In einem Vorlesungsverzeichnis des Sommersemesters 2006 war folgende Beschreibung eines Hauptseminars zu lesen:
“Nach einer gängigen Vorstellung ist es das Bewußtsein, das den Menschen von den (anderen) Tieren unterscheidet. Ausgehend von Descartes Behauptung, Tiere könnten vollständig als Automaten erklärt werden, soll es um die Frage gehen, was Bewusstsein ist und welche Gründe man hat, Tieren Bewusstsein zuzuschreiben. Anhand von ausgewählten historischen und gegenwärtigen philosophischen Texten soll nach den Konsequenzen für unseren ethischen Umgang mit Tieren sowie für das Selbstverständnis des Menschen gefragt werden.“
Die Lehrveranstaltung trug den Titel “Mensch und Tier”, fand statt am Philosophischen Seminar der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg und soll, obwohl sie nunmehr nahe dem Ende des Wintersemesters bereits fast ein halbes Jahr zurückliegt, nicht unerwähnt bleiben. Denn erwähnenswert ist diese Veranstaltung in mehrerlei Hinsicht:
- Zuallererst ist erfreulich – weil nicht zum Standardrepertoire deutscher Universitätslehre gehörig –, dass die Auseinandersetzung mit dem Wesen des Tieres und seinem Verhältnis zum Menschen überhaupt Berücksichtigung in der philosophischen Ausbildung findet.
- Zweitens überraschte die etwas „andere“, ja erfrischende Auswahl der Seminartexte (dazu unten mehr).
- Und schließlich fiel das Seminar zeitlich und teils inhaltlich zusammen mit der Interdisziplinären Vorlesungsreihe Tierrechte, so dass interessierten Studierenden insgesamt ein umfassendes und abwechslungsreiches tierethisches Studienprogramm geboten werden konnte.
Ein besonderes Augenmerk richtete der Wissenschaftstheoretiker und Leiter des Seminars Prof. Dr. Peter McLaughlin seinem Lehr- und Forschungsprofil entsprechend auf René Descartes und dessen Kritiker. Akribisch genau wurde Descartes’ Argumentation für eine mechanistische Betrachtung des Tieres behandelt, um später als universaler Prüfstein für alternative Tierbegriffe zu dienen.
Behandelt wurden im Laufe des Semesters folgende Texte in chronologischer Reihenfolge:
- René Descartes: “Discours de la Méthode”, 1637
- Leonora D. Cohen: “Descartes and Henry More on the beast-machine – a translation of their correspondence pertaining to animal automatism”, 1936
- René Descartes: Briefe an Morus (5. Februar 1649), W. Cavendish (23. November 1646) und den Marquis von Newcastle (3. November 1646)
- Georges-Louis Leclerc de Buffon: “Gesammelte Werke”, 1851
- Étienne Bonnot de Condillac: “Traité des Sensations – Traité des Animaux”, 1754
- Daisie und Michael Radner (Hrsg.): “Animal Consciousness” (Kapitel “Three Fables of Animal Mindlessness”), 1989
- Thomas Nagel: “Mortal Questions” (Kapitel “What is it like to be a bat?”), 1979
- Daniel C. Dennett: “Brainchildren – Essays on Designing Minds” (Kapitel “Animal Consciousness: What Matters and Why”), 1998
- Tom Regan: “The Case for Animal Rights” (Kapitel “Animal Welfare”), 1983
- Kenneth Goodpaster: “On Being Morally Considerable”, 1978
- Max Scheler: “Späte Schriften” (Kapitel “Die Stellung des Menschen im Kosmos”), 1976
- Johann Gottfried Herder: “Frühe Schriften 1764-1772″ (Kapitel “Haben die Menschen, ihren Naturfähigkeiten überlassen, sich selbst Sprache erfinden können?”), 1985
- Arnold Gehlen: “Der Mensch – Seine Natur und seine Stellung in der Welt”, 1940
Ausgehend von Descartes’ “Discours de la Méthode” folgte also einem Streifzug durch die philosophische Diskussion um das Wesen der Tiere von 1637 bis Daniel C. Dennett die Frage nach dem moralischen Status der Tiere – gestellt von Tom Regan und Kenneth Goodpaster. In den letzten Sitzungen schließlich kamen mit Max Scheler, Johann Gottfried Herder und Arnold Gehlen drei Vertreter der philosophischen Anthropologie (zweiterer ist dies zumindest implizit) zu Wort.
Aufschlussreich mag abschließend folgende Beobachtung sein:
Im UnivIS (Informationssystem) der Universität Heidelberg findet man neben Personen, Einrichtungen und sonstigen Informationen eine nahezu vollständige Auflistung aller Lehrveranstaltungen der Universität bis zurück ins Sommersemester 2003. In diesen vergangenen sieben Semestern ist das Hauptseminar “Mensch und Tier” von McLaughlin das einzige seiner Art…
Internetverweise
Prof. Dr. Peter McLaughlin
Philosophisches Seminar der Universität Heidelberg
UnivIS der Universität Heidelberg