Verfügen nichtmenschliche Tiere (im Folgenden wird der Einfachheit halber der Zusatz „nichtmenschlich“ weggelassen) über Emotionen und Gefühle? Wie lässt sich dies wissenschaftlich untersuchen?
Diese schlichten Fragestellungen bilden den Ausgangspunkt für den folgenden Artikel. In ihrer Formulierung und Erscheinung relativ eindeutig und klar, sind diese Fragen doch von großer Komplexität und bieten Konfliktpotential sowohl für die gesellschaftliche, wie auch die wissenschaftliche Diskussion zu diesem Thema. Ein zusätzlicher Aspekt zu der inhaltlichen Frage nach Emotion versus Gefühl bei Tieren wird im Folgenden die methodische Gegenüberstellung von Experiment und Anschauung sein. Zunächst werden die zwei aktuellen Arbeiten „Fundamental Feelings“ des Neurowissenschaftlers Antonio Damasio und „Do Animals Have Feelings?“ von Klaus Wilhelm herangezogen und als Basis für die Beschäftigung mit der Frage nach den Emotionen und Gefühlen der Tiere verwendet. In den darauffolgenden Abschnitten soll versucht werden, die verschiedenen Gedankengänge zu kombinieren, bzw. einander in ergänzender Weise gegenüberzustellen.
Am Anfang soll zunächst ein Erfahrungsbericht der Verhaltens -und Primatenforscherin Jane Goodall stehen, der das Verhalten eines Schimpansen nach dem Tod seiner Gefährtin eindrücklich beschreibt:
„Never shall I forget watching as, three days after Flo´s death, Flint climbed slowly into a tall tree near the stream. He walked along one of the branches, then stopped and stood motionsless, staring down at an empty nest. After about two minutes he turned away and, with the movements of an old man, climbed down, walked a few steps, then lay, wide eyes staring ahead. The nest was the one which he and Flo had shared a short while before Flo had died. (…) Flint became increasingly lethargic, refused food and, with his immune system thus weakened, fell sick. The last time I saw him alive, he was hollow-eyed, gaunt and utterly depressed, huddled in the vegetation close to where Fol had died. (…) The last short journey he made, pausing to rest every few feet, was to the very place where Flo´s body had lain. There he stayed for several hours, sometimes staring and staring into the water. He struggled on a little further, then curled up – and never moved again.” (Goodall, 1990, zitiert nach Bekoff, 2003, S. 933)
Dieser einführende Bericht über das Verhalten des Schimpansen Flint verdeutlicht den praktischen Bezug der theoretischen Beschäftigung mit der Frage nach dem Gefühlsleben der Tiere. Berichte dieser Art werfen schwierig zu beantwortende Fragen auf, welche die Berücksichtigung vieler Aspekte erfordern und die verschiedensten Wissenschaftsbereiche ansprechen: Trauert Flint um seine Gefährtin? Kann man bei Schimpansen und bei Tieren im Allgemeinen von Gefühlen sprechen?
Seit der Zeit Darwins, für den Emotionen unerlässliche Aspekte des Überlebensmechanismus darstellten, ist sich die Wissenschaft weitest gehend darüber einig, dass nicht nur der Mensch in seiner selbsternannten Monopolstellung, sondern auch andere Säugetiere, zumindest im biologischen Sinne, über Emotionen verfügen. Allerdings besteht keineswegs Einigkeit über die Frage nach dem Verhältnis von Emotion und Gefühl: Sind bei den Emotionen von Seiten des Tieres auch Gefühle involviert? Zeigt ein Wolf z.B. Angst vor einem Jäger oder Freude bei der Zusammenkunft seines Rudels, weil sich diese Verhaltensäußerungen bisher als überlebenssichernd gezeigt haben, oder fühlt er wirklich Angst, Freude, Trauer und Leid?
Ein Ansatz, der sich eben mit dieser Frage auseinandersetzt, kommt von dem amerikanischen Neurowissenschaftler Damasio. Er unterscheidet klar zwischen Emotionen und Gefühlen. Emotionen sind laut Damasio physikalische Signale des Körpers, die von äußeren Reizen hervorgerufen werden. Sie sind somit auch direkt erforschbar. Gefühle hingegen sind Eindrücke, die bei Interpretation von Emotionen durch das Gehirn entstehen. Sie sind privat und daher nicht direkt erforschbar. Da ein wichtiger Aspekt bei der Entstehung von Gefühlen die Interpretation ist, ist die Grundlage jeden Gefühls die Fähigkeit zur Selbstreflektion. Laut Damasio ist einzig der Mensch zu Reflektion oder Selbstwahrnehmung fähig und somit schließt er, haben Tiere zwar Emotionen, aber keine Gefühle.
