Neue Rundschau, 117. Jahrgang 2006, Heft 4
Die Frankfurter Zeitschrift für Kulturessayistik widmet sich in der Ausgabe 4/06 dem Themenschwerpunkt Mensch/Tier. Felicitas Hoppe, John Berger, László Krasznahorkai, Scott Bradfield und Barry Lopez nähern sich dem zwiespältigen Verhältnis von Mensch und Tier literarisch. Tilman Spreckelsen betrachtet die Figur des Storches aus kulturgeschichtlicher Sicht, indem er um den Storch kreisende Sagen und Legenden sammelt und ihre Darstellung bei Hans Christian Andersen, in Wilhelm Hauffs “Kalif Storch” und Mihaly Babits’ “Der Storchkalif” vergleicht. Benjamin Bühler und Stefan Rieger setzen sich mit der Geltung des Differenzschemas Mensch/Tier auseinander, das durch die Ableitung der Figur des Menschen aus der Figur des Tieres entstanden ist und das Tier so zum Verhaltensmodell, zum “Übertier” erhebt. Silvia Bovenschen erinnert an Ekelfleisch und Fleischekel und zeigt die Macht der Verdrängung beim Umgang mit dem Tier als Nahrungsmittel, die das Essen zur Kultur des Vergessens macht.
Im Werkgespräch spricht Jörg Bong mit dem Anatom, Human- und Evolutionsbiologen Carsten Niemitz über “Das Tier, das keines sein will“:
Während dem menschlichen Selbstverständnis, das den Homo sapiens streng vom Tier unterscheidet, schon die Vorstellung, vom Affen abzustammen, Unbehagen bereitet, handelt es sich hierbei aus evolutionsbiologischer Sicht nur um die halbe Wahrheit. Streng genommen stammt der Mensch nicht vom Affen ab, sondern ist selbst ein Affe, den Catarrhini, den Altweltaffen zuzuordnen. Auch wenn derzeit Molekulargenetiker und Paläoanthropologen noch darüber streiten, ob Menschenaffen der Status von Hominiden zuerkannt werden muss, relativiert sich aus der Sicht des Evolutionsbiologen die Trennlinie zwischen Mensch und Tier und auch die Epoche seit den ersten Hochkulturen, die der Mensch als seine Geschichte begreift, muss im Hinblick auf das Wesentliche des Menschen im Vergleich mit der Bedeutung seiner evolutionären Entwicklung als unbedeutender Zeitabschnitt erscheinen. Die Abgrenzung des Individuums von der Umwelt und die Fähigkeit zur Reproduktion, der Erwerb des Zellkerns, die Segmentation des Körpers, die Entwicklung von Kiemenbögen und des zentralen Nervensystems, die Ausbildung der Gliedmaßen, der später aufrechte Landgang und die Entwicklung komplizierter Gestik und Mimik markieren die im Hinblick auf das wesentlich Menschliche tatsächlich entscheidenden Voraussetzungen und Eckpunkte der Menschheitsgeschichte. Aber auch das, was als das Besondere der “Natur” des Menschen betrachtet wird, Kultur; Intellekt, Bewusstsein, Sprache, Moral, Kunst, Technik und Glaube versteht Niemitz als Ergebnis des evolutionären Prozesses.
Als eine Besonderheit des Menschen wird seine Sprachfähigkeit verstanden und tatsächlich handelt es sich nach Niemitz bei sogenannten “Sprachversuchen” mit Menschenaffen nicht um gesprochenen Sprache, sondern um den Umgang mit lesbaren Zeichen und Gebärden, sie gehören somit alle noch zum evolutionsbiologisch gesehen älteren Phänomen der Schrift. Als weiteres menschliches Charakteristikum kann die Fähigkeit zur Empathie und die damit einhergehende Entwicklung von List und Tücke, ebenso als möglicher Selektionsvorteil betrachtet werden wie die geringfügige Spezialisierung des Menschen, die es ihm als “Generalisten” erlaubt, sich verschiedenen Lebensräumen und Lebensumständen anzupassen und ihn vergleichbar mit Ratten zur derzeit biologisch erfolgreichsten Tierart macht. Auch die aristotelische Beschreibung des Menschen als zoon politikon erlangt durch die Evolutionsbiologie neue Bedeutung, die die Vermutung nahe legt, dass das Soziale nicht nur Charakteristikum, sondern Konstituens des Menschen sein könnte. Aus den bei Schimpansen bereits rudimentär vorhandenen Kommunikationsformen entwickelte der Mensch die Fähigkeit zur Kommunikation mit einer großen Zahl anonym bleibender Partner als weiteres Exklusivmerkmal. Eine weitere, allerdings weniger ruhmreiche Sonderstellung nimmt der Mensch ein, indem er zu einer nicht durch arterhaltende Vorteile zu erklärenden Aggressivität und Grausamkeit imstande ist. Paradoxerweise findet sich diese ausgerechnet als “Bestialität” bezeichnete Eigenschaft außer bei unseren nächsten Verwandten, den Schimpansen, bei keiner einzigen nichtmenschlichen Tierart und kann daher als zutiefst humanes Verhalten bezeichnet werden.
