freizumachen für moderne, sinnvolle Forschungsmethoden, die zudem noch ethisch vertretbar sind.

Schneele: Kann ein Mensch Ihrer Meinung nach heute schon vollständig auf Arzneimittel verzichten, für die irgendeine Art von Tierversuch durchgeführt wurde, selbst wenn er sehr schwer erkrankt? Wenn ja, wie?

Gericke:

Als Tierversuchsgegner muss man nicht auf Medikamente und medizinische Versorgung verzichten. Bei der Ernährung, bei Kosmetika haben wir die Möglichkeit auf Tierqualprodukte zu verzichten, bei Medikamenten, Operationen und anderen medizinischen Maßnahmen haben wir diese Wahl kaum oder gar nicht. Man kann von niemanden verlangen, medizinische Hilfe zu verweigern, nur weil sie an Tieren erprobt wurde.

Tierversuche, die in der Vergangenheit durchgeführt wurden, können nicht mehr rückgängig gemacht werden. Wir können nur dafür kämpfen, dass in Zukunft keine mehr durchgeführt werden und dass es bald tierversuchsfreie Medikamente und Behandlungsmethoden gibt.

Dass praktisch alle Medikamente an Tieren erprobt wurden, ist kein Argument dafür, dass es diese Medikamente ohne Tierversuche nicht gäbe und dass wir womöglich ohne Tierversuche alle an schrecklichen Krankheiten dahinsiechen würden, wie gern behauptet wird. Im Gegenteil, ich bin der Überzeugung, dass wie weiter oben ausgeführt, die Medizin ohne Tierversuche schon viel weiter wäre.

Schneele: Wie beurteilen Sie die Arbeit an Alternativen zu Tierversuchen? Sind Sie mit dem Fortschritt zufrieden? Was wünschen Sie sich von den Wissenschaftlern, die Alternativmethoden entwickeln?

Gericke:

Die tierversuchsfreie Forschung hat in den letzten zwei Jahrzehnten enorme Fortschritte gemacht. Was vor wenigen Jahren noch undenkbar war, ist heute schon Routine. Die positiven Beispiele zeigen, was für ein Potential in diesem Zweig der Forschung steckt. Trotz vieler positiver Ansätze, geht jedoch alles noch viel zu schleppend. Die tierversuchsfreie Forschung müsste finanziell und ideell stärker unterstützt werden, um ihr Renommee zu erhöhen. Junge Forscher müssen frühzeitig in diese Richtung geführt werden. Dazu ist die Einrichtung entsprechender Lehrstühle an den Universitäten notwendig.

Der Ausbau von Testmethoden mit menschlichen Zell- und Gewebekulturen, mit Computermodellen, Mikrochips, Mikroorganismen usw. ist äußerst wichtig. Allerdings müssen wir davon wegkommen, jeden Tierversuch eins zu eins ersetzen zu wollen. Dies ist vor allem im Bereich der Arzneimittelentwicklung und Chemikalientestung möglich. Insgesamt gesehen brauchen wir aber eine völlige Neuorientierung in der Medizin. Krankheiten dürfen nicht länger als mehr oder weniger behebbare Defekte angesehen werden, bei denen einige Symptome notdürftig unterdrückt werden. Die Medizin muss sich auf ihre eigentliche Aufgabe besinnen, primär Krankheiten zu verhindern und zu heilen.

Schneele: Welche Verbesserungen wünschen Sie sich von Gesetzgebern auf dem Gebiet Tierversuche bzw. deren Alternativen?

Gericke:

Ein gesetzliches Verbot von Tierversuchen gekoppelt mit einer Stärkung der tierversuchsfreien Forschung für die Bereiche der Produktprüfung sowie eine Stärkung der bislang vernachlässigten medizinischen Disziplinen wie Prävention, usw.

Schneele: Wie beurteilen Sie die momentane Vorgehensweise bei der Etablierung von Alternativmethoden (3R-Konzept, Validierungsprozess)? Von was würden Sie sich wünschen, dass es anders gemacht wird?

Gericke:

Das 3R-Konzept dient dazu, einzelne Tierversuche zu ersetzen oder etwas weniger leidvoll für die Tiere zu machen. Dieses mag auf kurze Sicht sinnvoll erscheinen, es ändert aber nichts an dem von uns kritisierten Wissenschaftssystem. Der Tierversuch als Methode wird nicht in Frage gestellt. Daher lehnen die Ärzte gegen Tierversuche dieses Konzept als nicht zielführend ab. Ein Resultat des 3R-Konzeptes ist auch der Validierungsprozess, den tierversuchsfreie Testmethoden durchlaufen müssen. Diese müssen die gleichen Testergebnisse liefern wie die zu ersetzenden Tierversuche. Nur dann werden sie behördlich anerkannt. Das heißt, die neuen, besseren Methoden müssen sich an der veralteten, schlechten Methode “Tierversuch” messen lassen. Manche tierversuchsfreie Methoden werden nicht anerkannt, weil sie besser sind als der Tierversuch. Der Tierversuch musste sich einer solch rigorosen Überprüfung seiner Tauglichkeit nie unterziehen. Er wurde und wird einfach akzeptiert. Ein absurdes System.

Schneele: Wie beurteilen Sie die Arbeit des Tierschutzes im Bereich Tierversuche? Können Sie Erfolge verbuchen (wenn ja, welche)? Bemerken Sie weit reichende Veränderungen?

Gericke:

Im Bereich der Tierversuche lässt sich nur selten ermitteln, wie viele Tiere durch unsere Arbeit gerettet werden konnten. Die Erfolge sind eher schleichend und auf längere Zeiträume bezogen. So hat das Bewusstsein und die Sensibilität der Bevölkerung bezüglich Tierversuchen sich in den letzten 20-30 Jahren stark entwickelt. Was den Tieren in den Labors angetan wird, war vor 30 Jahren praktisch unbekannt. In weiten Teilen der Bevölkerung ist der Tierversuch zumindest aus ethischer Sicht negativ besetzt. Die Tierversuche durchführenden Firmen beeilen sich, darauf hinzuweisen, dass sie möglichst wenig Versuche durchführen und schon viele In-vitro-Verfahren einsetzen, weil sie um ihr Image fürchten.

In den letzten Monaten wurden in Berlin, München und Zürich Anträge von Hirnforschern qualvolle Versuche an Affen durchführen zu wollen von den Genehmigungsbehörden verweigert. Eine gewisse Sensibilität ist selbst bei einigen Behörden angekommen.

Auch der anfängliche Rückgang der Tierversuchzahlen bis zu einem Tiefpunkt im Jahre 1997 ist auf die unermüdliche Arbeit der Tierversuchsgegnervereine zurückzuführen. Dass die Zahlen seither wieder angestiegen sind, ist allerdings ein herber Rückschlag.

Ein weiterer Erfolg ist die Entwicklung von In-vitro-Methoden, etwas, dass es vor 20 bis 30 Jahren fast noch nicht gab. Heute ist dies ein eigener Forschungszweig mit unglaublichem Potential. Ohne die jahrzehntelange, unermüdliche Arbeit der Tierversuchsgegner gäbe es ZEBET (Zentralstelle zur Bewertung und Erfassung von Alternativmethoden zum Tierversuche) nicht, gäbe es das derzeit gültige deutsche Tierschutzgesetz nicht, das zwar etliche Defizite aufweist, aber immerhin besser als das vorhergehende ist, gäbe es die EU-Kosmetikrichtlinie nicht, die in absehbarerer Zeit zumindest in einem kleinen Bereich der Tierversuche einen kleinen Fortschritt erzielen wird.

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