Diese Argumentation weist einige Schwachpunkte auf. Es stellt sich beispielsweise die Frage, ob Gefühle wirklich nur durch Reflektion zustande kommen können. Der Verhaltenswissenschaftler Panksepp bezweifelt diese Annahme Damasios und argumentiert, dass die Wurzel der Emotion im Limbischen System liegt. In einer Gehirnregion also, die evolutionär schon sehr alt ist und die der Mensch mit vielen anderen Säugetieren teilt. Menschen sind nach seiner Theorie zwar die einzigen Wesen, die über ihre Gefühle reflektieren und diese bewusst beeinflussen und manipulieren können, doch dies bedeutet laut Panksepp nicht, dass die Gefühle selbst durch Reflektion entstehen.
Obwohl diese Theorie ebenfalls einige Schwachpunkte aufweist, ist sie von Relevanz für die Diskussion, da sie auf die Strittigkeit der Annahmen Damasios verweist. Eine der Grundprämissen Damasios ist die These, dass Gefühle stets durch Reflektion entstehen. Wird die Gültigkeit dieser Aussage nun in Frage gestellt, büßt auch die daraus abgeleitete Annahme, Tiere verfügten nicht über Gefühle, an Aussagekraft ein.
An den Ansätzen von Damasio und Panksepp wird deutlich, dass ein rein neurowissenschaftlicher Ansatz unbefriedigende Antworten gibt und viele offene Fragen hinterlässt. Zum einen bleibt offen, wie die Forschungsergebnisse für die Realität zu deuten sind. Was können sie zu der Deutung des Verhaltens des Schimpansen Flint beitragen? Zum anderen stellt sich die mehr philosophisch verankerte Frage, ob man aufgrund von Forschung im Labor wirklich behaupten kann, dass Tiere über keine Form der Reflektion oder Selbstwahrnehmung verfügen. Die Möglichkeit, dass andere Formen von Selbstbewusstsein existieren, die nicht durch vom Menschen entwickelt Tests erfasst werden können, wird von Seiten der Neurowissenschaft nicht in Betracht gezogen.
Einen alternativen Ansatz bietet der amerikanische Verhaltensforscher Marc Bekoff. Laut Bekoff haben Tiere nicht nur Emotionen, sondern verfügen zudem über Gefühle. Er geht hierbei unter anderem auf Befunde von Spiegeltests ein, die auf die Existenz von Selbstwahrnehmung bei einigen Tieren, wie beispielsweise Schimpansen, hinweisen. Die Annahme, dass Tiere, die über Selbstwahrnehmung verfügen, auch über bewusste Gefühlswahrnehmung verfügen, liegt nahe und ist der zentrale Ausgangspunkt Bekoffs.
Bekoff begründet seinen Ansatz sowohl auf der Ethologie wie auf einem Konzept, das im Folgenden als „Anschauung“ bezeichnet werden soll. Nach Schischkoff (1965) wird die Anschauung hierbei als das „unmittelbare Erleben der Dinge, (…) empirisches, nicht begriffliches Begreifen von Wirklichkeit“ (ebd., S. 23) verstanden.
Durch das Prinzip der Anschauung lassen sich Phänomene in die Forschung mit aufnehmen, denen sonst wenig Beachtung von Seite der Wissenschaft zuteil wird. Phänomene, die von Forschern in der natürlichen Umgebung der Tiere, im Feld, beobachtet werden, wie z.B. die Trauer des Schimpansen Flints über den Verlust seiner Gefährtin. Die Anschauung ist für Bekoff unersetzlich, wenn man reale Phänomene wie Emotionen erforschen will. Tiere und Menschen unterscheiden sich laut ihm nur graduell in Bezug auf Emotionen und Gefühle: “We know that many animals experience rich and deep emotional lives. They feel emotions such as joy, happiness, fear, anger, grief, jealousy, resentment, and embarrassment.” (Bekoff, 2006b, S. 14)
Kombiniert man die Betrachtungsweisen Damasios und verschiedene Feld- und Verhaltensstudien im Sinne Bekoffs und wendet dies auf Beobachtungen von in Sozialverbänden lebenden Säugetieren an, kommt man zu interessanten Erkenntnissen. Anhand von Darstellungen von z.B. der Ethologin Isabel Bradshaw, wird deutlich, dass Tiere, die wie Elefanten in festen Familien- bzw. Herdenverbänden leben, Struktur und ein stabiles soziales Gerüst zur Verarbeitung ihrer Emotionen, wie der Trauer, benötigen. So finden sich afrikanische Elefanten nach dem Tod eines Artgenossen im Herdenverband ein und verweilen Tage in engem Zusammenhalt bei dem toten Körper, wobei sie sich über Berührungen und ihr für den Menschen nicht hörbares, Kommunikationssystem verständigen.