Das Tier Mensch büßt also auch aus Sicht der Evolutionsbiologie nicht das ein, was als sein “Wesen” verstanden werden kann, der Mensch wird aber als ein Gewordenes und immer noch Werdendes erkennbar, der in seiner heutigen Gestalt nichts weiter als eine Momentaufnahme, ein Zwischenergebnis der Evolution, darstellt. Die evolutionären Mechanismen, die Mutationen sind aus evolutionsbiologischer Sicht nichts als reiner Zufall, die keinerlei Teleologie erkennen lassen, was auch bedeutet, dass eine Konstanz der Arten damit nicht mehr denkbar ist. Die Kultur des Menschen, das Bewusstsein, die Sprache, könnten somit selbst als wirksame evolutive Funktionen gesehen werden, als hard skills, die zwar zufällig entstehen, aber zu wirksamen Optimierungen der einzelnen Menschen im Hinblick auf die Fortpflanzungserfolge werden und durch die Funktion des Kulturzusammenhangs komplementär zu den genetischen Informationen verstanden werden können. Die Fähigkeiten des menschlichen Geistes sind im Gegensatz zur Wahrnehmung und Umsetzung der damit verbundenen Verantwortung evolutionär entstanden, ob der Mensch diese Fähigkeiten zur Zerstörung oder Erhaltung der Welt nutzt, bleibt nach Niemitz ihm überlassen.
In seinem Essay “Können Tiere denken?” diskutiert Dominik Perler die in der gegenwärtigen Tierdebatte in der Philosophie des Geistes von Robert Brandom vertretene Position, die Tieren das Denken grundsätzlich abspricht, indem er prüft, ob sich dessen Annahmen auf die Ergebnisse empirischer Untersuchungen anwenden lassen. Nach Brandom unterscheidet sich der Mensch vom Tier darin, dass er komplexe begriffliche Inhalte erfassen und Gründe angeben kann, während das Tier sich lediglich mit einer Fülle von Sinneseindrücken konfrontiert sieht. Die Sprachfähigkeit stellt für Brandom hierbei das entscheidende Abgrenzungskriterium dar, er geht davon aus, dass nur sprachfähige Lebewesen intentionale und damit kognitive Lebewesen sind. Brandom nimmt an, dass Tiere in einem kausalen Zusammenhang zur Umwelt stehen, innerhalb dessen sie Sinnesreize als Inputs aufnehmen und motorische Reaktionen als Outputs liefern und spricht ihnen damit Intentionalität ab. Das Verhalten von Vögeln, die anscheinend kognitive Landkarten erstellen können, setzt nach Perler allerdings Fähigkeiten voraus, die auf der Ebene eines bloßen Reiz-Reaktions-Schemas nicht mehr zu erklären sind, die vielmehr eine Zwischenstellung zwischen der Reizaufnahme und dem prädikativen Denken einnehmen. Beobachtungen von Affen deuten auf ein zielgerichtetes Verhalten hin, das die Fähigkeit zum Erzeugen einer Zweck-Mittel-Relation sowohl zwischen aktuell präsenten als auch zwischen präsenten und erwünschten Gegenständen voraussetzt. Diese Beobachtungen legen für Perler nahe, den Begriff der Intentionalität in einen vorsprachlichen und einen sprachlichen zu unterscheiden. Tieren muss damit nicht jede Form von Intentionalität abgesprochen werden, sondern nur eine höhere Stufe der sprachlichen Intentionalität.
