Dr. Eugen Drewermann im Interview mit Alexander Zehmisch.
Drei Fragen ausgehend von Eugen Drewermanns neuester Buchveröffentlichung „Atem des Lebens. Das Gehirn. Moderne Neurologie und die Frage nach Gott“ (erschienen im September 2006).
1.
Zehmisch: Was kann die Kirche, was können wir alle aus den Erkenntnissen der modernen Neurologie für den Umgang mit (nichtmenschlichen) Tieren lernen?
Drewermann:
Die moderne Neurologie und die Naturwissenschaften in den letzten 150 Jahren, beginnend mit Charles Darwins Buch „Die Entstehung der Arten“ von 1856, haben das anthropozentrische Weltbild des so genannten christlichen Abendlandes zum Einsturz gebracht. Bis dahin hatten wir geglaubt, den Menschen aufgrund seiner Geistseele als Gottes Ebenbild verstehen zu dürfen und den Tieren eben den Besitz einer Geistseele und auch den Anspruch auf Unsterblichkeit absprechen zu können oder zu müssen. Tatsächlich ist die Religion nicht dafür geeignet, uns Naturzusammenhänge zu erklären. Gott selber ist keine Sache, geschweige denn eine Ursache. Die Religion hat zu tun mit der Sinndeutung des menschlichen Lebens und schließt vom Sinn auf das Sein Gottes. Deswegen war es ein Irrtum, zu meinen, dass die Entstehung von Leben, von Bewusstsein, von Selbstbewusstsein, von Personalität sich metaphysisch zurückführen lassen könnte auf bestimmte Schöpfungseingriffe Gottes, der eine Reihe von geistigen Substanzen quer durch die Bahn der Evolution in die Geschichte gesetzt hätte. Die Neuronenmaschine unseres Gehirns ist zunächst ein Instrument gewesen, um im Kampf um’s Leben die Chancen zu verbessern. Das ist ein sehr grausamer Aspekt. Die Religion soll die Frage beantworten, wie wir aufgrund und trotz unserer Herkunft aus der Selektion der Fittesten so etwas lernen könnten wie Menschlichkeit, Güte, Erbarmen.
Und dann sollte die Religion uns nicht länger den Universalanspruch in einem zentralisierten Egoismus der Spezies Homo sapiens sapiens beibringen und gottgestützt sogar zur Pflicht erklären, wie noch im Weltkatechismus der katholischen Kirche von 1992, geschrieben für über eine Milliarde Menschen. Sie sollte ganz im Gegenteil uns zeigen, dass Mitleid, Güte, Barmherzigkeit unteilbar sind. Menschen, die man gelehrt hat, auf Tiere keine Rücksicht zu nehmen, werden alsbald auch keine Rücksicht mehr mit Mitmenschen haben. Die Entdeckungen der Naturwissenschaften schreien förmlich nach einer neuen Ethik, deshalb müssten wir die tradierte anthropozentrische Ethik des so genannten christlichen Abendlandes ein für alle Mal beiseite tun. Der Vegetarismus, in Indien für 50 % der Bevölkerung immer noch maßgebend, wäre ein logisches Resultat der Einsicht, die wir über den engen Zusammenhang von Tieren und Menschen heute besitzen. Stattdessen haben wir die paradoxe Situation, dass wir noch nie so viel von den Tieren gewusst haben und sie noch nie so effizient ausgebeutet haben.
2.
Zehmisch: Begrüßen Sie Wissen über Menschen und andere Tiere auch dann, wenn es (wie vielfach der Fall) auf der Grundlage von Tierversuchen gewonnen wird?
Drewermann:
Leider sind wir im Schlachthof groß geworden. Die Medizin hat seit ihren Anfängen, seit den Tagen des Hippokrates und des Galen, geglaubt, mit Vivisektionen an Kriegsgefangenen, an Gladiatoren, auch an Tieren, das riesige Maß der Unwissenheit verkleinern zu können oder zu sollen. Tatsächlich war die Neurologie bis Anfang des 20. Jahrhunderts ganz und gar auf Läsionsdiagnosen angewiesen. Man sah, dass bestimmte Schädigungen im Gehirn von Tieren oder Menschen bestimmte Ausfälle zur Folge haben, und konnte erste begründete Hypothesen über neuronale Zusammenhänge aufstellen. Wir müssen auch noch daran denken, dass es noch keine 110 Jahre her ist, dass man überhaupt weiß, dass es Neuronen gibt, geschweige, was sie für eine Rolle spielen. Wir haben in dem gesamten 20. Jahrhundert unerhört viel dabei gelernt, indem wir die Läsionsforschung aktiv eingesetzt haben. Man wollte herausfinden, was passiert, wenn wir selber gezielt Verletzungen im Gehirn von Tieren vornehmen, was passiert, wenn wir sie bestimmten extremen Bedingungen aussetzen. Das Paradox besteht in dem Ergebnis, das dabei zutage treten musste. Wir haben so menschliche Gefühle wie Angst, Hoffnungslosigkeit, Trauer, Verzweiflung, wir haben die Stressreaktionen, wir haben das, was Walter Cannon um 1920 schon als Notfallreaktionen bei Tieren wie Menschen beschrieben hat, so identisch kennen gelernt, dass es nicht übertrieben ist, zu sagen, wir sind neurologisch den menschlichen Gefühlen in den Köpfen von Ratten und Mäusen und Kaninchen und Katzen auf die Spur gekommen. Wenn sich zeigt, wie übertragbar die Gefühle von Tieren auf Menschen sind, anders als das bei den meisten Ergebnissen von Tierversuchen der Fall ist, wenn wir deutlich sehen, wie stark die Emotionsbindung von Tieren an ihre eigene gemüthafte Gestimmtheit ist, sollte daraus die Pflicht einer extremen Rücksichtnahme auf diese Gefühle hervorgehen, die wir aus unserem eigenen Herzen so deutlich kennen. Mit einem Wort: Die Neurologie widerlegt ihre eigene Vorgehensmethode vom Ergebnis her.