Eine mögliche Interpretation dieses Geschehnisses ist die Annahme, dass die Elefanten ihre Emotionen durch die Interaktion und Kommunikation mit den anderen Herdenmitgliedern in einem sozialen Kontext widerspiegeln. Es findet also eine gewisse Form der Reflektion über die eigene Emotion statt. Diese Tatsache führt wieder zu der Differenzierung von Emotionen und Gefühlen zurück. Laut Damasio, wird von Gefühlswahrnehmung ausgegangen, wenn Reflektion über das Erlebte bzw. die Emotion stattfindet. Es liegt also nahe, nicht nur von Emotionen, sondern auch von der Existenz von Gefühlen bei Elefanten und bei anderen Tieren, die wie der Mensch komplexe Sozialstrukturen aufweisen, auszugehen.
Die Unstimmigkeit, die diese Fragestellung innerhalb der Wissenschaft aufwirft, wird durch die gesellschaftliche Relevanz des Themas verstärkt. Tieren Gefühle zuzusprechen hätte in der heutigen Zeit weitreichende Folgen – auch für die Wissenschaft selbst, da dies die Durchführungen von Experimenten an Tieren in ein zunehmend kritisches Licht rücken würde. Tierversuche und Massentierhaltung auf der einen und Tierschutz- und Tierrechtsbewegungen auf der anderen Seite kennzeichnen die Dissonanz, die diesbezüglich in der Gesellschaft besteht. Die Beschäftigung mit der Fragestellung, ob Tiere Gefühle haben, ist somit ein sensibles Thema mit hoher gesellschaftlicher Bedeutung und wird nicht zuletzt aus diesem Grund kontrovers diskutiert.
Die Implikationen, die im letzten Abschnitt aus den verschiedenen Arbeiten gezogen wurden, mit dem Ergebnis, dass höher entwickelte Tiere sehr wahrscheinlich über komplexe Gefühlswahrnehmung verfügen, sind keineswegs unproblematisch. Dies sollte allerdings nicht dazu führen, dass man Tieren Bewusstsein gänzlich abspricht oder von der Auseinandersetzung mit dem Thema Abstand nimmt. „Of course other minds are privat but that doesn´t stop us from trying to understand what another human is thinking or feeling (…). We need to do the same thing with animals.” (Bekoff, 2006b, S. 14). In anderen Worten bedeutet dies, dass wenn die herkömmlichen Messmethoden ihre Grenzen erreichen, die Beobachtung und Anschauung ihre besondere Relevanz für die Forschung gewinnen.
Jedoch ist die Einbeziehung der Anschauung noch kein allgemeingültiges Verfahren, und ihr sollte laut vieler Wissenschaftler mehr Beachtung zukommen. In diesem Sinne schließen die Worte Konrad Lorenz´ die hier angerissene Diskussion. “Das unvoreingenommene Anschauen der Natur ist Beginn und Grundlage allen Forschens, und es ist umso unentbehrlicher, je komplizierter das zu erforschende Objekt ist. Nächst dem Menschen selbst sind die höheren Tiere die kompliziertesten Systeme, die es auf unserem Planeten gibt, und wenn wir heute eine ganze Menge über die subtilsten Probleme der Physik und Chemie, aber vergleichsweise gottesjämmerlich wenig über uns selbst wissen, so liegt das zum großen Teil daran, dass das Schauen unmodern geworden ist.“ (Lorenz, 1989, S. 7)
Auch wenn die Wissenschaft sich noch weit davon entfernt befindet, die Frage nach der genauen Beschaffenheit der Emotionen bei Tieren beantworten zu können, so wird doch deutlich, dass der Weg dorthin über die reale Auseinandersetzung mit den zu untersuchenden Tierarten zu erreichen ist.
Literaturverzeichnis
- Bekoff, M. (2003). Minding Animals, Minding Earth: Old Brains, New Bottlenecks. Journal of Religion and Science, 38, 911-941.
- Bekoff, M. (2006a). Animal Passions and Beastly Virtues: Cognitive Ethology as the Unifiying Science for Understanding the Subjective, Emotional, Empathic, and Moral Lives of Animals. Journal of Religion and Science, 41, (March), 71-104.
- Bekoff, M. (2006b). Minding Animals: An Interview with Marc Bekoff. The Vegan, 14 (3), 14-15.
- Bradshaw, I.G.A. (2004). Not by bread alone: Symbolic Loss, Trauma, and Recovery in Elephant Communities. Society & Animal Journal of Human-Animal Studies 12 (2), 143-158.
