Am 2. Jänner 2007 war Peter Singer zu Gast in der Sendung “Menschen bei Maischberger”. Thema: “Wer hat ein Recht auf Leben?” In einem solchen Rahmen konnte Singer naturgemäß sein letztlich doch recht komplexes ethisches Konzept (insbesondere das Person-Kriterium samt seinen biologischen, medizinischen, ethischen und sozialen Implikationen) nicht hinreichend vermitteln.
Aber einmal mehr zeigte sich, daß es darauf auch gar nicht so sehr ankommt. Entscheidend sind vielmehr die Fragen, die er stellt, die Widersprüche, die er aufzeigt, und die Verunsicherung, die er auslöst. Denn dies führt mittel- und langfristig zu einer Rationalisierung – im Sinne von Rational-Machen – unseres moralischen Denkens und Handelns.
Eine solche Rationalisierung hat übrigens bereits in nicht geringem Maße stattgefunden (etwa im Hinblick auf das Potentialitätsargument im Zusammenhang mit Stammzellenforschung und Präimplantationsdiagnostik) – was Singers Gegner freilich kaum bemerken, geschweige denn zugeben würden.
Rationalisierung der Moral – davon profitieren naturgemäß diejenigen am meisten, deren moralische Bewertung und Behandlung derzeit am irrationalsten ist: die Tiere! Vor dem Hintergrund der biologischen Fakten (Darwin!) bedeutet jede ethische Entwicklung in Richtung Rationalität einen Fortschritt für die Tiere!
Bedeutet Rationalisierung der Moral nicht im Endeffekt, dass wir von einem Computer regiert werden?
Was richtig und was falsch ist, das sollte auch immer eine Frage des Gefühls sein. Richard David Precht hat das in seinem Buch “Was bin ich, und wenn ja, wie viele?” sehr gut herausgearbeitet. Leider kommt er in dem Kapitel: “Dürfen wir Fleisch essen?” auf diese Weise natürlich zu dem falschen Schluss, weil die Gefühle der meisten Menschen heutzutage den Fleischverzehr zulassen.
Zitat Precht: “Die Frage, inwieweit man sich durch kluge Überlegungen vom Fleischessen abbringen lassen will, muss jeder für sich selbst entscheiden … Ob man nun ganz auf das Steak, den Hamburger und das Brathähnchen verzichtet oder einfach nur etwas seltener Fleisch isst, hängt sehr davon ab, wie stark man sich selbst in dieser Frage sensibilisieren lässt.”
Aber der Rat ist doch gar nicht schlecht. Es käme nur darauf an, die Menschen entsprechend zu sensibilisieren! – Bei den einen funktioniert das durch rationale Argumente ganz gut, andere müssen aber direkt an ihren Gefühlen gepackt werden.
Detlef Liebe
Comment by Dr. Detlef Liebe — September 23, 2008 @ 8:53 am