3.
Zehmisch: Wie optimistisch oder pessimistisch sind Sie im Hinblick auf das Handeln der Menschen und die Lage der Tiere in zwanzig Jahren?
Drewermann:
Wir töten ganze Teile unserer eigenen emotionalen Welt und wir schneiden uns von den eigenen Wurzeln ab, wenn wir weiter zulassen, dass in zehn Jahren schon die Heimat der Orang-Utans zerstört sein wird, die Heimat der Berggorillas zerstört sein wird, die Heimat der Schimpansen zerstört sein wird. Das sind die Wurzeln der Evolution, aus denen wir selber kommen. Noch haben wir die letzte Chance, in unseren Tagen zu studieren, wie freilebende Schimpansen sich verhalten, um zu lernen, aus was für Quellen wir selber kommen. Frans de Waal hat gerade ein schönes Buch geschrieben: „Der Affe in uns“. Wir sehen die Tiere und wir haben unseren Spiegel. Wir sind gerade dabei, diesen Spiegel ein für alle Mal und unwiderbringlich zu zerstören. Tiere im Zoo sind etwas völlig anderes als Tiere an der Westküste Afrikas oder auf Sumatra und Borneo. Aber es ist unsere Generation, die das macht, sehenden Auges.
Und ich muss Ihnen zugeben, dass ich an dieser Stelle ziemlich hilflos bin, denn Sie können einem gemütsfernen, ethisch ignoranten System wie dem der Kapitalvermehrung nichts von alledem beibringen, wovon wir gerade reden. In der Welt, in der Sie einen Urwald kaufen müssen, um ihn schützen zu können, ist die Welt zum Ausverkauf bestimmt, und es wird immer Leute geben, die noch mehr bieten, nicht um es zu schützen, sondern endgültig zu zerstören. Das geht jeden Tag, und das geht jeden Tag schneller so. Nicht in der Ethik, ich glaube, in der Art, wie wir Wirtschaft definieren, liegt das Hauptproblem.
Ich nehme an, die Kinder in zwanzig, dreißig Jahren werden uns fragen, wo wir eigentlich waren, als wir dachten, einen Urwald zu vernichten lohnt allemal, wenn dabei das Importfleisch für McDonalds billiger wird auf dem europäischen Markt. Irgendwann wird man sagen, das ist Wahnsinn gewesen, aber dann wird’s zu spät sein.
Dr. Eugen Drewermann: Theologe, Psychotherapeut und Publizist; verfasste über 70 Bücher, in denen er sich schwerpunktmäßig mit dem Verhältnis von modernen Naturwissenschaften, Anthropologie und Theologie auseinandersetzt; tritt ein für ein therapeutisches Christentum; engagiert sich in Fragen von Naturschutz, Friedenssicherung und globaler Gerechtigkeit; hielt am 19. Oktober 2006 zum Abschluss der Interdisziplinären Vorlesungsreihe Tierrechte in Heidelberg einen Vortrag mit dem Titel: „Wie hältst Du’s mit den Tieren oder: Von der Notwendigkeit einer neuen Ethik“.
Alexander Zehmisch: Student der Philosophie, Literatur- und Rechtswissenschaften; stellvertretender Vorstandsvorsitzender der Interdisziplinären Arbeitsgemeinschaft Tierethik Heidelberg.
Großes Kompliment für den gesamten Blog und die Köpfe dahinter. Vielen Dank insbesondere für den schönen Eintrag mit Drewermann. Es ist sehr wohltuend, in der Menge der überwiegend schlecht gemachten Interviews insbesondere auf diesem Themenfeld hier einmal wieder eine Ausnahme zu sehen. Die Fragen erfassen sehr geschickt das, worauf es ankommt und Drewermann antwortet wie gewohnt sehr souverän und befriedigend, insofern er zeigt, daß wir uns mit der aktuellen Befindlichkeit der Welt gerade nicht zufrieden geben können.
Eine Frage: Wie aktuell ist das Interview?
Keep up the great work!
Mit freundlichen Grüßen,
W. Durner
Comment by W. Durner — January 14, 2007 @ 10:04 pm
Vielen Dank!
Das Interview ist vom 19. Oktober 2006.
An diesem Tag hielt Herr Drewermann im Rahmen unserer Vorlesungsreihe ‘Tierrechte’ in Heidelberg auch einen Vortrag (den Schlussvortrag) mit dem Titel: “Wie hältst Du’s mit den Tieren oder: Von der Notwendigkeit einer neuen Ethik” (siehe http://www.vorlesungen-tierrechte.de).
Beste Grüße,
A. Zehmisch
Comment by Alexander Zehmisch — January 16, 2007 @ 3:44 pm