- Damasio, A. (2001). Fundamental Feelings. Nature 418, URL: http://www.nature.com, doi: 10.1038/35101669, 781, 25.05.2006.
- Lorenz, K. (1989). In: Trumler, E.: Mit dem Hund auf du – Zum Verständnis seines Wesens und Verhaltens (Vorwort). München: Piper 1989. 7-9.
- Schoschikoff, G. (1965). Philosophisches Wörterbuch. 17. Aufl. Stuttgart: Alfred Kröner Verlag.
- Wilhelm, K. (2006). Do Animals Have Feelings? Scientific American Mind 13 (2), 24-29.
Schöner Text!
Comment by Alexandra Breunig — November 12, 2006 @ 11:17 pm
Alle mit Tieren zusammenlebende Menschen beobachten täglich, dass Tiere Gefühlsregungen zeigen. Und es gibt genug einschlägige Literatur über wild lebende Tiere, die dasselbe berichtet. Das Problem ist, dass wir Menschen uns an unserem eigenen Verhalten orientieren und viele aufgrund dessen den Tieren keine eigene Intelligenz und eigene Persönlichkeit zugestehen, obwohl es unzählige Hinweise darauf gibt.
Großes Kompliment für euer Engagement. War in einigen Vorträgen eurer Vorlesungsreihe Tierrechte und habe sie mit großem Interesse verfolgt. Was ich auch weiterhin tun werde. Lieben Gruß…
Comment by Margit — November 15, 2006 @ 12:21 pm
Liebe Margit,
danke für Ihren Kommentar. Ich stimme Ihnen in Ihrer Anmerkung zu. Sobald man genau hinsieht, ist es eindeutig, dass die Gefühlswelt anderer Tiere der menschlichen in vielen Punkten entspricht und ihr in ihrer Bedeutung gleichzusetzen ist. Dennoch glaube ich, dass ein “gesunder” und nicht, wie so oft praktiziert, absoluter Vergleich mit unseren eigenen Gefühlen und Kognitionen eine wertvolle Basis ist, um zentralen Fragen in Bezug auf unsere Mitlebewesen nachzugehen. Schließlich sind wir selbst der einzige Referenzpunkt, von dem wir ausgehen können, um andere zu erkennen und zu beschreiben.
Comment by Katharina Blesch — January 23, 2007 @ 11:44 am
Das was uns von den Tieren unterscheidet ist die Sprache. Mit ihr können wir in die Zukunft planen und unsere Hypothesen über die Welt stellvertretend sterben lassen. Sprache ist bewusstes Handeln. Wir beschreiben unsere Gefühle und Emotionen mit Sprache. Sprache = Bewusstsein? Wahrscheinlich.
Und bei Tieren? Hier kann man nur Thomas Nagel zitieren: Wie ist es eine Fledermaus zu sein?
Comment by Ernst Wilde — June 5, 2007 @ 7:31 am
Sprache ist in der Tat einer der wichtigsten Aspekte, der die Spezies Mensch auszeichnet. Es ist zudem wahrscheinlich, dass ein großer Teil dessen, was wir als unser Bewusstsein bezeichnen, über die Sprache entsteht und über sie in der Interaktion mit anderen erfahrbar ist. Dennoch scheint es mir nicht gegeben, Sprache als kritisches Unterscheidungsmerkmal zwischen dem Menschen und nichtmenschlichen Tieren heranzuziehen. Unlängst wissen wir um die Existenz komplexer Kommunikationssysteme bei anderen Tierarten, seien es Wale, Elefanten oder Pferde.
Natürlich ist es trotzdem möglich die Unterschiede in der Sprache zu betonen und auf fehlende Grammatik, Zukunftgerichtetheit oder andere Dinge hinzuweisen; man wird stets zu dem Schluss kommen, dass die menschliche Sprache sich von den anderen unterscheidet. Und trotzdem ist es kein hinreichender Grund von einer bestimmten Eigenschaft (denn die menschliche Sprache ist nicht mehr als das) einer Spezies auf ihre Sonderstellung in Hinblick auf z.B. das Bewusstsein zu schließen. Andere Tierarten haben andere Eigenschaften, die sie von anderen unterscheiden und auszeichnen, wie z.B. der Geruchsinn bei Hunden. Sie können ihren Geruch von allen anderen Gerüchen differenzieren, andere nach ihrem Geruch klassifizieren und sich anhand von Gerüchen in ihrer Welt orientieren. Ist nicht gerade das der Punkt, der Bewusstsein ausmacht: Zugang zur Außenwelt zu haben, sich selbst als eigenständiges Wesen wahrnehmen zu können und sich von anderen unterscheiden zu wissen?
Comment by Katharina Blesch — June 13, 2007 @ 6:53 pm