Ob man Brandoms Sprachthese entkräften kann, hängt nach Perler also davon ab, ob man eine Erklärung für Repräsentationen finden kann, die nicht an Sprache gebunden ist. Nach der Informationstheorie von Fred Dretske ist ein Repräsentationszustand dadurch gekennzeichnet, dass er Information in sich trägt, dass er die Funktion hat, aufgrund eines spezifischen Inhalts ein Verhalten zu bewirken und dass er die Situation richtig oder falsch anzeigt. Der zweite Grund bezieht sich auf die innere Repräsentation und ist damit entscheidend. Die Beobachtung des Lernverhaltens bei Schimpansen kann einen Hinweis darauf geben, dass Tiere über innere Repräsentationen verfügen, da sie auf den gleichen visuellen Reiz mit unterschiedlichem Verhalten reagieren können. Zwischen Reiz und Reaktion ist vielmehr die Zwischenstufe der Repräsentation erforderlich, die den Schimpansen dazu befähigt, selbständig mit dem Input umzugehen. Entscheidend ist hier, dass sie die Repräsentation nicht nur haben, sondern die selbständig überprüfen können, was der informationstheoretische Ansatz übersieht. Eine Repräsentation überprüfen zu können bedeutet aber, dass die Fähigkeit vorausgesetzt werden muss, Wahres von Falschem zu unterscheiden, was nur durch die Unterscheidung von wahren und falschen Feststellungen, also auf der Grundlage der Sprachfähigkeit geschehen kann. Letztendlich scheint man auch ohne Brandoms Voraussetzungen wieder bei der Sprachthese anzukommen. Die ethologische Forschung zeigt allerdings, auf welcher nicht-sprachlichen Grundlage eine Unterscheidung von korrekten und unkorrekten Repräsentationen möglich wäre. So sind etwa Schweine in der Lage, unterschiedliche Gegenstände zu klassifizieren, indem sie sie unter allgemeine Muster subsumieren und auf diese mit korrigierendem Verhalten reagieren, sie also überprüfen.
Können Tiere also denken? Das Problem der Tierdebatte liegt nach Perler in der Bedeutung des Begriffs Denken, die sehr hoch, aber auch sehr niedrig angesetzt werden kann. Perler hält es daher für sinnvoll, den Begriff des Denkens zu differenzieren und nicht einen einzigen Begriff, sondern eine Skala unterschiedlicher kognitiver Prozesse anzunehmen. Dadurch wird ermöglicht, dass keine strenge Trennung zwischen sprachlicher und vorsprachlicher Tätigkeit vorgenommen werden muss, sondern eine Überprüfung stattfinden kann, wie weit Objektivität und Normativität auf vorsprachlicher Ebene möglich sind. Die Frage, ob Tiere denken oder nicht, erweist sich somit zunächst als falsch gestellt.
Markus Wild, der am 24. April 2006 den Eröffnungsvortrag im Rahmen der Interdisziplinären Vorlesungsreihe “Tierrechte” hielt, setzt sich in seinem Essay “Talk to me, walk with me like lovers do!” mit den ideengeschichtlichen Wurzeln der Tierkommunikation auseinander. Während die Sprachfähigkeit des Menschen gerne als wichtigster Faktor aufgefasst wird, der das Tier als Natur- und Sinnenwesen vom Kultur- und Sinnwesen Mensch unterscheidet, behaupten Tierkommunikatoren, Zugang zu der Sprache der Tiere erlangen zu können. Die pädagogische Richtung der Tierkommunikation wurzelt in der bereits von Michel de Montaigne geforderten Umkehr der Perspektive. Die Betrachtung der menschlichen Kommunikation aus der Sicht des Tieres kann dazu beitragen, den engen Begriff der Sprache zu erweitern und den Blick auch auf über die natürliche Sprache hinausgehende Mittel der Verständigung zu richten. Auch die bekanntesten Vertreter der heutige Tierkommunikation, der “Pferdeflüsterer” Monty Roberts und die Hundetrainerin Jan Fennell, machen diesen Perspektivwechsel zur Grundlage ihrer Arbeit. Die Tatsache, dass der Mensch nicht in der Lage ist, Tiere zu verstehen, liegt nach dieser Ansicht nicht daran, dass Tiere keine Sprache hätten, sondern vielmehr am Verlust der ursprünglichen menschlichen Fähigkeit zur Kommunikation mit Tieren. Der in der europäischen Romantik entwickelte Wunsch, diesen Verlust auszugleichen fördert nach Wild seither auf der einen Seite einen veränderten Umgang mit Tieren und trägt so zu ihrer Befreiung bei, auf der anderen Seite macht er deren Verhalten aber auch besser beherrschbar. Vor allem in der esoterischen Richtung der intuitiven und telepathischen Tierkommunikation wird der begrüßenswerte Versuch, Zugang zur Sprache der Tiere zu gewinnen, von der Idee einer kommunikativen Transparenz überlagert. Welch seltsame Blüten diese Auffassung tragen kann, illustriert Wild am Beispiel der Broschüre eines Tierversuchslabors, in der das Versuchstier sein eigenes Dasein als Versuchsobjekt rechtfertigt und so indirekt seine Einwilligung erteilt. Die positiven Tendenzen, die die Umkehr der Perspektive mit sich bringt, werden hier nach Wild von einem sozialen Kitsch überlagert und damit ins Negative umgekehrt.