“Hinter Stereotypen und Slogans” ist wohl die treffendste Bezeichnung, mit der man das kürzlich gegründete Oxford Centre beschreiben kann. Am Puls der Zeit und in der Tradition christlicher Gelehrter und Philosophen eröffnete vor wenigen Wochen das nach dem spanischen Philosophen und Stierkampfgegner José Ferrater Mora benannte “Ferrater Mora Oxford Centre for Animal Ethics“. Ein bisher weltweit einmaliges Zentrum, das sich der Auseinandersetzung mit tierethischen Fragen und der moralischen Beziehung zwischen Mensch und Tier widmet.
Der momentan wichtigste Mann in diesem Geschehen ist der Direktor des Zentrums, Prof. Andrew Linzey. Der Theologe und Schriftsteller ist Mitglied der Theologischen Fakultät der University of Oxford und besetzt den ersten Lehrstuhl in “Ethik, Theologie und Tierschutz”. Linzey studierte und lehrte zuvor an verschiedenen internationalen Universitäten, so war er unter anderem Gastprofessor an der veterinärmedizinischen Universität Jerusalem, und hat Ehrenprofessuren in Theologie an den Universitären Birmingham und Chicago (USA) inne. Seine Arbeit wurde zahlreich gewürdigt, unter anderem 1990 durch die Verleihung der “Peaceable Kingdom Medal for outstanding work in the field of theology and animals“. Besonders bedeutend für das Gebiet der Tierethik sind vor allem seine Veröffentlichungen. So hat Lindzey mehr als 20 Bücher und 100 Artikel geschrieben, bzw. herausgegeben.
Als Leiter des neuen Zentrums ist sein Ziel die unabhängige, wissenschaftliche und objektive Beschäftigung mit dem Thema Tierethik. Über 100 Akademiker, die aus verschiedenen Ländern zusammengekommen sind, arbeiten nun gemeinsam auf diesem Bereich. So ist beispielsweise der Literaturpreisträger Prof. J. M. Coetzee eines der Ehrenmitglieder. Es ist wohl nicht übertrieben, dieses Zentrum als einen Meilenstein zu bezeichnen. Es kennzeichnet den stetig wachsenden Einfluss moralischer Überlegungen zur Mensch-Tierbeziehung und verdeutlicht zudem, dass Veränderung gerade durch tolerante Auseinandersetzung mit dem Thema erreicht werden kann. Das sich angesammelte tierethische Gedankengut ist hierbei Basis und Ausgangspunkt der moderne Forschung.
Zwar bleibt der Mensch ein wichtiger Bestandteil auch dieser Forschung, da eines der ersten Forschungsgebiete die Klärung der Beziehung zwischen Tierquälerei und Aggressionen bzw. Gewalt gegen Menschen sein soll. Dennoch kommt den nicht-menschlichen Tieren eine akademische Aufmerksamkeit zu, die noch vor wenigen Jahren schlicht undenkbar gewesen wäre. Ein beeindruckendes Projekt, dem nicht nur von tierrechtlicher Seite große Aufmerksamkeit und positive Resonanz zukommt. So wird das neue Zentrum auch von Befürwortern von Tierversuchen angenommen. Ein Sprecher aus diesem Bereich formulierte es folgendermaßen: “Wir verstehen, dass es Unstimmigkeiten auf dem Gebiet der Tierrechte gibt, aber wir glauben, dass diese durch Diskussion und nicht durch Gewalt und Einschüchterung gelöst werden sollten.” Es scheint, als wäre in diesem Zusammenhang die sogenannte Gegenseite Teil einer Synthese auf dem Weg zu einem besseren Verständnis anderer Tierarten.